Kettner Edelmetalle
16.07.2025
08:10 Uhr

Wulff rechnet mit Berliner Politikzirkus ab – und trifft einen wunden Punkt

Was fĂŒr ein Schauspiel bot sich den Zuschauern am Dienstagabend bei Sandra Maischberger! Der ehemalige BundesprĂ€sident Christian Wulff nutzte seinen Auftritt in der ARD-Talkshow fĂŒr eine bemerkenswerte Abrechnung mit der aktuellen Politikergeneration. Seine Diagnose trifft ins Schwarze: Eine gefĂ€hrliche Mischung aus Unerfahrenheit und SelbstĂŒberschĂ€tzung prĂ€ge das Berliner PolitikgeschĂ€ft.

Der Anlass fĂŒr Wulffs Kritik könnte kaum passender sein. Das Debakel um die gescheiterte Wahl dreier neuer Verfassungsrichter offenbart einmal mehr die UnfĂ€higkeit der politischen Akteure, selbst grundlegende demokratische Prozesse ordnungsgemĂ€ĂŸ zu organisieren. Dass ausgerechnet die Besetzung des höchsten deutschen Gerichts zum Spielball parteipolitischer RĂ€nkespiele wird, zeigt den bedenklichen Zustand unserer politischen Kultur.

Die Causa Brosius-Gersdorf – ein LehrstĂŒck politischer Inkompetenz

Im Zentrum des Streits steht die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf, deren liberale Haltung zum Schwangerschaftsabbruch in der Union auf erheblichen Widerstand stĂ¶ĂŸt. Anstatt diese fundamentalen Differenzen im Vorfeld zu klĂ€ren, musste die Wahl in letzter Minute verschoben werden – ein Armutszeugnis fĂŒr alle Beteiligten. Die SPD beharrt stur auf ihrer Kandidatin, wĂ€hrend die Union ihre Bedenken erst kurz vor der Abstimmung artikuliert. Professionelle Politik sieht anders aus.

Wulffs Analyse, wonach eine Krise auch immer eine Chance sei, klingt angesichts der RealitÀt fast schon zynisch. Welche Chance soll das sein? Die Chance, nach der Sommerpause denselben Fehler noch einmal zu machen? Die politischen Akteure scheinen unfÀhig, aus ihren Fehlern zu lernen.

Maischbergers Spitze sitzt

Als Maischberger sĂŒffisant nachfragte, ob Wulff mit seiner Kritik etwa Jens Spahn meine, traf sie einen Nerv. Der ehemalige Gesundheitsminister steht exemplarisch fĂŒr eine Generation von Politikern, die trotz offensichtlicher Fehlleistungen mit erstaunlicher Selbstgewissheit auftreten. Wulffs diplomatische Weigerung, Namen zu nennen, macht seine Kritik nur noch schĂ€rfer – jeder weiß, wer gemeint ist.

Die Tatsache, dass Wulff als ehemaliger BundesprĂ€sident ĂŒberhaupt zu solch deutlichen Worten greifen muss, spricht BĂ€nde ĂŒber den Zustand der deutschen Politik. Normalerweise halten sich Ex-PrĂ€sidenten mit Kritik an ihren Nachfolgern zurĂŒck. Dass Wulff diese ungeschriebene Regel bricht, zeigt, wie ernst die Lage ist.

Ein Sommer der verpassten Chancen

Die Sommerpause, die Wulff als Gelegenheit zur Selbstreflexion empfiehlt, wird vermutlich ungenutzt verstreichen. Statt "den Dingen auf den Grund zu gehen", wie der Ex-PrÀsident hofft, werden die Verantwortlichen wohl weiter an ihren Positionen festhalten. Die SPD wird Brosius-Gersdorf nicht fallen lassen, die Union wird ihre Blockadehaltung beibehalten, und am Ende steht wieder ein fauler Kompromiss, der niemandem gerecht wird.

Was Deutschland braucht, sind Politiker mit RĂŒckgrat und Prinzipien, nicht Karrieristen, die ihre Fahne nach dem Wind hĂ€ngen. Die von Wulff diagnostizierte Mischung aus Unerfahrenheit und SelbstĂŒberschĂ€tzung ist Gift fĂŒr eine funktionierende Demokratie. Wenn selbst die Besetzung des Verfassungsgerichts zum parteipolitischen GezĂ€nk verkommt, ist das ein Alarmsignal, das niemand ĂŒberhören sollte.

Die BĂŒrger haben lĂ€ngst verstanden, was in Berlin schieflĂ€uft. Sie sehnen sich nach einer Politik, die sich wieder an traditionellen Werten orientiert, statt sich in ideologischen GrabenkĂ€mpfen zu verlieren. Wulffs mahnende Worte sollten ein Weckruf sein – doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den Berliner Machtzirkeln Gehör finden, tendiert gegen null.

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