
Zeitenwende in Budapest: OrbĂĄn muss sich nach 15 Jahren an der Macht geschlagen geben

Was viele politische Beobachter noch vor wenigen Monaten fĂŒr nahezu undenkbar hielten, ist am Sonntagabend RealitĂ€t geworden: Viktor OrbĂĄn, der wohl markanteste konservative Regierungschef Europas, hat seine Niederlage bei der ungarischen Parlamentswahl eingerĂ€umt. Das Ergebnis sei âeindeutig und schmerzhaft", so der langjĂ€hrige Fidesz-Parteichef â Worte, die man von dem sonst so kampfeslustigen Politiker selten gehört hat.
Magyar triumphiert mit historischer Zweidrittelmehrheit
Sein Herausforderer PĂ©ter Magyar, dessen Partei Tisza erst seit kurzem auf der politischen BĂŒhne Ungarns agiert, verkĂŒndete seinen Sieg bereits auf Facebook, noch bevor die offiziellen Ergebnisse vollstĂ€ndig ausgezĂ€hlt waren. OrbĂĄn habe ihm telefonisch gratuliert, schrieb Magyar und dankte seinen Landsleuten mit den schlichten Worten: âVielen Dank, Ungarn."
Die Zahlen sprechen eine unmissverstĂ€ndliche Sprache. Bei einem AuszĂ€hlungsstand von gut 60 Prozent der Stimmen steuert Tisza auf 136 der insgesamt 199 Parlamentssitze zu â eine Zweidrittelmehrheit, die es der neuen Regierungspartei theoretisch ermöglichen wĂŒrde, sogar die ungarische Verfassung zu Ă€ndern. Ein Erdrutschsieg, wie ihn Budapest seit der Wende nicht mehr erlebt hat.
Fidesz stĂŒrzt von 135 auf 56 Sitze ab
FĂŒr OrbĂĄns Fidesz und den Koalitionspartner KDNP ist das Ergebnis nichts weniger als eine Katastrophe. Von ehemals 135 Sitzen wĂŒrde das konservative BĂŒndnis auf lediglich 56 Mandate zusammenschrumpfen. Die rechte Partei Mi HazĂĄnk Mozgalom kĂ€me demnach auf magere 7 Sitze. Ein Absturz, der in seiner Dramatik seinesgleichen sucht.
Das ungarische Wahlsystem, das 106 der 199 Sitze ĂŒber Direktmandate in Einerwahlkreisen vergibt und die restlichen 93 Mandate ĂŒber ein komplexes Verrechnungssystem aus Listenstimmen und Reststimmen der unterlegenen Direktkandidaten zuteilt, hat den Tisza-Triumph noch zusĂ€tzlich verstĂ€rkt. Wer die Mehrheit der WĂ€hler hinter sich hat, wird in diesem System ĂŒberproportional belohnt â ein Mechanismus, von dem ironischerweise jahrelang OrbĂĄn selbst profitiert hatte.
Was bedeutet das fĂŒr Europa?
FĂŒr die europĂ€ische Politik ist dieser Machtwechsel von enormer Tragweite. OrbĂĄn war ĂŒber anderthalb Jahrzehnte hinweg das Bollwerk gegen den BrĂŒsseler Zentralismus, ein unbequemer Mahner gegen unkontrollierte Migration und ein Verteidiger nationalstaatlicher SouverĂ€nitĂ€t. Man mochte zu ihm stehen, wie man wollte â seine Standhaftigkeit gegenĂŒber dem linksliberalen Mainstream in der EU war bemerkenswert. WĂ€hrend andere konservative Politiker vor dem Zeitgeist einknickten, blieb der Ungar bei seiner Linie.
Die entscheidende Frage lautet nun: Wird PĂ©ter Magyar den konservativen Kurs seines VorgĂ€ngers in der Migrationspolitik fortsetzen, oder schwenkt Ungarn auf die Linie BrĂŒssels ein? FĂŒr Deutschland, das selbst unter den Folgen einer jahrelangen Fehlsteuerung in der Einwanderungspolitik leidet, wĂ€re der Verlust eines wichtigen VerbĂŒndeten im Kampf gegen illegale Migration ein herber RĂŒckschlag.
Eines steht fest: Europa verliert mit OrbĂĄn einen seiner letzten wirklich unbequemen Regierungschefs. Ob das ein Grund zur Freude oder zur Sorge ist, hĂ€ngt ganz davon ab, auf welcher Seite des politischen Spektrums man steht. Die Champagnerkorken in BrĂŒssel dĂŒrften jedenfalls bereits knallen â und genau das sollte jeden nachdenklich stimmen, dem die SouverĂ€nitĂ€t der europĂ€ischen Nationalstaaten am Herzen liegt.










