Kettner Edelmetalle
09.04.2026
05:32 Uhr

Deutschlands Arzneimittelversorgung vor dem Kollaps: Wenn selbst Blutdrucksenker zur Mangelware werden

Was sich wie ein Szenario aus einem Entwicklungsland anhört, ist lĂ€ngst bittere RealitĂ€t in deutschen Apotheken: Wer heute mit einem Rezept fĂŒr ganz gewöhnliche Medikamente gegen Bluthochdruck, Alzheimer oder Asthma die nĂ€chste Apotheke betritt, hört immer hĂ€ufiger den ernĂŒchternden Satz: „Das haben wir gerade nicht." Keine exotischen SpezialprĂ€parate, keine hochkomplexen Biologika – nein, es fehlen die Grundpfeiler der alltĂ€glichen medizinischen Versorgung. In einem Land, das sich gerne als wirtschaftliche Supermacht inszeniert, mutet das geradezu grotesk an.

Über 500 PrĂ€parate nicht lieferbar – und es wird schlimmer

Die Zahlen sprechen eine unmissverstĂ€ndliche Sprache. Beim Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte sind derzeit mehr als 500 PrĂ€parate als nicht ausreichend lieferbar gemeldet. FĂŒnfhundert. Man lasse sich diese Zahl auf der Zunge zergehen. Eine Apothekerin aus Neuss bei DĂŒsseldorf, die vier Filialen betreibt, bringt das Dilemma auf den Punkt: Es seien keine Exoten, die fehlten, sondern Medikamente des tĂ€glichen Bedarfs. Das mache das Ganze besonders Ă€rgerlich.

Und alles deutet darauf hin, dass sich die Situation weiter verschĂ€rfen dĂŒrfte. Die Ursachen sind vielfĂ€ltig, doch sie haben einen gemeinsamen Nenner: jahrzehntelanges politisches Versagen und eine strĂ€fliche VernachlĂ€ssigung strategischer SouverĂ€nitĂ€t.

Die fatale AbhÀngigkeit von Asien

Die Wurzel des Übels liegt Tausende Kilometer entfernt – in Produktionshallen in Indien und China. Rund zwei Drittel der Wirkstoffe fĂŒr Nachahmermedikamente, sogenannte Generika, stammen mittlerweile aus asiatischen LĂ€ndern. Europa hat sich in eine AbhĂ€ngigkeit manövriert, die an FahrlĂ€ssigkeit grenzt. Bricht dort auch nur ein einziger großer Hersteller weg, zieht eine Grippewelle die Nachfrage nach oben oder kommt es zu geopolitischen Verwerfungen, spĂŒren das Patienten in ganz Europa sofort und unmittelbar.

Die globale Pharmaproduktion hat sich in einer Handvoll Megawerke konzentriert. Ein Ausfall an einem einzigen Standort reicht aus, um weltweit EngpĂ€sse auszulösen. Wer so etwas zulĂ€sst, handelt nicht nur wirtschaftlich unklug, sondern gefĂ€hrdet die Gesundheit der eigenen Bevölkerung. Doch statt in strategische UnabhĂ€ngigkeit zu investieren, hat die deutsche Politik jahrelang lieber ĂŒber Gendersternchen und LastenfahrrĂ€der debattiert.

Generika-Produktion in Europa? Wirtschaftlich kaum noch darstellbar

Der wirtschaftliche Anreiz, Generika in Europa herzustellen, schwindet unterdessen weiter. Pro verkaufter Packung bleibe den Herstellern oft nur ein paar Cent Gewinn – zu wenig, um Investitionen in Produktionsanlagen zu rechtfertigen. Die Folge ist so vorhersehbar wie verheerend: Immer mehr Anbieter steigen aus der Produktion aus. Ein Teufelskreis, den die Politik sehenden Auges zugelassen hat.

Der Großhandel schlĂ€gt Alarm

Als wĂ€re die AbhĂ€ngigkeit von asiatischen Lieferketten nicht schon besorgniserregend genug, tut sich ein weiterer Schwachpunkt auf: der pharmazeutische Großhandel. Jene Unternehmen also, die Medikamente beschaffen, lagern und tĂ€glich an Apotheken ausliefern – das logistische RĂŒckgrat der Arzneimittelversorgung.

