
Leipzig nach der Amokfahrt: Wenn Politiker resignieren statt zu handeln

Zwei Tote, mehrere Verletzte, eine Stadt im Schockzustand â und was hat der OberbĂŒrgermeister von Leipzig den entsetzten BĂŒrgern zu sagen? Burkhard Jung (SPD), gleichzeitig PrĂ€sident des Deutschen StĂ€dtetages, lĂ€sst verlautbaren, man könne die InnenstĂ€dte ânicht zu Festungen umbauen". Eine bemerkenswerte Aussage, die in ihrer fast schon trotzigen Hilflosigkeit den Zustand der politischen Klasse in Deutschland sinnbildlich zusammenfasst.
Resignation als politisches Programm
Was am Montagnachmittag in der Leipziger FuĂgĂ€ngerzone geschah, ist eine Tragödie: Ein 33-jĂ€hriger deutscher StaatsbĂŒrger raste mit seinem Fahrzeug durch eine belebte EinkaufsstraĂe, erfasste mehrere Passanten. Eine 63-jĂ€hrige Frau und ein 77-jĂ€hriger Mann verloren ihr Leben. Menschen, die einfach nur einkaufen, flanieren, ihre Stadt genieĂen wollten. Die Reaktion des höchsten ReprĂ€sentanten der Stadt? Achselzucken in elegant verpacktem Behördendeutsch.
StĂ€dte mĂŒssten âOrte des Miteinanders und der Begegnung bleiben", erklĂ€rte Jung. Niemand bestreitet das. Doch zwischen lebendiger Innenstadt und ungesicherter FuĂgĂ€ngerzone liegen Welten. Dass ausgerechnet jener Eingang zur EinkaufsstraĂe, durch den der TatverdĂ€chtige fuhr, weder durch Poller noch durch sonstige Barrieren geschĂŒtzt war, wĂ€hrend andernorts in Leipzig sehr wohl absenkbare Sperren installiert wurden, wirft Fragen auf, die mit lapidaren AllgemeinplĂ€tzen nicht zu beantworten sind.
Ein bekannter Mann, ein vermeidbares Drama?
Besonders brisant erscheinen die Details, die nun bekannt werden. Der mutmaĂliche TĂ€ter sei der Polizei bereits aufgefallen â wegen Bedrohung und âehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld". Mehr noch: Am 17. April, also nur gut zwei Wochen vor der Tat, kam es zu einem Polizeieinsatz, in dessen Folge der 33-JĂ€hrige aufgrund seines psychischen Zustandes in ein Fachkrankenhaus eingewiesen wurde. Bis zum 29. April sei er dort behandelt worden â fĂŒnf Tage spĂ€ter raste er in eine Menschenmenge.
Wie kann es sein, dass eine als psychisch labil bekannte Person, die wegen Bedrohungsdelikten polizeibekannt war, wenige Tage nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie unbehelligt ein Fahrzeug steuern und damit eine derartige Tat begehen konnte? Hier offenbart sich ein systemisches Versagen, das mit Pollerdebatten allein nicht zu erklÀren ist.
Sicherheit ist mehr als ein Lippenbekenntnis
Die BĂŒrger dieses Landes haben ein Recht auf Sicherheit im öffentlichen Raum. Sie haben es satt, nach jeder Tat dieselben hohlen Phrasen zu hören â von âBestĂŒrzung", von âAufklĂ€rung", von âKonsequenzen", die dann doch nie folgen. Wer als Verantwortlicher öffentlich erklĂ€rt, man könne eben nicht alles schĂŒtzen, signalisiert den BĂŒrgern eines: Ihr seid auf euch allein gestellt.
Die Innenstadt Leipzigs werde keine Festung, betont auch der Stadtsprecher Matthias Hasberg. Niemand fordert das. Doch zwischen einer Festung und einer ungesicherten Schneise fĂŒr jeden mit Mordlust und FĂŒhrerschein gibt es einen weiten Raum verantwortungsvoller Gestaltung. Diesen Raum endlich auszufĂŒllen, wĂ€re die eigentliche Aufgabe der Politik.
Vertrauensverlust mit Ansage
Es ist kein Zufall, dass das Vertrauen in staatliche Institutionen in Deutschland seit Jahren erodiert. Wenn die politisch Verantwortlichen nach einer solchen Tat als Erstes erklĂ€ren, was alles nicht möglich sei, statt zu skizzieren, was getan werde, dann darf sich niemand wundern, wenn die BĂŒrger den Glauben an den Schutz durch ihren eigenen Staat verlieren. In ungewissen Zeiten â wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch â wenden sich daher immer mehr Menschen werthaltigen Anlagen wie physischen Edelmetallen zu, um zumindest ihr Vermögen vor staatlichem Versagen abzusichern.
Die Ermittlungen wegen zweifachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs laufen, der TatverdĂ€chtige sollte einem Ermittlungsrichter vorgefĂŒhrt werden. Hinweise auf ein politisches oder religiöses Motiv gebe es bislang nicht. Doch unabhĂ€ngig davon: Die Hinterbliebenen der Opfer und die verĂ€ngstigte Bevölkerung haben mehr verdient als die resignierte Botschaft, dass eben nicht ĂŒberall Poller stehen können.
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