
Merz in Peking: Wenn moralische Selbstüberhöhung auf wirtschaftliche Realität trifft
Zehn Monate nach seinem Amtsantritt hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz auf eine Reise begeben, die über nichts Geringeres als die industrielle Zukunft Deutschlands entscheiden könnte. Sein Ziel: Peking. Im Gepäck eine ranghohe Wirtschaftsdelegation und die schwere Last einer deutschen Industrie, die mit dem Rücken zur Wand steht. Doch kaum hatte der Kanzler deutsches Territorium verlassen, meldeten sich aus Berlin jene Stimmen zu Wort, die man eigentlich gehofft hatte, endlich nicht mehr hören zu müssen.
Die Grünen und ihr erhobener Zeigefinger – ein Déjà-vu der Peinlichkeit
Es war wie ein schlechter Film, den man schon einmal gesehen hat. Kaum saß Merz im Flieger, formulierte die grüne Co-Parteivorsitzende Franziska Brantner ihre „klaren Erwartungen" an die China-Reise: Fairness im Handel, Respekt vor Menschenrechten, die europäische Friedensordnung – das volle Programm moralischer Belehrung, serviert auf dem Silbertablett politischer Realitätsferne. Man fragt sich unwillkürlich: Haben die Grünen aus dem diplomatischen Desaster ihrer ehemaligen Außenministerin Annalena Baerbock rein gar nichts gelernt?
Zur Erinnerung: Es war Baerbock, die Ende 2024 vor ihrer Fernost-Reise erklärte, China stelle sich mit seiner Wirtschafts- und Waffenhilfe für Russland „gegen unsere europäischen Kerninteressen". Das Ergebnis dieser sogenannten diplomatischen Offensive? Eine scharfe Zurückweisung aus Peking. „Wir lehnen grundlose Anschuldigungen, Schuldzuweisungen und politische Manipulation entschieden ab", hieß es aus dem chinesischen Außenministerium. Und wer könnte vergessen, wie Baerbock im September 2023 den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping in einem Interview mit Fox News kurzerhand als „Diktator" bezeichnete? In Peking wurde dies als „offene politische Provokation" gewertet. Gebracht hat diese verbale Eskalation exakt nichts – außer zerschlagenem diplomatischem Porzellan.
Die brutale Sprache der Zahlen
Während sich die Grünen in ihrer moralischen Pose gefallen, sprechen die Wirtschaftsdaten eine unmissverständliche Sprache. Im Jahr 2025 war die Volksrepublik China mit einem Außenhandelsumsatz von 251,8 Milliarden Euro erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner – und löste damit die USA wieder von Rang eins ab. Doch die Bilanz ist besorgniserregend einseitig: Deutschland importierte Waren im Wert von 170,6 Milliarden Euro, exportierte jedoch lediglich für 89,9 Milliarden. Das Handelsbilanzdefizit wächst. Die Abhängigkeit vertieft sich. Und die Grünen? Die fordern Menschenrechtsgespräche.
Besonders schmerzhaft ist der technologische Wandel, den Experten bereits als zweiten „China-Schock" bezeichnen. Während Deutschland beim ersten Schock nach dem WTO-Beitritt Chinas im Jahr 2001 noch als maschineller Ausrüster der chinesischen Industrialisierung profitierte, hat sich das Blatt dramatisch gewendet. Chinesische Unternehmen stellen inzwischen zahlreiche deutsche Spitzenprodukte in gleichwertiger – wenn nicht sogar überlegener – Qualität her. Im Maschinenbau, in der Chemie, im Automobilsektor: Überall hat China nicht nur aufgeschlossen, sondern Deutschland in vielen Bereichen überholt.
Die Rohstoff-Falle
Wer verstehen will, warum ein Konfrontationskurs mit China für Deutschland schlicht selbstmörderisch wäre, muss nur einen Blick auf die Lieferketten werfen. Die Volksrepublik verarbeitet rund 90 Prozent der weltweit geförderten Seltenen Erden. Ohne diese Rohstoffe steht in Deutschland kein einziges Produktionsband mehr still – es läuft schlicht gar nicht erst an. Weder in der Automobilindustrie noch in der Rüstungsproduktion. Grüne Politiker fordern zwar Substitute und neue Handelsnetzwerke, verraten aber wohlweislich nicht, wie das kurzfristig gelingen soll. Manche Vorschläge, etwa der verstärkte Abbau in der Ukraine, grenzen angesichts der dortigen Kriegslage an Abenteuerlichkeit.
Eine schrumpfende Wirtschaft kann sich keinen Moralkrieg leisten
Die Zahlen sind alarmierend. Allein im vergangenen Jahr hat der deutsche Maschinenbau 22.000 Stellen verloren. In der Automobilbranche waren es rund 47.000 Jobs. Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale, die durch ideologisch motivierte Außenpolitik nur beschleunigt würde. Ein De-Risking – also die schrittweise Reduzierung einseitiger Abhängigkeiten – ist langfristig zweifellos sinnvoll. Doch wer die aktuellen Lebensadern der Industrie vorschnell kappt, riskiert den wirtschaftlichen Kollaps.
Bundeskanzler Merz steht in Peking vor einer Aufgabe, die Fingerspitzengefühl erfordert – nicht grüne Moralpredigten. Es wäre ihm dringend anzuraten, die markigen Worte, die er auf dem CDU-Parteitag oder der Münchner Sicherheitskonferenz noch lautstark äußerte, in den direkten Gesprächen mit Xi Jinping deutlich abzuschwächen. Besser noch: Er sollte sie sich ganz verkneifen. Denn die Rolle des Lehrmeisters funktioniert nur aus einer Position der Stärke. Und diese Stärke schwindet – rapide.
Realpolitik statt Wunschdenken
Was Deutschland jetzt braucht, ist keine Fortsetzung der Baerbock'schen Belehrungspolitik unter anderem Vorzeichen. Was Deutschland braucht, ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der eigenen Position und eine Rückbesinnung auf wirtschaftliche Stärken. Ein geschlossener europäischer Auftritt, um fairere Wettbewerbsbedingungen durchzusetzen – das wäre ein realistisches Ziel. Mehr ist derzeit schlicht nicht erreichbar, auch wenn das in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen offenbar noch nicht angekommen ist.
Es ist bezeichnend für den Zustand der deutschen Debattenkultur, dass eine Partei, die maßgeblich zur wirtschaftlichen Schwächung Deutschlands beigetragen hat – durch eine ideologiegetriebene Energiepolitik, durch Deindustrialisierung und durch diplomatische Alleingänge –, nun von der Seitenlinie aus Ratschläge erteilt. Friedrich Merz täte gut daran, diese Ratschläge dort zu lassen, wo sie hingehören: im Papierkorb. Deutschland kann sich moralische Selbstüberhöhung auf der Weltbühne schlicht nicht mehr leisten. Die Zeit der Belehrungen ist vorbei. Es ist die Zeit der Realpolitik angebrochen – ob den Grünen das gefällt oder nicht.










