Kettner Edelmetalle
27.02.2026
07:02 Uhr

Baden-Württemberg vor der Wahl: CDU-Kandidat Hagel droht historisches Debakel – Özdemir auf der Überholspur

Gut eine Woche vor der Landtagswahl im Südwesten der Republik zeichnet sich ein politisches Erdbeben ab, das selbst hartgesottene Beobachter erschüttert. Die Grünen unter ihrem Spitzenkandidaten Cem Özdemir haben in den jüngsten Umfragen derart aufgeholt, dass sie mit 27 Prozent nur noch einen einzigen Prozentpunkt hinter der CDU liegen, die bei mageren 28 Prozent dümpelt. Die AfD erreicht demnach 18 Prozent. Was diese Zahlen über den Zustand der einstigen Volkspartei CDU aussagen, ist verheerend – und was sie über die politische Reife der baden-württembergischen Wählerschaft verraten, lässt einen fassungslos zurück.

Manuel Hagel: Der Mann, den niemand kennt – und noch weniger mögen

Das Kernproblem der CDU im Ländle hat einen Namen: Manuel Hagel. Der 37-jährige Fraktions- und Landesvorsitzende, der seit Jahren versucht, seine Medienpräsenz im SWR hochzuhalten, ist für die Hälfte der Wähler schlicht ein Unbekannter. Nur 51 Prozent der Befragten trauen sich überhaupt ein Urteil über den Ehinger Landtagsabgeordneten zu. Und von jenen, die ihn kennen, äußern sich mehr negativ als positiv: 27 Prozent zeigen sich weniger oder gar nicht zufrieden mit ihm, während lediglich 23 Prozent Zustimmung signalisieren. Im Vergleich zur Januar-Erhebung hat sich seine Lage sogar noch verschlechtert – damals war das Verhältnis von Ablehnung zu Zustimmung mit 19 zu 22 Prozent wenigstens noch knapp ausgeglichen.

Besonders dramatisch wird es bei den Unter-50-Jährigen. In diesen Altersgruppen können sich weniger als 18 Prozent für Hagel erwärmen. In Großstädten sieht es ähnlich trostlos aus. Seine Basis bleibt der ländliche Raum und die Senioren – eine schrumpfende Wählerschaft, die kaum ausreichen dürfte, um den Ministerpräsidentensessel in der Villa Reitzenstein zu erobern. Dass sein breiter oberschwäbischer Dialekt dabei nicht gerade als Türöffner in urbanen Milieus fungiert, dürfte selbst wohlmeinende Beobachter kaum überraschen.

Özdemir: Der Wolf im grünen Schafspelz?

Ganz anders die Lage bei Cem Özdemir, dem selbsternannten „anatolischen Schwaben". Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister, dessen Amtszeit nun wahrlich nicht als Glanzstück in die Annalen der deutschen Agrarpolitik eingehen wird, inszeniert sich geschickt als bürgerlicher Pragmatiker. Und die Wähler scheinen ihm das abzukaufen – zumindest vorerst. Satte 95 Prozent der Grünen-Anhänger stehen hinter ihm, womit er sogar den amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann übertrifft, der „nur" auf 91 Prozent Zustimmung unter den eigenen Leuten kommt.

Doch damit nicht genug: Özdemir punktet auch weit über die grüne Stammwählerschaft hinaus. 56 Prozent der Linkspartei-Anhänger zeigen sich zufrieden mit ihm, 64 Prozent der SPD-Wähler sehen in ihm ihren Favoriten, und selbst 21 Prozent der CDU-Anhänger würden ihn in einer Direktwahl zum Ministerpräsidenten küren. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Jeder fünfte CDU-Wähler würde lieber einen Grünen an der Spitze des Landes sehen als den eigenen Kandidaten. Wenn das kein Armutszeugnis für die Union ist, was dann?

Die bittere Pointe: Frohnmaier vor Hagel

Die vielleicht demütigendste Zahl für Manuel Hagel verbirgt sich in der Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen. In einer fiktiven Direktwahl des Ministerpräsidenten kommt AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier dort auf 17 Prozent Zustimmung – und schiebt sich damit knapp vor Hagel, der lediglich 16 Prozent erreicht. Der CDU-Kandidat wird also ausgerechnet in jener Altersgruppe, die typischerweise mitten im Berufsleben steht, Familien gründet und die Sorgen des Alltags am unmittelbarsten spürt, vom Kandidaten einer Partei überholt, die von der politischen Konkurrenz und den Medien seit Jahren systematisch ausgegrenzt wird.

Dass die AfD gerade in den mittleren Altersgruppen ihre stärksten Ergebnisse erzielt, ist kein Zufall. Es sind die Berufseinsteiger und Familiengründer, die den Druck steigender Lebenshaltungskosten, explodierender Mieten und einer zunehmend dysfunktionalen Infrastruktur am eigenen Leib erfahren. Während ältere Wähler aus Gewohnheit bei den Altparteien bleiben und jüngere sich vom medialen Dauerfeuer gegen die AfD abschrecken lassen, artikuliert diese Altersgruppe ihren Unmut am deutlichsten.

