
Machtkampf im LĂ€ndle: Rotationsprinzip als Verzweiflungstat der CDU?

Was sich derzeit in Baden-WĂŒrttemberg abspielt, gleicht einem politischen Trauerspiel, das seinesgleichen sucht. Nach der Landtagswahl am vergangenen Sonntag stehen sich GrĂŒne und CDU in einem beispiellosen Patt gegenĂŒber â beide Parteien verfĂŒgen ĂŒber exakt die gleiche Anzahl an Mandaten im Stuttgarter Landtag. Und wĂ€hrend die Berliner Regierung demonstrativ die HĂ€nde in den SchoĂ legt, brodelt es im SĂŒdwesten gewaltig.
Berlin duckt sich weg
Der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer lieĂ am Mittwoch verlauten, es sei âgute Sitte", dass Regierungsbildungen im jeweiligen Bundesland entschieden wĂŒrden. Kein Kommentar also aus der Hauptstadt. Man freue sich auf die Zusammenarbeit mit einer âschlagfertigen Landesregierung" â welch diplomatische WorthĂŒlse. Dabei weiĂ jeder politisch halbwegs Informierte, dass sich frĂŒhere Regierungschefs durchaus nicht gescheut haben, in Landespolitik einzugreifen. Man erinnere sich nur an das ThĂŒringer Desaster von 2020, als die Wahl des FDP-MinisterprĂ€sidenten Kemmerich mit Stimmen der AfD ein politisches Erdbeben auslöste und Berlin sich sehr wohl einmischte.
Doch diesmal herrscht Schweigen. Bundeskanzler Merz, selbst CDU-Mann, hĂ€lt sich bedeckt. Ob das taktisches KalkĂŒl ist oder schlicht Ratlosigkeit â darĂŒber lĂ€sst sich trefflich spekulieren.
Das Rotationsprinzip: Innovation oder BankrotterklÀrung?
Aus den Reihen der Christdemokraten wurde allen Ernstes der Vorschlag unterbreitet, das Amt des MinisterprĂ€sidenten im Rotationsprinzip zu besetzen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die einst stolze Volkspartei CDU, die Baden-WĂŒrttemberg jahrzehntelang wie selbstverstĂ€ndlich regierte, sieht sich nun gezwungen, ĂŒber eine Art Teilzeit-MinisterprĂ€sidentschaft zu verhandeln. Erhard, Filbinger, Teufel â sie alle dĂŒrften sich im Grabe umdrehen.
Dass ausgerechnet Cem Ăzdemir, der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister der gescheiterten Ampelregierung, die CDU im Stammland derart in BedrĂ€ngnis bringt, ist eine bittere Ironie der Geschichte. Die GrĂŒnen haben zwar mehr Stimmen geholt, doch durch das Wahlsystem ergibt sich ein Mandatsgleichstand. Ein Ergebnis, das die politische Landschaft des SĂŒdwestens auf den Kopf stellt.
CDU-Spitzenkandidat Hagel bot bereits seinen RĂŒcktritt an
Wie ernst die Lage fĂŒr die CDU ist, zeigt ein bemerkenswertes Detail: Spitzenkandidat Manuel Hagel soll dem Landesvorstand bereits am Montagabend seinen RĂŒcktritt angeboten haben. Dieser wurde zwar abgelehnt â doch allein die Geste spricht BĂ€nde ĂŒber den Zustand der Partei. Der JU-Vorsitzende Johannes Winkel ĂŒbte derweil deutliche Kritik an der eigenen Partei. Wenn selbst die Nachwuchsorganisation offen mit der FĂŒhrung hadert, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht.
Die GrĂŒnen zwischen Triumph und Selbstzerfleischung
Doch auch bei den GrĂŒnen ist keineswegs eitel Sonnenschein. Die GrĂŒne Jugend fordert bereits lautstark, an den Koalitionsverhandlungen beteiligt zu werden. Ihr Vorsitzender Luis Bobga erklĂ€rte, man habe im Wahlkampf zwar alles auf Ăzdemir zugespitzt, nun mĂŒsse aber die Jugendorganisation mit an den Verhandlungstisch. Renate KĂŒnast warnte ihre Partei hingegen eindringlich vor einem Richtungsstreit â ein Zeichen dafĂŒr, dass die innerparteilichen FliehkrĂ€fte bereits spĂŒrbar sind.
Forsa-Chef Manfred GĂŒllner ordnete das Ergebnis nĂŒchtern ein: Die GrĂŒnen gĂ€ben sich zwar links, hĂ€tten aber eine âganz besondere WĂ€hlerschaft aus den oberen Bildungs- und Einkommensschichten". Eine Landtagswahl werde zudem kaum von der Bundespolitik beeinflusst. Ob das die CDU-Strategen tröstet, darf bezweifelt werden.
Was bedeutet das Patt fĂŒr Baden-WĂŒrttemberg?
Die Situation im SĂŒdwesten offenbart ein grundsĂ€tzliches Problem der deutschen Politik: Klare Mehrheiten und stabile Regierungen werden zur Ausnahme. Stattdessen drohen wochenlange Koalitionsverhandlungen, faule Kompromisse und am Ende eine Regierung, die mehr mit sich selbst als mit den drĂ€ngenden Problemen der BĂŒrger beschĂ€ftigt ist. Baden-WĂŒrttemberg, einst Musterland der StabilitĂ€t und wirtschaftlichen StĂ€rke, steht vor einer ZerreiĂprobe.
Dass die Bundesregierung sich aus dieser Debatte heraushĂ€lt, mag formal korrekt sein. Politisch ist es ein Armutszeugnis. Denn was im LĂ€ndle geschieht, hat Signalwirkung fĂŒr die gesamte Republik. Wenn selbst in einem der wirtschaftsstĂ€rksten BundeslĂ€nder keine klaren VerhĂ€ltnisse mehr geschaffen werden können, dann sollte das jeden nachdenklich stimmen, dem die Zukunft Deutschlands am Herzen liegt.










