
Schul-Attacke von Schongau: Rechte Tat â und ein Versagen mit Ansage?

Drei Monate nach dem blutigen Angriff am Welfen-Gymnasium in Schongau hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Tat offiziell als rechte Gewalttat eingestuft. Der mutmaĂliche Angreifer, ein 16-jĂ€hriger Kroate, soll am 8. Juli zwei 13-jĂ€hrige SchĂŒlerinnen mit Messerstichen schwer verletzt haben. Brisanter als die Einstufung ist allerdings, was der Minister im Innenausschuss des Landtags sonst noch einrĂ€umen musste.
Ein Manifest voller Hass
Ausschlaggebend fĂŒr die Einordnung ist nach Angaben Herrmanns ein Schreiben, das der Beschuldigte nach derzeitigem Ermittlungsstand selbst verfasst haben soll. Der Minister beschrieb es am Mittwoch so:
âEs ist unter anderem durch Frauenhass, durch Queerfeindlichkeit, durch Rassismus und Antisemitismus geprĂ€gt.â
Darin soll sich der Verfasser abfĂ€llig ĂŒber Frauen, Homosexuelle, Muslime und andere Gruppen geĂ€uĂert und sich selbst als rechtsgerichtet und faschistisch bezeichnet haben. Die Ermittlungen fĂŒhrt deshalb die Zentralstelle zur BekĂ€mpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft MĂŒnchen.
Ein auslĂ€ndischer Pass und eine rechtsextreme Gesinnung passen also durchaus zusammen. In der Statistik zĂ€hlt nĂ€mlich das Motiv, nicht die Staatsangehörigkeit. Formal ist die Einstufung daher nachvollziehbar. Kritiker bemĂ€ngeln trotzdem seit Jahren, dass die Kategorie ârechtsâ in der Statistik zur politisch motivierten KriminalitĂ€t sehr weit gefasst sei. Gerade deshalb sei bei der Einordnung jedes einzelnen Falls besondere Sorgfalt nötig.
Pistole versagte â MitschĂŒler retteten Leben
Der Tathergang ist erschĂŒtternd. Medienberichten zufolge kam der ehemalige SchĂŒler mit einer Pistole und zwei Messern zur Schule. Er soll einen Schuss abgegeben haben, der niemanden traf, danach blockierte die Waffe. AnschlieĂend stach er nach bisherigen Erkenntnissen mit einem Kampfmesser auf die beiden MĂ€dchen ein.
Dass die Opfer nicht auf dem Schulhof verbluteten, verdanken sie wohl dem beherzten Eingreifen ihrer MitschĂŒler, die Erste Hilfe leisteten. Mitarbeiter der Schule ĂŒberwĂ€ltigten den Angreifer. Er sitzt seither in Untersuchungshaft. Ermittelt wird wegen zweifachen versuchten Mordes und gefĂ€hrlicher Körperverletzung.
Bekannt, durchsucht â und trotzdem nicht gestoppt
Hier liegt der eigentliche Skandal. Der Jugendliche war den Behörden alles andere als unbekannt. Schon 2025 soll er MitschĂŒler bedroht und in sozialen Netzwerken AmoklĂ€ufe verherrlicht haben. Die Staatsanwaltschaft MĂŒnchen II ermittelte gegen ihn. Bei einer Durchsuchung fanden Polizisten Messer, eine Schutzweste und eine Sturmhaube.
Es folgten GefĂ€hrderansprachen, GesprĂ€che mit Jugendamt und Schule, ein PrĂ€ventionskurs und schlieĂlich der Schulwechsel. Ein psychiatrisches Gutachten war zwar in Auftrag gegeben, lag zum Zeitpunkt der Tat aber noch nicht vor. In das polizeiliche Bedrohungsmanagement, das es in Bayern seit 2021 gibt, wurde der Jugendliche nie aufgenommen. Bei mehr als 600 angedrohten Gewalttaten pro Jahr schien sein Fall offenbar nicht dringend genug.
Herrmann: âPolizei allein kann das nicht lösenâ
Herrmann verteidigte das Vorgehen der Behörden. FĂŒr eine Untersuchungshaft hĂ€tten die Erkenntnisse damals nicht ausgereicht. Zugleich gestand er ein, dass man aus dem Fall lernen mĂŒsse. PrĂ€vention sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die die Polizei allein nicht stemmen könne. Polizei, Schulen und JugendĂ€mter mĂŒssten besser auf Drohungen reagieren. Das Bedrohungsmanagement soll nun ĂŒberarbeitet werden.
Selbst die SPD-Innenpolitikerin Christiane Feichtmeier zeigte sich laut Berichten fassungslos. Man hÀtte deutlich mehr tun können.
Wenn der Staat seine Kinder nicht schĂŒtzt
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt Schongau ein Muster, das viele BĂŒrger inzwischen zermĂŒrbt. Die Warnsignale lagen auf dem Tisch, das Verfahren lief, die Akten wuchsen â und am Ende standen zwei schwer verletzte Kinder. Ob die Tat statistisch unter ârechtsâ lĂ€uft, ist fĂŒr die Familien zweitrangig. Sie wollen wissen, warum ein Staat, der jedes Jahr mehr Regeln erlĂ€sst, bei einer konkreten und angekĂŒndigten Gefahr so offensichtlich versagt hat.
Laut Bayerischem Rundfunk liegt das psychologische Gutachten noch immer nicht vor. Erste EinschÀtzungen gehen allerdings von voller SchuldfÀhigkeit aus. Die Ermittlungen dauern an.










