Kettner Edelmetalle
20.03.2026
06:56 Uhr

Webers verzweifelter Klammergriff an die bröckelnde Brandmauer

Es ist ein Schauspiel, das man inzwischen zur GenĂŒge kennt: Ein Spitzenpolitiker der Union stellt sich vor die Kameras, schwingt große Reden ĂŒber Abgrenzung und Prinzipientreue – und offenbart dabei vor allem eines: die wachsende NervositĂ€t des politischen Establishments. EVP-Chef Manfred Weber hat bei einer Veranstaltung in Augsburg die AfD als „eine absolut toxische Partei" bezeichnet und jede Form der strukturierten Zusammenarbeit kategorisch zurĂŒckgewiesen. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: FĂŒr wen war diese Inszenierung eigentlich gedacht?

Wenn Worte lauter werden, wackelt das Fundament

Der Anlass fĂŒr Webers verbalen Rundumschlag ist brisant. Aufgetauchte Chatprotokolle legen nahe, dass Mitglieder seiner eigenen EVP-Fraktion im Europaparlament durchaus mit der AfD und anderen rechten Parteien in regelmĂ€ĂŸigem Austausch stehen. Gemeinsame Abstimmungen, informelle GesprĂ€chsformate – insbesondere bei migrationspolitischen Vorhaben soll es offenbar eine pragmatische Zusammenarbeit gegeben haben, die so gar nicht zum offiziellen Narrativ der eisernen Brandmauer passen will.

Statt sich dieser RealitĂ€t ehrlich zu stellen, wĂ€hlt Weber den Weg der maximalen Eskalation. Er attackiert nicht nur die Partei, sondern richtet sich direkt an deren WĂ€hler mit den Worten: „Glaubt ihr den Mist ernsthaft, den euch die erzĂ€hlen?" Eine bemerkenswerte Aussage. Denn damit beleidigt der CSU-Politiker nicht etwa eine Handvoll FunktionĂ€re, sondern Millionen deutscher BĂŒrger, die bei der letzten Bundestagswahl ihr demokratisches Recht wahrgenommen haben. Ist das die viel beschworene Dialogbereitschaft der Volksparteien?

Die Arroganz der Macht

Was Weber offenbar nicht begreift – oder nicht begreifen will: Die AfD ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Sie ist das Produkt jahrelangen politischen Versagens, einer unkontrollierten Migrationspolitik, einer schleichenden Deindustrialisierung und einer zunehmenden Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten. Wenn ein Viertel der WĂ€hlerschaft sich von einer Partei vertreten fĂŒhlt, die das Establishment als „toxisch" brandmarkt, dann sollte man vielleicht nicht die WĂ€hler beschimpfen, sondern sich fragen, was man selbst falsch gemacht hat.

Immerhin rĂ€umt Weber in einem seltenen Moment der Ehrlichkeit ein, dass der Erfolg populistischer Parteien auch mit ungelösten politischen Problemen zusammenhĂ€nge. Die Migrationspolitik sei zentral, die Außengrenzen mĂŒssten gesichert, irregulĂ€re Migration begrenzt und abgelehnte Asylbewerber konsequent zurĂŒckgefĂŒhrt werden. „Es muss funktionieren, dass wir an der Außengrenze fĂŒr Ordnung sorgen, dass der Staat entscheidet, wer reinkommt und nicht die Schlepperbanden", so Weber wörtlich.

Dieselben Forderungen, die man bei anderen als „rechtsextrem" geißelt

Man muss sich diese Ironie auf der Zunge zergehen lassen: Exakt dieselben Forderungen, die Weber hier als seine eigenen prĂ€sentiert, werden der AfD seit Jahren als rechtspopulistisch, menschenverachtend und demokratiefeindlich ausgelegt. Donald Trump wurde fĂŒr identische Positionen von der internationalen Presse regelrecht zerfleischt. Wenn aber ein CSU-Mann dasselbe fordert, ist es plötzlich verantwortungsvolle Realpolitik? Diese Doppelmoral ist so durchsichtig, dass sie selbst dem politisch desinteressiertesten BĂŒrger auffallen dĂŒrfte.

Die SPD wiederum nutzt die Gelegenheit, um Weber einen „Eiertanz" in der Brandmauer-Debatte vorzuwerfen. GeneralsekretĂ€r Matthias KlĂŒssendorf kritisierte, Weber halte sich nicht konsequent an den Abgrenzungskurs und setze auf punktuelle Zusammenarbeit mit rechten KrĂ€ften. Ein Vorwurf, der angesichts der geleakten Chatprotokolle nicht ganz unberechtigt erscheint – und der die ohnehin fragile Große Koalition in Berlin zusĂ€tzlich unter Spannung setzt.

Demokratie lebt vom Diskurs, nicht von Ausgrenzung

Die sogenannte Brandmauer ist lĂ€ngst zu einem Symbol fĂŒr alles geworden, was in der deutschen Demokratie schieflĂ€uft. Statt sich inhaltlich mit den Argumenten einer demokratisch gewĂ€hlten Oppositionspartei auseinanderzusetzen, wird ausgegrenzt, diffamiert und moralisiert. Man erklĂ€rt Millionen von WĂ€hlern kurzerhand fĂŒr unmĂŒndig und fragt sie allen Ernstes, ob sie „den Mist" glauben wĂŒrden. Das ist keine politische Auseinandersetzung. Das ist Arroganz in Reinform.

Dabei zeigt der Blick nach Schweden, Italien oder DĂ€nemark, dass konservative Regierungen durchaus erfolgreich mit rechten Parteien kooperieren können – ohne dass die Demokratie zusammenbricht. Im Gegenteil: In Schweden hat die Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten zu einer deutlich restriktiveren und effektiveren Migrationspolitik gefĂŒhrt. Aber solche Beispiele passen natĂŒrlich nicht in das Weltbild eines Manfred Weber, der lieber an einer ideologischen Mauer festhĂ€lt, als pragmatische Lösungen fĂŒr die drĂ€ngenden Probleme unserer Zeit zu suchen.

Die BĂŒrger dieses Landes haben es verdient, dass ihre gewĂ€hlten Vertreter miteinander reden – sachlich, respektvoll und ergebnisorientiert. Wer stattdessen ganze WĂ€hlergruppen als AnhĂ€nger einer „toxischen" Bewegung abstempelt, der schadet der Demokratie weit mehr als jede Oppositionspartei es je könnte. Die Brandmauer mag noch stehen. Aber die Risse sind unĂŒbersehbar – und kein noch so lautes Geschrei wird sie kitten können.

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