
Indiens Notenbank friert die Zinsen ein â und blendet ausgerechnet Edelmetalle aus der Inflationsrechnung aus

Es ist ein Detail, das man leicht ĂŒberliest â und das doch alles ĂŒber den Zustand des globalen Geldsystems verrĂ€t. Die indische Zentralbank, die Reserve Bank of India (RBI), hat am Mittwoch zum fĂŒnften Mal in Folge ihren Leitzins bei 5,25 Prozent belassen. BegrĂŒndung: Die Kerninflation sei âmoderat". Doch der Teufel steckt im Kleingedruckten. Denn diese Kerninflation wird von den WĂ€hrungshĂŒtern in Mumbai ausdrĂŒcklich ohne Edelmetalle berechnet.
Wenn die Zahlen nicht passen, Àndert man eben die Definition
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eine Notenbank rechnet jene Vermögenswerte aus ihrer maĂgeblichen Inflationskennzahl heraus, deren Preisanstieg am deutlichsten dokumentiert, wie rasant Papiergeld an Kaufkraft verliert. Gold und Silber sind in Indien keine exotische Nische, sondern tief in der Kultur verankert â jede Hochzeit, jedes Fest, jede FamilienrĂŒcklage. Wenn ausgerechnet dieser Bereich statistisch ausgeklammert werden mĂŒsse, um von âmoderaten" Preisen sprechen zu können, dann sagt das mehr ĂŒber die Aussagekraft offizieller Inflationsstatistiken als jeder Kommentar.
Die Gesamtinflation sei âwie erwartet" ĂŒber das Ziel hinausgeschossen, rĂ€umte Notenbankgouverneur Sanjay Malhotra ein. Im Juni kletterte die Verbraucherpreisinflation auf 4,38 Prozent â den höchsten Stand seit anderthalb Jahren und erstmals seit ĂŒber einem Jahr oberhalb des mittelfristigen Zielwerts von vier Prozent. Doch bevor man handle, mĂŒsse erst âgröĂere Klarheit" ĂŒber Pfad und Zusammensetzung der Teuerung herrschen. Ăbersetzt: Man wartet ab und hofft.
Die Rupie im freien Fall
WĂ€hrend man in Mumbai auf Klarheit wartet, spricht der Devisenmarkt bereits eine deutliche Sprache. Die indische Rupie rutschte auf ein Rekordtief von 95,7375 je US-Dollar und zĂ€hlt damit zu den schwĂ€chsten WĂ€hrungen Asiens. Steigende Ălpreise, anhaltende KapitalabflĂŒsse und die zerstobene Hoffnung auf eine VerstĂ€ndigung zwischen Washington und Teheran haben ihr Ăbriges getan. Analysten von Standard Chartered erwarten fĂŒr 2026 einen Kurs von 96 je Dollar, sobald die ZuflĂŒsse aus den staatlich forcierten Deviseneinlagen ab September nachlieĂen.
Ein Land, das rund 85 Prozent seines Kraftstoffbedarfs importiert und dessen wichtigste Lieferroute durch die StraĂe von Hormus fĂŒhrte, ist gegenĂŒber jedem geopolitischen Beben in der Region schutzlos exponiert.
Asien strafft â Indien zögert
Bemerkenswert ist, wie einsam die RBI mit ihrer Haltung dasteht. Japan, die Philippinen, Indonesien und SĂŒdkorea haben in den vergangenen Monaten die Zinsen angehoben, um dem durch den Nahost-Konflikt getriebenen Energiepreisschub etwas entgegenzusetzen. HSBC Global Investment Research rechnet damit, dass die Inflation in Indien ab Oktober acht Monate lang ĂŒber fĂŒnf Prozent verharren werde â ein Niveau, das sich weder Notenbank noch MĂ€rkte dauerhaft schönreden lieĂen. Zwei Zinsschritte um jeweils 25 Basispunkte im Oktober und Dezember gelten dort als wahrscheinlich.
Malhotra selbst dĂ€mpfte die Erwartungen: Das Wachstum sei zwar âwiderstandsfĂ€hig", werde in diesem Finanzjahr aber niedriger ausfallen. Der Ausblick sei âdiesig" â Monsun, El Niño, Geopolitik, globale Handelspolitik. Man beachte die Wortwahl. Wer als Notenbankchef zum Wetterbericht greift, hat die Kontrolle ĂŒber die eigenen Instrumente lĂ€ngst relativiert.
Die Lehre fĂŒr den deutschen Sparer
Was hat das mit Deutschland zu tun? Sehr viel. Denn das Muster ist identisch, nur die Kulisse ist eine andere. Auch hierzulande werden Inflationszahlen mit statistischen Kniffen geglĂ€ttet, auch hierzulande beteuern Verantwortliche, die Teuerung sei ein vorĂŒbergehendes PhĂ€nomen von Energie- und Nahrungsmittelpreisen. Und auch hierzulande finanziert eine Regierung â trotz gegenteiliger Wahlversprechen â gigantische Ausgabenprogramme ĂŒber neue Schulden, deren Zinslast kĂŒnftige Generationen abtragen dĂŒrfen. Ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen entsteht nicht aus dem Nichts. Es entsteht aus der Substanz des Sparers.
Die entscheidende Beobachtung aus Indien lautet daher: Wenn Zentralbanken Edelmetalle aus ihren Inflationsstatistiken herausrechnen mĂŒssen, um StabilitĂ€t behaupten zu können, dann bestĂ€tigen sie damit unfreiwillig, was Gold und Silber seit Jahrtausenden leisten â sie sind der ehrliche MaĂstab fĂŒr den Wert des Geldes. Kein Statistikamt der Welt kann daran etwas Ă€ndern.
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