Der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) hat der Bundesgesundheitsministerin in einem Brief vorgerechnet, was jeder Kaufmann im ersten Lehrjahr verstehen wĂŒrde: Bei 65 Prozent aller verschreibungspflichtigen Packungen – konkret rund 500 von 750 Millionen Einheiten jĂ€hrlich – deckten die Einnahmen die tatsĂ€chlichen Kosten fĂŒr Beschaffung, Lagerung und Auslieferung nicht mehr. Die gesetzliche VergĂŒtung fĂŒr den Großhandel sei seit 2012 nicht substanziell angehoben worden. Seit 2012! In einer Zeit, in der die Inflation galoppiert, Energiekosten explodiert sind und Personalkosten stetig steigen.

Phagro-Vorsitzender Marcus Freitag fordert von der Bundesregierung eine Anpassung dieser VergĂŒtung. Seine Warnung könnte kaum deutlicher ausfallen: Ohne eine solche Korrektur werde das Angebot schrumpfen – mit direkten Folgen fĂŒr Patienten. Das Versorgungsniveau in Deutschland wĂŒrde spĂŒrbar sinken, das Prinzip der Vollversorgung sei massiv infrage gestellt.

Gesetze auf dem Papier – Versorgung in der RealitĂ€t

Die frĂŒhere Ampelregierung hat 2023 mit dem sogenannten ALBVVG versucht gegenzusteuern. Doch wie so oft bei den Gesetzeswerken jener glĂŒcklicherweise gescheiterten Koalition blieb es bei halbherzigen Maßnahmen. Der GKV-Spitzenverband zieht eine ernĂŒchternde Bilanz: Der Gesetzgeber habe zahlreiche Ausnahmen bei bewĂ€hrten Preismechanismen eingefĂŒhrt, daran aber keine Regelungen fĂŒr eine verbindliche Verbesserung der Versorgungssicherheit geknĂŒpft. Typisch Ampel, möchte man sagen – viel Symbolpolitik, wenig Substanz.

Auch auf EU-Ebene sucht man nach Antworten. Mit dem „Critical Medicines Act" wolle die Kommission die Produktion wieder stĂ€rker nach Europa holen. Doch Experten warnen, dass heimisch gefertigte Generika deutlich teurer wĂŒrden – was letztlich die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherung trĂ€fe. Der BĂŒrger zahlt also so oder so die Zeche fĂŒr das Versagen der Politik.

Der Iran-Krieg als neuer Unsicherheitsfaktor

Als wĂ€re die Lage nicht schon prekĂ€r genug, kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu: der eskalierende Iran-Konflikt. Direkt in den Apotheken sei der Krieg bislang noch nicht angekommen, heißt es. Doch hinter den Kulissen wachse die NervositĂ€t erheblich. In den Laboren und Werken der deutschen Arzneimittelhersteller steige die Sorge, je lĂ€nger die Blockade der Straße von Hormus andauere, warnt die HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin von Pharma Deutschland.

Der Grund ist so simpel wie alarmierend: Helium – ein Gas, das fĂŒr die QualitĂ€tskontrolle von Arzneimitteln unverzichtbar ist und ohne das kein Medikament eine Marktzulassung erhĂ€lt – komme zu einem erheblichen Teil aus Katar. Nach Angriffen auf dortige Anlagen sei die Produktion des Edelgases bereits gedrosselt worden. Deutschland ist fast vollstĂ€ndig auf Helium-Importe angewiesen. Wieder eine AbhĂ€ngigkeit, wieder ein strategisches VersĂ€umnis.

Ein Weckruf, der nicht lÀnger ignoriert werden darf

Die Arzneimittelkrise offenbart schonungslos, wohin eine Politik der NaivitĂ€t und des Sparens an der falschen Stelle fĂŒhrt. WĂ€hrend man in Berlin Milliarden fĂŒr ideologische Projekte locker machte, wurde die medizinische Grundversorgung der eigenen Bevölkerung strĂ€flich vernachlĂ€ssigt. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz steht nun vor der gewaltigen Aufgabe, die Scherben zusammenzukehren, die ihre VorgĂ€nger hinterlassen haben. Ob das 500-Milliarden-Sondervermögen, das ohnehin kommende Generationen mit Schulden belastet, auch fĂŒr die StĂ€rkung der pharmazeutischen SouverĂ€nitĂ€t eingesetzt wird, bleibt abzuwarten.

Eines steht fest: Ein Land, das seinen BĂŒrgern nicht einmal mehr gewöhnliche Blutdrucksenker garantieren kann, hat ein fundamentales Problem. Und dieses Problem heißt nicht Schicksal – es heißt politisches Versagen.

Wissenswertes zum Thema