
Brandmauer als Bumerang: Warum die Welt auf Sachsen-Anhalt starrt

Ein Bundesland, das international bislang kaum jemand auf der Landkarte suchte, ist plötzlich Weltnachricht. Von London ĂŒber Paris und Madrid bis SĂŁo Paulo berichten Zeitungen ĂŒber die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Die Frage, die sie umtreibt: Wird AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund der erste MinisterprĂ€sident seiner Partei?
Die Ausgangslage ist fĂŒr die etablierten Parteien alarmierend. Umfragen sehen die AfD bei rund 41 bis 43 Prozent â meilenweit vor der CDU. Ein Wahltrend vom 12. August wies der AfD 42,1 Prozent aus, der CDU 22,9 Prozent, der Linken 13,0, der SPD 6,6 und den GrĂŒnen 4,6 Prozent. Eine absolute Mehrheit der Landtagsmandate liegt damit im Bereich des Möglichen.
Der unbequeme Befund: Die Brandmauer half der AfD
Interessant ist weniger die Aufregung als die Ursachenanalyse. Selbst linksliberale BlĂ€tter kommen zu einem Schluss, der in Berliner Parteizentralen wehtun dĂŒrfte. Der britische âGuardianâ ordnet die Abstimmung als eine der bedeutendsten Landtagswahlen der Nachkriegsgeschichte ein â und fragt zugleich, ob die vielbeschworene Brandmauer nicht exakt das Gegenteil ihres Zwecks bewirkt habe.
Die Logik dahinter ist bestechend einfach: Wer nie regieren darf, muss nie liefern. Weil die AfD von Verantwortung, Kompromiss und Scheitern konsequent ferngehalten wurde, konnte sie versprechen â wĂ€hrend CDU und SPD die Folgen ihrer eigenen Politik erklĂ€ren mussten.
Zugleich habe der Ausschluss die ĂŒbrigen Parteien in immer neue ZweckbĂŒndnisse gepresst, heiĂt es in der Analyse. Die Unterschiede verwischten. Der AfD-Vorwurf von den austauschbaren âKartellparteienâ sei damit ungewollt bestĂ€tigt worden. Bitter fĂŒr Friedrich Merz: Er habe einst angekĂŒndigt, den AfD-Stimmenanteil zu halbieren â verdreifacht habe er sich seither.
Ein CDU-Kommunalpolitiker spendet 10.000 Euro â fĂŒr die AfD
Ăhnlich argumentiert das konservative britische Magazin âSpectatorâ: Wer jede Zusammenarbeit ausschlieĂe, sei auf BĂŒndnisse nach links angewiesen, mĂŒsse konservative Positionen rĂ€umen â und enttĂ€usche die eigene StammwĂ€hlerschaft. Als Beleg nennt das Blatt den CDU-Kommunalpolitiker Bernd Prange, der öffentlich erklĂ€rte, AfD zu wĂ€hlen, und Siegmunds Wahlkampf mit 10.000 Euro unterstĂŒtzt habe.
Ein Einzelfall? FĂŒr viele Beobachter eher ein Symptom dafĂŒr, wie weit sich die Bundesspitze von Teilen der ostdeutschen Basis entfernt hat.
Die brasilianische âFolha de S.Pauloâ beschreibt derweil, wie die Brandmauer per Taktik gerettet werden soll: Aktivisten werben fĂŒr Stimmen zugunsten von SPD und GrĂŒnen, damit diese die FĂŒnfprozenthĂŒrde nehmen und eine absolute AfD-Mehrheit rechnerisch verhindern. Man kĂ€mpft nicht mehr um den eigenen Sieg, sondern nur noch um Schadensbegrenzung.
Wenn DĂ€monisierung zur Gratiswerbung wird
Zur politischen kommt die mediale Brandmauer â und auch die scheint zu bröckeln. Die spanische Zeitung âEl PaĂsâ schildert, wie der âSpiegelâ Siegmund zum âgefĂ€hrlichsten Mann Deutschlandsâ erklĂ€rte. Der âSpectatorâ spricht von einem Eigentor: Der Text löse seine dramatische Ăberschrift nicht ein und zeichne den Politiker zugleich als freundlich, eloquent und begabt.
Die spanische Agentur EFE nennt ihn einen âaufgehenden Sternâ der Partei, das französische Magazin âLe Pointâ eine neue Starfigur.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart das ein politisches Grundproblem: Wer WĂ€hler ausgrenzt statt ihre Anliegen zu bearbeiten â Migration, Energiepreise, innere Sicherheit â, treibt sie erst recht dorthin, wo er sie nicht haben will. Am 6. September wird abgerechnet.