Die CDU: Eine Partei ohne Kompass

Was in Baden-Württemberg geschieht, ist symptomatisch für den Zustand der CDU im gesamten Bundesgebiet. Eine Partei, die sich konservativ nennt, aber seit Jahren grüne Politik im Koalitionsgewand mitträgt. Eine Partei, deren Spitzenkandidat sich „komplett von der AfD distanziert" hat und damit jede Möglichkeit einer bürgerlich-konservativen Mehrheit von vornherein ausschließt. Stattdessen steuert man sehenden Auges auf eine Neuauflage der grün-schwarzen Koalition zu – diesmal womöglich als Juniorpartner unter einem grünen Ministerpräsidenten Özdemir.

Man fragt sich unwillkürlich: Wozu braucht Baden-Württemberg noch eine CDU, wenn diese ohnehin nur als Steigbügelhalter grüner Ideologie fungiert? Nur 58 Prozent der eigenen Wähler stellen Hagel ein gutes Zeugnis aus. Zum Vergleich: Özdemir vereint 96 Prozent der Grünen-Wähler hinter sich. Dieser Kontrast offenbart eine Partei in der Identitätskrise – eine CDU, die weder weiß, wofür sie steht, noch wen sie eigentlich ansprechen will.

Frauen und Städte: Özdemirs Trumpfkarten

Unter weiblichen Wählern wird die Schieflage geradezu grotesk: 45 Prozent der Frauen tendieren zu Özdemir, nur 16 Prozent zu Hagel und magere sieben Prozent zu Frohnmaier. Selbst in Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern – traditionell das Kernland der Union – enteilt Özdemir mit 39 Prozent seinen Konkurrenten mühelos. Hagel und Frohnmaier stehen dort mit 22 beziehungsweise 13 Prozent nur unwesentlich besser da als im Landesschnitt.

Diese Zahlen sollten jedem konservativen Politiker zu denken geben. Wenn eine Partei selbst auf dem Land, in ihrem ureigenen Biotop, derart ins Hintertreffen gerät, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht mehr. Dann hat man nicht nur ein Personalproblem, sondern ein fundamentales Glaubwürdigkeitsproblem.

Die SPD vor dem Untergang – und niemanden kümmert es

Fast schon als Randnotiz geht unter, dass die SPD in Baden-Württemberg vor einer regelrechten Existenzkrise steht. Mit nur sieben Prozent in der letzten Umfrage droht sie ihr ohnehin schon katastrophales Ergebnis von elf Prozent bei der Wahl 2021 noch einmal deutlich zu unterbieten. Ob die Sozialdemokraten überhaupt noch als eigenständige politische Kraft wahrgenommen werden, darf ernsthaft bezweifelt werden, wenn 64 Prozent ihrer eigenen Anhänger lieber Özdemir als Ministerpräsidenten sähen. Die Partei droht zwischen dem „attraktiveren Original" der Grünen und der radikalen Linkspartei, die erstmals in den Landtag einziehen könnte, schlicht zerrieben zu werden.

Ein Blick in die Zukunft – oder in den Abgrund?

Natürlich sind Umfragen keine Prognosen, worauf auch das durchführende Institut Infratest dimap stets hinweist. Doch das Momentum liegt eindeutig bei den Grünen. Bei der letzten Landtagswahl 2021 erreichten sie 32,6 Prozent, während die CDU mit 24,1 Prozent einen historischen Negativrekord einfuhr. Dass sich dieser Abstand diesmal noch vergrößern könnte, erscheint angesichts der aktuellen Dynamik durchaus plausibel.

Was bedeutet das für Baden-Württemberg? Vermutlich eine Fortsetzung der bisherigen Politik unter umgekehrten Vorzeichen – mit einem grünen Ministerpräsidenten Özdemir und einer CDU als devote Juniorpartnerin. Beide Parteien führen bereits einen Wahlkampf, der darauf ausgelegt ist, dem jeweils anderen vorsorglich entgegenzukommen. Von einem echten politischen Wettbewerb, von einem Ringen um die beste Lösung für die drängenden Probleme des Landes, kann keine Rede sein.

Die dümmsten Kälber wählen ihre Schlachter selber – dieses alte Sprichwort scheint in Baden-Württemberg aktueller denn je.

Während die Automobilindustrie abwandert, Stuttgart 21 erneut auf 2030 verschoben wird und die kommunale Infrastruktur zusehends verfällt, scheinen sich die Wähler im Südwesten mit der Fortführung genau jener Politik anzufreunden, die diese Misere maßgeblich mitverursacht hat. Man kann nur hoffen, dass der Weckruf nicht zu spät kommt – denn wenn erst die letzten Industriearbeitsplätze verschwunden sind und die überschuldeten Kommunen ihre öffentlichen Dienste zusammenstreichen müssen, wird auch der schönste oberschwäbische Dialekt und der charmanteste „anatolische Schwabe" nichts mehr retten können.

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