Kettner Edelmetalle
10.07.2026
05:42 Uhr

Pulverfass Hormus: Wenn eine Meerenge über Wohlstand und Wohlfahrt ganzer Kontinente entscheidet

Es ist die Sorte Nachricht, die man in Berlin am liebsten überhören würde – doch sie schlägt mit voller Wucht auf die Preisschilder deutscher Supermärkte und Tankstellen durch. Die brüchige Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran, im Juni mühsam zusammengezimmert, steht kurz vor dem endgültigen Kollaps. Und mit ihr eine der wichtigsten Lebensadern der Weltwirtschaft: die Straße von Hormus.

Ein Nadelöhr verstopft – und der Westen zittert

Die Zahlen sprechen eine gnadenlose Sprache. Wo vor dem Krieg täglich zwischen 125 und 140 Handelsschiffe durch die schmale Meerenge zwischen Iran und Oman glitten, passierten bis Donnerstagnachmittag ganze sechs Frachter das strategische Nadelöhr. Am Vortag waren es noch 21 gewesen. Der Verkehr, so berichtet es der Schiffsanalysedienst Kpler, sei regelrecht kollabiert. Besonders bitter: Der Transport von Öl- und Gastankern kam nahezu vollständig zum Erliegen – ausgerechnet in einem Moment, in dem er sich gerade erst zaghaft erholt hatte.

Reeder schalten ihre Ortungssysteme ab, brechen Fahrten ab oder warten außerhalb der Gefahrenzone. Versicherer raten zur erneuten Prüfung jeder geplanten Passage. Wer sich fragt, warum die Energiepreise wieder anziehen könnten, findet hier die unbequeme Antwort.

Trump erklärt die Waffenruhe für „vorbei“

US-Präsident Donald Trump ließ bereits am Mittwoch keine Zweifel: Die im Juni geschlossene Vereinbarung sei aus seiner Sicht Geschichte. Zugleich gab er sich demonstrativ gelassen, er erwarte keinen vollständigen neuen Krieg. Ob diese Zuversicht mehr ist als politisches Wunschdenken, wird sich zeigen müssen. Denn die Fakten am Golf zeichnen ein deutlich düstereres Bild.

Nach Attacken auf mehrere Handelsschiffe, die Washington dem Iran zuschreibt, holte das US-Zentralkommando Centcom zum Gegenschlag aus. Rund 90 Ziele seien in der Nacht zum Donnerstag im Iran getroffen worden – nach eigener Darstellung mit dem Ziel, Teherans Fähigkeit zu Angriffen auf Handelsschiffe zu schwächen. Bereits in der vorherigen Angriffswelle hatten die Amerikaner mehr als 80 Ziele attackiert: Boote der Revolutionsgarden, Luftabwehrstellungen, Drohnen-Einrichtungen.

„Dieses Hin und Her muss aufhören“, mahnte UN-Sprecher Stéphane Dujarric. Eine Rückkehr an den Verhandlungstisch sei dringend nötig, um die regionale und globale Stabilität zu schützen.

Der Iran schlägt zurück – und trifft die halbe Region

Teheran reagierte nach eigenen Angaben mit Raketen und Drohnen auf US-Militärstandorte in Kuwait, Bahrain, Katar und Jordanien. Allein zehn ballistische Raketen sollen auf den jordanischen Luftwaffenstützpunkt Azraq abgefeuert worden sein. Jordanien meldete acht abgefangene Geschosse, weder Tote noch größere Schäden. Aus Kuwait wurde mindestens ein Verletzter gemeldet. Das iranische Gesundheitsministerium beziffert die Opfer der US-Angriffe der letzten beiden Tage auf mindestens 14 Tote und knapp 80 Verletzte – Angaben, die sich freilich nicht unabhängig überprüfen lassen.

Wenn Brücken zu Kollateralschäden werden

Erstmals seit Monaten traf es nach iranischen Angaben auch zivile Infrastruktur tief im Landesinneren. Eisenbahnbrücken auf der Strecke nach Maschhad wurden beschädigt – jener Stadt, in der ausgerechnet am Donnerstag der Ende Februar getötete frühere oberste Führer Ali Chamenei beigesetzt wurde. Zugverbindungen brachen zusammen, Hunderte Reisende mussten auf Busse ausweichen. Auch Stromanlagen im Südosten wurden getroffen, ganze Regionen zeitweise ohne Elektrizität. Das US-Militär schwieg zu den Vorwürfen, gezielt zivile Ziele attackiert zu haben.

Der Kampf um die Kontrolle

Im Herzen des Konflikts steht die Machtfrage über die Meerenge selbst. Teheran verlangt, den Schiffsverkehr über eine nördliche Route durch iranisch kontrollierte Gewässer zu lenken – Genehmigungspflicht inklusive. Washington drängt auf eine südliche Passage entlang der omanischen Küste, um Teherans Griff zu lockern. Während die Revolutionsgarden großspurig verkünden, der Verkehr habe unter ihrer Aufsicht wieder 50 Prozent des Vorkriegsniveaus erreicht, sprechen unabhängige Analysten von rund 40 Schiffen täglich – weit entfernt von den einstigen 125 bis 140.

Was das für Deutschland bedeutet

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, was hier auf uns zurollt. Steigende Energiepreise, teurere Lebensmittel, eine ohnehin gebeutelte Industrie, die den nächsten Kostenschock kaum verkraften dürfte. Deutschland, das seine Energieversorgung mit ideologischer Verbissenheit an die Wand gefahren hat, steht bei jeder geopolitischen Erschütterung wie ein Bittsteller da. Wer keine eigene stabile Versorgung besitzt, ist den Launen ferner Konflikte schutzlos ausgeliefert. Die Rechnung zahlt am Ende – wie immer – der deutsche Bürger.

In Zeiten, in denen eine einzige Meerenge tausende Kilometer entfernt über den Preis des heimischen Heizöls entscheidet, zeigt sich einmal mehr die brutale Verletzlichkeit unseres papierenen Wohlstands. Während Währungen an politischen Nervenkrisen erzittern und Aktienmärkte bei jeder Schlagzeile in Schockstarre verfallen, behaupten physische Edelmetalle wie Gold und Silber seit Jahrtausenden ihren Wert – unabhängig davon, welche Meerenge gerade brennt. Sie kennen keine Ortungssysteme, die man abschalten kann, und keine Versicherer, die zur Vorsicht raten. Als Beimischung zu einem breit gestreuten Vermögen bleiben sie der ruhende Pol in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten droht.

Ein Krisenherd, der uns alle angeht

Die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm sind festgefahren, das im Juni geschlossene Memorandum offenbar nicht mehr als Makulatur. Ob es bei der von Trump beschworenen raschen Deeskalation bleibt oder ob sich der Nahe Osten erneut in einen Flächenbrand stürzt, vermag derzeit niemand seriös vorherzusagen. Sicher ist nur eines: Die Wellen dieses Konflikts werden bis an die deutschen Küsten schwappen – ökonomisch wie politisch.


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