Kettner Edelmetalle
13.06.2025
08:20 Uhr

Gewaltenteilung in Gefahr: Wenn Richter und Regierung zu oft dinieren

Die vielgepriesene UnabhĂ€ngigkeit der deutschen Justiz scheint mehr Wunschdenken als RealitĂ€t zu sein. Recherchen der "Welt" enthĂŒllen ein dichtes Geflecht aus Telefonaten, Abendessen und vertraulichen GesprĂ€chen zwischen Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht. Allein im Jahr 2024 trafen sich Vertreter beider Institutionen dutzendfach – offiziell natĂŒrlich "ohne Verfahrensbezug". Wer's glaubt, wird selig.

Ein Telefonat hier, ein Dinner dort

Besonders pikant: Bundeskanzler Olaf Scholz höchstpersönlich griff zweimal zum Hörer, um mit VerfassungsgerichtsprĂ€sident Stephan Harbarth zu plaudern. WorĂŒber? Das bleibt geheim. Die Pressestelle des Gerichts mauert und spricht nebulös von "GesprĂ€chen ohne Verfahrensbezug". Eine bemerkenswerte Transparenz fĂŒr eine Institution, die ĂŒber die Grundfesten unserer Demokratie wacht.

Der ehemalige Justizminister Marco Buschmann fĂŒhrte sogar vier Telefonate und ein persönliches GesprĂ€ch mit Harbarth. Thema sei die "Resilienz der Verfassungsgerichtsbarkeit" gewesen – man wolle das Gericht vor "Extremisten" schĂŒtzen. Eine interessante Wortwahl, wenn man bedenkt, dass mittlerweile jeder als Extremist gilt, der die Regierungspolitik kritisch hinterfragt.

Die Zahlen sprechen BĂ€nde

Eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion brachte erschreckende Details ans Licht: Seit Amtsantritt der Ampel-Regierung bis MĂ€rz 2024 fanden 44 persönliche Treffen zwischen Regierungsmitgliedern und Richtern statt. Hinzu kommen 51 Telefonate und 17 schriftliche Austausche. Das wahre Ausmaß könnte noch höher liegen, denn die Behörden rĂ€umen freimĂŒtig ein, dass sie gar keine "systematische Erfassung" dieser Kontakte vornehmen.

ZusĂ€tzlich zu diesen dokumentierten Kontakten kamen 22 "dienstliche AnlĂ€sse" wie Feierstunden oder Staatsbankette. Man könnte meinen, Richter und Regierungsmitglieder seien beste Freunde, die sich regelmĂ€ĂŸig zum Kaffeeklatsch treffen.

Corona-Dinner mit Folgen

Besonders brisant war ein Abendessen im Juni 2021, mitten in der Corona-Zeit. Die damalige Justizministerin Christine Lambrecht hielt vor versammelten Verfassungsrichtern einen Vortrag ĂŒber den "Umgang mit der Corona-Pandemie". Zu diesem Zeitpunkt lagen mehrere Verfassungsbeschwerden gegen die "Bundesnotbremse" vor. Nur wenige Monate spĂ€ter wies das Gericht diese Beschwerden zurĂŒck. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Bundesregierung sieht in diesem "allgemeinen Austausch" natĂŒrlich keine Gefahr fĂŒr die Gewaltenteilung. Diese bemerkenswerte NaivitĂ€t – oder ist es Dreistigkeit? – zeigt, wie wenig Respekt die Ampel-Koalition vor den Grundprinzipien unseres Rechtsstaats hat.

Verfassungsrechtler schlagen Alarm

Rechtsprofessor Volker Boehme-Neßler von der UniversitĂ€t Oldenburg findet deutliche Worte: Diese NĂ€he bedrohe "zwei wichtige GrundsĂ€tze des Rechtsstaats: die Gewaltenteilung und die richterliche UnabhĂ€ngigkeit." Er warnt, dass regelmĂ€ĂŸige Kontakte NĂ€he und gegenseitiges VerstĂ€ndnis schaffen wĂŒrden – genau das, was Richter daran hindere, die Regierung unparteiisch zu kontrollieren.

Die eigenen "Verhaltensleitlinien" des Bundesverfassungsgerichts fordern, dass Richter sich so verhalten mĂŒssen, dass "das Vertrauen in ihre UnabhĂ€ngigkeit, Unparteilichkeit, NeutralitĂ€t und IntegritĂ€t nicht beeintrĂ€chtigt" werde. Offenbar gelten diese hehren GrundsĂ€tze nicht, wenn es um gemĂŒtliche Abendessen mit der Regierung geht.

Ein System der gegenseitigen GefÀlligkeiten?

Was wir hier beobachten, ist nichts weniger als die schleichende Aushöhlung der Gewaltenteilung. Wenn Richter und Regierungsmitglieder in einem derart engen Austausch stehen, wie können wir dann noch von unabhĂ€ngiger Rechtsprechung sprechen? Die Tradition dieser Treffen, auf die sich das Gericht beruft, macht die Sache nicht besser – im Gegenteil, sie zeigt, dass dieses Problem schon lange besteht.

In einer funktionierenden Demokratie mĂŒssten zwischen Exekutive und Judikative klare Grenzen bestehen. Stattdessen erleben wir ein Kuschelkurs-System, in dem man sich gegenseitig die BĂ€lle zuspielt. Kein Wunder, dass kritische Stimmen zur Regierungspolitik vor Gericht so selten Erfolg haben.

Die BĂŒrger dieses Landes haben ein Recht auf eine wirklich unabhĂ€ngige Justiz, die ohne Ansehen der Person Recht spricht. Was wir stattdessen haben, ist ein Netzwerk der Macht, in dem die Grenzen zwischen den Gewalten verschwimmen. Es ist höchste Zeit, dass diese unheilvolle Verquickung ein Ende findet – bevor das letzte Vertrauen in unseren Rechtsstaat verloren geht.

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