
Ungarn nach OrbĂĄn: Wahlsieger Magyar greift nach der totalen Macht

Was sich derzeit in Budapest abspielt, sollte jedem aufmerksamen Beobachter europĂ€ischer Politik zu denken geben. Der frisch gewĂ€hlte PĂ©ter Magyar, dessen Tisza-Partei bei den Parlamentswahlen am 12. April eine erdrutschartige Zweidrittelmehrheit errungen hat, verschwendet keine Zeit mit diplomatischen Floskeln. Kaum sind die Stimmen ausgezĂ€hlt, fordert er den amtierenden StaatsprĂ€sidenten TamĂĄs Sulyok öffentlich zum RĂŒcktritt auf. Ein Vorgang, der in seiner Dreistigkeit seinesgleichen sucht â und der fundamentale Fragen ĂŒber das DemokratieverstĂ€ndnis des neuen starken Mannes in Budapest aufwirft.
Euphorie und Hybris liegen nah beieinander
Vor Zehntausenden jubelnden AnhĂ€ngern auf dem Budapester BatthyĂĄny-Platz inszenierte sich Magyar als Befreier der Nation. Man habe das âOrbĂĄn-Regime gestĂŒrzt" und sich die Heimat zurĂŒckgeholt, rief der 45-JĂ€hrige der Menge zu. Pathetische Worte, die an revolutionĂ€re Rhetorik erinnern â und die man durchaus kritisch hinterfragen darf. Denn wer genau hinschaut, erkennt hinter der demokratischen Fassade einen bemerkenswerten Machthunger.
Die Forderung an Sulyok, zunĂ€chst das Mandat zur Regierungsbildung zu erteilen und anschlieĂend sein Amt niederzulegen, entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Das ungarische Grundgesetz ist in diesem Punkt unmissverstĂ€ndlich: Der StaatsprĂ€sident wird von der Nationalversammlung fĂŒr fĂŒnf Jahre gewĂ€hlt, eine einmalige Wiederwahl ist zulĂ€ssig. Sulyok trat sein Amt erst im MĂ€rz 2024 an und könnte regulĂ€r bis 2029 â bei Wiederwahl sogar bis 2034 â im Amt bleiben. Ein MinisterprĂ€sident besitzt schlicht keinerlei rechtliche Befugnis, den PrĂ€sidenten des Amtes zu entheben.
Wenn moralischer Druck das Recht ersetzt
Magyar begrĂŒndet seinen VorstoĂ freilich nicht juristisch, sondern moralisch. Unter Viktor OrbĂĄn seien unabhĂ€ngige Institutionen âsechzehn Jahre lang gefangen genommen worden", so seine Argumentation. Doch ist es nicht gerade ein Kennzeichen autoritĂ€rer Tendenzen, wenn ein frisch gewĂ€hlter Regierungschef noch vor seinem Amtsantritt beginnt, sĂ€mtliche SchlĂŒsselpositionen im Staat neu besetzen zu wollen? Neben dem PrĂ€sidenten hat Magyar seine RĂŒcktrittsforderungen bereits auf den Generalstaatsanwalt sowie die Leiter der Medienaufsichts- und Wettbewerbsbehörden ausgeweitet.
Die politische Praxis in Ungarn zeigt allerdings, dass öffentlicher Druck eines starken Regierungschefs faktisch einem Befehl gleichkommen kann. Der RĂŒcktritt von Katalin NovĂĄk im Februar 2024 infolge einer BegnadigungsaffĂ€re und das erzwungene Ausscheiden von PĂĄl Schmitt 2012 nach einer PlagiatsaffĂ€re belegen dies eindrĂŒcklich. Mit 138 von 199 Mandaten verfĂŒgt Magyar ĂŒber ein politisches Gewicht, das den Druck auf Sulyok ins Unermessliche steigern dĂŒrfte.
Ein LehrstĂŒck fĂŒr ganz Europa
Was in Ungarn geschieht, ist weit mehr als eine innenpolitische Machtprobe. Es ist ein LehrstĂŒck darĂŒber, wie schnell demokratische Gepflogenheiten unter die RĂ€der geraten können, wenn ein neuer Machthaber mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit ausgestattet wird. Magyar hat angekĂŒndigt, Ungarn wieder zu einem âstarken VerbĂŒndeten der EU und der NATO" machen zu wollen. FĂŒr konservative Beobachter klingt das verdĂ€chtig nach einer RĂŒckkehr in die Arme BrĂŒssels â jener BrĂŒsseler BĂŒrokratie, gegen deren Ăbergriffigkeit Viktor OrbĂĄn jahrelang als einer der wenigen europĂ€ischen Staatschefs standhaft Widerstand geleistet hatte.
Die Rekordwahlbeteiligung von 77,8 Prozent â der höchste Wert seit dem EU-Beitrittsreferendum vor 23 Jahren â verleiht Magyars Forderungen zwar demokratische LegitimitĂ€t. Doch hohe Wahlbeteiligung allein macht noch keine gute Politik. Man erinnere sich nur an die Begeisterung, mit der viele Deutsche einst die Ampelkoalition begrĂŒĂten, nur um wenige Jahre spĂ€ter deren spektakulĂ€res Scheitern zu erleben.
âUnsere Heimat zurĂŒckgeholt" â so tönt es aus Budapest. Doch wem wird Ungarn nun tatsĂ€chlich dienen? Dem eigenen Volk oder den Interessen einer zunehmend zentralistischen EU?
OrbĂĄn mag seine Fehler gehabt haben. Doch er war einer der wenigen europĂ€ischen Regierungschefs, der es wagte, gegen den Strom zu schwimmen â sei es in der Migrationspolitik, bei der Verteidigung nationaler SouverĂ€nitĂ€t oder beim Schutz traditioneller Werte wie Familie und christlicher IdentitĂ€t. Dass ausgerechnet jener Mann, der seine politische Karriere einst dem OrbĂĄn-System verdankte â Magyars Ex-Frau war Justizministerin unter OrbĂĄn â, nun als dessen Ăberwinder gefeiert wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Die eigentliche BewÀhrungsprobe steht noch bevor
Ob Sulyok dem massiven Druck nachgeben wird, dĂŒrfte die erste groĂe BewĂ€hrungsprobe fĂŒr die neue politische Ăra in Budapest werden. Rechtlich gesehen könnte er im Amt bleiben. Politisch wird es schwer. Denn in Ungarn hat die Geschichte gezeigt, dass ein Verbleib gegen den erklĂ€rten Willen einer Zweidrittelmehrheit kaum haltbar ist â unabhĂ€ngig davon, was die Verfassung vorsieht.
FĂŒr Europa und insbesondere fĂŒr Deutschland sollte die Entwicklung in Ungarn ein Weckruf sein. Wenn selbst in einem Land, das jahrelang als Bollwerk gegen die BrĂŒsseler Bevormundung galt, die politischen VerhĂ€ltnisse derart kippen können, dann zeigt dies, wie fragil die konservative Gegenbewegung in Europa noch immer ist. Umso wichtiger ist es, dass BĂŒrger ĂŒberall auf dem Kontinent wachsam bleiben und sich nicht von wohlklingenden Versprechen blenden lassen â egal ob sie aus Budapest, Berlin oder BrĂŒssel kommen.










