
EZB im Zinsdilemma: Wenn die Notenbank zwischen Inflation und Rezession zerrieben wird

Die EuropĂ€ische Zentralbank steckt in einer ZwickmĂŒhle, wie sie selten zuvor in ihrer Geschichte vorgekommen ist. WĂ€hrend die Inflation in der Eurozone im April auf satte 3 Prozent hochgeschossen ist â maĂgeblich angefacht durch den eskalierten Iran-Konflikt und die damit verbundenen EnergiepreissprĂŒnge â stottert die europĂ€ische Wirtschaft im ersten Quartal mit mickrigen 0,1 Prozent Wachstum vor sich hin. Ein Drahtseilakt, bei dem ein Fehltritt fatale Folgen haben könnte.
Der Markt erledigt die Drecksarbeit â fast
Bemerkenswert ist: Die EZB muss möglicherweise gar nicht so hart eingreifen, wie es zunĂ€chst den Anschein hat. Wie der europĂ€ische Ăkonom Alexandre Stott von Goldman Sachs in einer aktuellen Analyse darlegt, sei die "Transmission der strafferen Geldpolitik bereits im Gange". Mit anderen Worten: Die bloĂe Erwartung weiterer Zinsschritte hat die Finanzierungsbedingungen lĂ€ngst verschĂ€rft, ohne dass Frankfurt ĂŒberhaupt eingegriffen hĂ€tte.
Die Bankenstandards fĂŒr die Kreditvergabe â im Euroraum besonders relevant, da Kredite mehr als die HĂ€lfte der Unternehmensfinanzierung ausmachen â seien spĂŒrbar gestrafft worden und dĂŒrften sich weiter verschĂ€rfen. Rund ein Viertel der wirtschaftlichen Bremswirkung sei sogar völlig unabhĂ€ngig von geldpolitischen Erwartungen, so Stott. Eine Steilvorlage fĂŒr jene EZB-Ratsmitglieder, die einen vorsichtigen Kurs befĂŒrworten.
91 Prozent Wahrscheinlichkeit: Die MĂ€rkte rechnen mit dem Hammer
An den FinanzmĂ€rkten gilt eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bei der nĂ€chsten EZB-Sitzung am 11. Juni mit etwa 91-prozentiger Wahrscheinlichkeit als sicher. Damit wĂŒrde der maĂgebliche Einlagensatz auf 2,25 Prozent klettern. FĂŒr September wird ein weiterer Schritt mit immerhin 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit eingepreist.
EZB-VizeprĂ€sident Luis De Guindos versuchte gegenĂŒber CNBC den Eindruck zu vermitteln, es gebe "keinerlei Vorentscheidung" hinsichtlich der Zinsentwicklung. Die Diskussion sei offen, alle Elemente wĂŒrden abgewogen. Französ Notenbankchef François Villeroy de Galhau gab sich kĂ€mpferischer: Die Notenbanker wĂŒrden "tun, was notwendig ist", um die Inflation wieder auf das 2-Prozent-Ziel zurĂŒckzufĂŒhren.
Die Quittung fĂŒr die Niedrigzinspolitik
Es ist die spĂ€te Rechnung fĂŒr eine jahrelange Politik des billigen Geldes. Filippo Alloatti von Federated Hermes brachte es auf den Punkt: Die EZB kĂ€mpfe mit dem "Erbe frĂŒherer geldpolitischer Fehler â nĂ€mlich Zinsen nach der Pandemie zu lange zu niedrig gehalten zu haben". Eine bemerkenswert ehrliche EinschĂ€tzung, die viele in den Notenbank-Etagen wohl ungern hören dĂŒrften. Ăber Jahre wurde mit ultralockerer Geldpolitik die StabilitĂ€t des Euro aufs Spiel gesetzt â und nun mĂŒssen die BĂŒrger die Zeche zahlen, sei es durch Inflation oder durch eine drohende Rezession.
Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei Berenberg, hĂ€lt die geplanten Zinserhöhungen sogar fĂŒr einen schweren Fehler. Die "groĂen Drei" der europĂ€ischen Wirtschaft â Deutschland, Frankreich und Italien â seien durch die Energiepreisexplosion bereits massiv geschwĂ€cht. Das Resultat: Eine stagflationĂ€re Lage mit steigender Inflation, höherer Arbeitslosigkeit und schwĂ€chelndem Wachstum. Schmieding sprach aus, was viele denken: "Mein Eindruck ist, dass die EuropĂ€ische Zentralbank einen groĂen Fehler machen wird."
Deutschland besonders verwundbar
FĂŒr die deutsche Wirtschaft ist die Gemengelage besonders bitter. WĂ€hrend die schwarz-rote Bundesregierung unter Friedrich Merz mit ihrem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen die Schuldenlawine weiter antreibt und damit die Inflationsrisiken verschĂ€rft, leiden deutsche Unternehmen unter den strukturell erhöhten Energiekosten â einer Folge der ideologiegetriebenen Energiepolitik der vergangenen Jahre. Alloatti betonte ausdrĂŒcklich, dass gerade Deutschland und Italien "besonders anfĂ€llig fĂŒr anhaltende Energiekostenschocks" seien. Eine Bestandsaufnahme, die nĂŒchterner kaum ausfallen könnte.
GlaubwĂŒrdigkeit auf dem Spiel
Letztlich gehe es um die GlaubwĂŒrdigkeit der Notenbank selbst, mahnt Alloatti. Jedes Zögern berge die Gefahr, das Vertrauen in die FĂ€higkeit der EZB zu untergraben, PreisstabilitĂ€t zu gewĂ€hrleisten. Und dieses Vertrauen sei, einmal verloren, nur schwer wiederzugewinnen. Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist â schlieĂlich basiert das gesamte Fiat-Geld-System auf nichts anderem als Vertrauen.
Genau hier wird die Lage fĂŒr Sparer brisant. Wer sein Vermögen in Euro hĂ€lt, vertraut darauf, dass eine Behörde in Frankfurt schon das Richtige tun werde. Doch die Geschichte lehrt: Wenn Notenbanken zwischen Inflation und Wachstum abwĂ€gen mĂŒssen, gewinnt am Ende meist die Inflation â weil sie politisch der bequemere Weg ist. Die schleichende Entwertung des Geldes trifft den kleinen Sparer ungleich hĂ€rter als den vermögenden Anleger, der seine Werte lĂ€ngst gestreut hat.
Physische Edelmetalle als Anker im Sturm
In einem Umfeld, in dem Notenbanken sichtlich ĂŒberfordert wirken, geopolitische Krisen EnergiemĂ€rkte erschĂŒttern und Regierungen mit Sondervermögen in dreistelliger Milliardenhöhe jonglieren, gewinnen Sachwerte mit jahrtausendelang bewiesener Werthaltigkeit an Bedeutung. Physisches Gold und Silber kennen keine Bilanzpolitik einer Notenbank, keine politischen Kursziele und keine Stagflations-Dilemmata. Sie sind, was sie sind â und genau das macht sie zur sinnvollen Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio, gerade in unruhigen Zeiten wie diesen.
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