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24.02.2026
06:02 Uhr

Berliner verlieren den Glauben an die Demokratie – und die Politik schaut zu

Die Zahlen sind ernüchternd, doch wer ehrlich ist, kann kaum überrascht sein: Das Vertrauen der Berliner in die Demokratie bröckelt in einem Tempo, das selbst Pessimisten aufhorchen lässt. Der sogenannte Berlin-Monitor 2025, eine im Auftrag des Senats durchgeführte repräsentative Studie der Universität Leipzig, offenbart einen schleichenden Erosionsprozess, der tief blicken lässt – und der weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus Fragen aufwirft.

Von 92 auf 86 Prozent: Der stille Vertrauensverlust

Noch 2021 befürworteten 92 Prozent der befragten Berliner die Demokratie als politisches System. Zwei Jahre später waren es bereits nur noch 90 Prozent. Und nun, im Jahr 2025, ist dieser Wert auf 86 Prozent abgesackt. Sechs Prozentpunkte Verlust in vier Jahren – das klingt auf den ersten Blick moderat. Doch wer genauer hinschaut, erkennt die Dramatik: Jeder siebte Berliner steht der Demokratie nicht mehr uneingeschränkt positiv gegenüber.

Noch alarmierender ist die Zufriedenheit mit der gelebten demokratischen Praxis. Nur noch 62 Prozent der Befragten zeigten sich zufrieden – ein Rückgang von acht Prozentpunkten gegenüber 2021. Man muss kein Politikwissenschaftler sein, um zu verstehen, was diese Zahlen bedeuten: Die Menschen spüren eine wachsende Kluft zwischen dem demokratischen Versprechen und der politischen Realität.

40 Prozent „fragile Demokraten" – ein Warnsignal, das niemand hören will

Besonders brisant ist ein weiteres Ergebnis der Studie: Satte 40 Prozent der Befragten wurden von den Studienautoren als sogenannte „fragile Demokraten" eingestuft. Diese Menschen befürworten zwar grundsätzlich die Demokratie, können sich aber gleichzeitig auch antidemokratische Systemalternativen vorstellen. Zwölf Prozent sprachen sich sogar offen für autoritäre Modelle aus – sei es ein Einparteiensystem, eine Diktatur oder, wie es die Forscher formulierten, einen „starken Führer".

Darf man sich wirklich wundern? Jahrelang haben die Bürger erlebt, wie ihre berechtigten Sorgen – ob zur unkontrollierten Migration, zur explodierenden Kriminalität oder zur wirtschaftlichen Schieflage – von der politischen Klasse als „populistisch" abgetan wurden. Wer sich nicht gehört fühlt, wendet sich ab. Das ist keine Entschuldigung für antidemokratische Tendenzen, aber es ist eine Erklärung, die sich die Verantwortlichen in den Parlamenten endlich einmal zu Herzen nehmen sollten.

Verschwörungsmentalität und Antisemitismus auf dem Vormarsch

Die Studie förderte weitere beunruhigende Befunde zutage. 29 Prozent der Berliner wiesen demnach eine Verschwörungsmentalität auf. Bis zu 20 Prozent der Einwohner zeigten verschiedene Formen antisemitischer Einstellungen – von tradierten über israelbezogene bis hin zu postkolonialen Spielarten. Oliver Decker von der Universität Leipzig, einer der Studienautoren, betonte, dass Antisemitismus in Berlin weiter verbreitet sei als im übrigen Deutschland. Seit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 habe der israelbezogene Antisemitismus in der gesamten Bevölkerung zugenommen.

Dass ausgerechnet Berlin, die Stadt, die sich so gerne als weltoffen und tolerant inszeniert, bei Antisemitismus und Demokratieskepsis derart auffällige Werte produziert, ist eine bittere Ironie. Vielleicht sollte man in den Senatskanzleien weniger über Gendersternchen und Lastenfahrrad-Subventionen nachdenken und stattdessen die grundlegenden Probleme dieser Stadt in den Blick nehmen.

Auch Sinti und Roma im Fadenkreuz der Ablehnung

Zwischen 20 und 30 Prozent der Befragten zeigten laut der Erhebung eine konsistent ablehnende Haltung gegenüber Sinti und Roma. 30 Prozent hielten diese Bevölkerungsgruppe für „weniger zivilisiert", 45 Prozent glaubten, ihre Anwesenheit führe zu Konflikten. Zahlen, die nachdenklich stimmen – und die zeigen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch Sonntagsreden entsteht, sondern durch eine Politik, die den Bürgern das Gefühl gibt, dass ihre Sorgen ernst genommen werden und der Staat handlungsfähig ist.

Die eigentliche Frage: Wer trägt die Verantwortung?

Für die Studie wurden zwischen Juni und August 2025 insgesamt 2.022 Berliner ab 18 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind repräsentativ – und sie sind ein Spiegelbild einer Politik, die über Jahre hinweg an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiregiert hat. Die Ampelkoalition ist zwar Geschichte, doch die Narben, die sie hinterlassen hat, sind tief. Ob die neue Große Koalition unter Friedrich Merz das verlorene Vertrauen zurückgewinnen kann, bleibt abzuwarten. Die bisherigen Signale – ein 500-Milliarden-Schuldenberg für ein sogenanntes „Sondervermögen", steigende Lebenshaltungskosten und eine weiterhin ungelöste Migrationskrise – stimmen nicht gerade optimistisch.

Demokratie lebt vom Vertrauen ihrer Bürger. Wenn dieses Vertrauen schwindet, liegt das nicht an den Bürgern, sondern an jenen, die sie vertreten sollten. Berlin ist in dieser Hinsicht nur das Symptom einer tiefgreifenden Krise – einer Krise, die ganz Deutschland betrifft. Es wird höchste Zeit, dass die politisch Verantwortlichen aufwachen, bevor aus schleichendem Vertrauensverlust ein demokratischer Flächenbrand wird.

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