
Wenn ein Privatbankier rettet, was der Staat verkommen lässt: Bach als Bollwerk des Abendlandes

Es gibt Geschichten, die in der heutigen, von Subventionsmentalität und kulturellem Selbstverlust geprägten Zeit wie ein Anachronismus wirken. Die Geschichte des Schweizer Unternehmers Konrad Hummler ist eine davon – und gerade deshalb verdient sie unsere Aufmerksamkeit. Beim Bachfest Leipzig nahm der ehemalige Privatbankier am Montag die renommierte Bach-Medaille 2026 entgegen. Nicht für sich als Person, sondern stellvertretend für sein Lebenswerk: die Johann-Sebastian-Bach-Stiftung Sankt Gallen.
Ein Mann, der sein Privatvermögen für die Kultur opfert – ohne den Staat
Was diesen Mann von der gängigen Kulturklientel unterscheidet, ist bemerkenswert: Hummler habe Millionen seines eigenen Vermögens in die Hand genommen, um Bachs vollständiges Vokalwerk der Welt zu schenken. Über 200 Kantaten, dazu Motetten, Messen, Oratorien und Passionen – ein Mammutprojekt, das mittlerweile über zwei Jahrzehnte beanspruche und gegen Ende dieses Jahrzehnts vollendet sein soll.
Und nun kommt der entscheidende Punkt, der die kulturpolitische Realität unserer Tage entlarvt: Es brauchte keinen einzigen Cent Steuergeld. Während in Deutschland und auch in der Schweiz die „hochsubventionierten“ Zentren in Zürich, Bern und Basel mit öffentlichen Geldern überschüttet werden, schuf ein einzelner Bürger aus der Ostschweizer Peripherie etwas von Weltrang – aus eigener Kraft, aus eigenem Antrieb, aus eigener Tasche.
„Alles Gelingen ist Gnade“, so Hummler über sein Wirken als Unternehmer und Mäzen. Ein abgehobenes „CEO-Denken“ sei ihm stets fremd gewesen.
Erstmals keine Musiker, sondern eine bĂĽrgerliche Institution
Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Auszeichnung wurde kein einzelner Künstler oder Ensemble geehrt, sondern eine Institution – und zwar eine private, bürgerlich und unternehmerisch geprägte, die ausdrücklich Wert auf ihre Staatsferne lege. Schon allein das ist ein wohltuendes Signal in einer Zeit, in der man uns weismachen will, ohne staatliche Förderung und Bevormundung könne nichts Großes mehr entstehen.
Pikant ist der Hinweis des scheidenden Vorsitzenden der Neuen Bachgesellschaft, der die Stiftung als Bollwerk gegen die „Beliebigkeit in der Bildung“ würdigte. Er selbst habe in der DDR erfahren müssen, was politische Gängelung bedeutet: Eine Universitätslaufbahn sei ihm aus politischen Gründen verwehrt geblieben. Wer die Mechanismen ideologischer Verengung kennt, der weiß, was kulturelle Unabhängigkeit wert ist.
Bach als Alternative zur Islamisierung des Westens
Besonders deutlich wird Hummler, wenn es um den Kern seines Anliegens geht. Den moralischen Kompass, den die von Bach vertonten Texte böten, verstehe er nicht nur als Voraussetzung für eine liberale Wirtschaftsordnung. Als Baustein des abendländischen Erbes habe das Gesamtwerk einen „Wert an sich“. Und dann jener Satz, der aufhorchen lässt: Eine Rückbesinnung auf dieses Erbe könne eine Alternative zur Islamisierung des Westens bieten. „Kreuzfahrtschiffe, Golfplätze und Kriegsgeräte“ reichten dafür eben nicht aus.
Hier spricht ein Mann, der verstanden hat, was vielen Politikern in Berlin offenbar abhandengekommen ist: Eine Kultur, die sich ihrer eigenen Wurzeln nicht mehr bewusst ist, die ihr christlich-abendländisches Erbe verschämt verschweigt, statt es selbstbewusst zu pflegen, gibt sich selbst auf. Bach verkörpere, so Hummler, eine tröstliche „Meta-Religion“ jenseits konfessioneller Grenzen, die Gläubigen, Zweiflern und Skeptikern gleichermaßen Zugang biete.
Markt statt Subvention – das funktioniert tatsächlich
Lehrreich ist auch der unternehmerische Ansatz der Stiftung. Hummler unterscheide klar zwischen Kultur als öffentlichem und privatem Gut. Die Tickets für die Aufführungen würden zu Preisen verkauft, die den Wert der Leistung widerspiegeln sollen, und deckten rund 30 Prozent der Finanzierung. Die Aufzeichnungen hingegen stünden jedem frei und unbegrenzt im Internet zur Verfügung – in der eigenen „Bachipedia“ und auf YouTube.
Bemerkenswert: Den größten Zuspruch erfahre die Stiftung ausgerechnet aus Lateinamerika, wo eine wachsende evangelische Bevölkerung dem „tänzerischen Bach“ entgegenfiebere. Die Stiftung habe dieser Nachfrage rasch Rechnung getragen und gezielt auf Mitarbeiter mit entsprechenden Sprachkenntnissen gesetzt. So sieht echtes unternehmerisches Gespür aus – nicht das behäbige Verwalten von Steuergeldern.
Das Parodieverfahren – menschlicher Geist gegen künstliche Beliebigkeit
Höhepunkt der Preisverleihung im Leipziger Paulinum war ein Konzert, das auf das einzigartige, vierteilige Format der Stiftung zurückgriff: Einführung, erstes Hören, Reflexion durch eine Persönlichkeit außerhalb der Musik und schließlich erneutes Hören. Aufgeführt wurde die tänzerische Hochzeitskantate „Weichet nur, betrübte Schatten“ (BWV 202) – und anschließend in einer nach dem „Parodieverfahren“ veränderten Variante, die Bach selbst immer wieder anwandte.
Rudolf Lutz, der künstlerische Leiter, beschreibe seine Parodie als „mit Seele und mit Geist und mit Hintergrund“. Damit hebe sie sich bewusst von einer maschinellen Abwandlung durch Künstliche Intelligenz ab. Eine feine Spitze fand sich übrigens in einer Randbemerkung: Ausgerechnet die Rede des SPD-Oberbürgermeisters sei von „auffällig vielen ChatGPT-artigen Wendungen“ geprägt gewesen. Man möchte fast schmunzeln über diesen kleinen, aber treffsicheren Hieb gegen die seelenlose Phrasendrescherei mancher Repräsentanten.
Eine globale Gemeinde, die ohne staatliche Gängelung auskommt
Was bleibt, ist das Bild einer eingeschworenen, weltweiten Gemeinde, die aus den USA, aus Asien und Lateinamerika in die Bach-Stadt Leipzig reist. Menschen, die sich einer Sache widmen, die keine staatlichen Subventionen benötige, um über Kontinente hinweg im Innersten zu berühren. Geprägt sei das Ganze von einer „spezifisch alemannischen Kultur der Nahbarkeit und der harten, unprätentiösen Arbeit im Dienste der Sache“.
Hier liegt die eigentliche Botschaft dieser Geschichte: Wahre Kultur entsteht nicht durch Förderprogramme, Quotenregelungen oder ideologische Vorgaben. Sie entsteht durch Hingabe, durch Demut und durch das mutige Bekenntnis zum eigenen Erbe. Während mancherorts darüber debattiert wird, ob klassische Musik nicht zu „elitär“ oder gar „kolonial“ sei, beweist ein einzelner Schweizer Bürger, dass die abendländische Hochkultur lebendiger ist denn je – wenn man sie nur pflegt, statt sie zu verschämen.
In diesem Sinne ist die Bach-Medaille für Konrad Hummler mehr als eine kulturelle Auszeichnung. Sie ist ein leises, aber unüberhörbares Plädoyer für jene Werte, die unser Kontinent zu vergessen droht: Eigenverantwortung, Beständigkeit und die Treue zum kulturellen Fundament, auf dem das Abendland errichtet wurde.










