
Merz' Trump-Visite: Wenn deutsche Journalisten zu Hofberichterstattern mutieren
Was sich vergangene Woche in Washington abspielte, war kein journalistisches MeisterstĂŒck, sondern ein Armutszeugnis fĂŒr die deutsche Medienlandschaft. Friedrich Merz reiste zu Donald Trump, schwieg vier Minuten lang devot im Oval Office â und die mitgereisten Hauptstadtjournalisten jubelten, als hĂ€tte er gerade den Weltfrieden verhandelt. Ein Trauerspiel, das symptomatisch fĂŒr den Zustand unserer politischen Berichterstattung ist.
Die Hofschranzen feiern ihren stummen Helden
Man muss sich das Spektakel vor Augen fĂŒhren: Der deutsche Bundeskanzler sitzt 40 Minuten beim mĂ€chtigsten Mann der westlichen Welt und bringt es auf ganze vier Minuten Redezeit. Vier Minuten! In dieser Zeit hĂ€tte man wenigstens die drĂ€ngendsten deutschen Interessen ansprechen können. Stattdessen? Schweigen. Devotes Nicken. Und die deutsche Journaille? Sie feiert dieses Versagen als diplomatischen Triumph.
"Es hĂ€tte fĂŒr Merz nicht besser laufen können", jubilierte der FAZ-Herausgeber. Das ZDF meldete stolz: "Merz, heil zurĂŒck von Trump Mission." Die ARD-Korrespondenten ĂŒberschlugen sich vor Begeisterung: "Perfekter kann es fĂŒr Merz nicht laufen!" Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Haben diese Leute denselben Besuch verfolgt?
Die verschwiegenen deutschen Interessen
WĂ€hrend Merz stumm wie ein Fisch im WeiĂen Haus saĂ, hĂ€tten deutsche Studenten gerne gehört, dass sich ihr Kanzler gegen den drohenden Visa-Entzug stark macht. Fehlanzeige. Die Arbeiter bei Volkswagen, Mercedes und BMW hĂ€tten ein klares Wort gegen Trumps ZollkriegsplĂ€ne verdient. Nichts dergleichen. Die deutsche Exportwirtschaft brĂ€uchte dringend UnterstĂŒtzung gegen die amerikanische SystemrivalitĂ€t mit China, die auf unserem RĂŒcken ausgetragen wird. Merz? Schwieg.
"Journalismus kann abdanken, wenn er harmlos wird", warnte einst Willy Brandt. Genau das erleben wir gerade: Die Abdankung des kritischen Journalismus zugunsten einer devoten Hofberichterstattung.
Der eingebettete Journalismus feiert fröhliche UrstÀnd
Was wir hier beobachten konnten, war ein Paradebeispiel fĂŒr das, was die Amerikaner "Embedded Journalism" nennen â eingebetteten Journalismus. Die Journalisten ĂŒbernahmen nicht nur die Perspektive des Kanzlers, sie machten seine Ziele zu ihren eigenen. Plötzlich war es nicht mehr ihre Aufgabe, kritisch zu hinterfragen, sondern den vermeintlichen Erfolg zu bejubeln.
Diese neuronale Synchronisierung zwischen Macht und Medien ist gefÀhrlich. Wo bleibt die journalistische Distanz? Wo die kritische Nachfrage? Wo der Mut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen?
Die RealitÀt hinter der Fassade
Nur wenige wagten es, Wasser in den Wein zu gieĂen. Robin Alexander sprach im Podcast vorsichtig von der Notwendigkeit, die Euphorie zu dĂ€mpfen. Bloomberg berichtete nĂŒchtern, Merz sei "weitgehend in den Hintergrund" getreten und habe lediglich erwĂ€hnt, dass Deutschland "den Amerikanern viel zu verdanken" habe. Das klingt schon anders als die Jubelarien der deutschen Hofberichterstatter.
Besonders bitter: 74 Prozent der Deutschen wĂŒnschen sich laut ZDF-Politbarometer, dass man Trump mit HĂ€rte begegnet, nicht mit Geschenken und ZugestĂ€ndnissen. Die BĂŒrger haben verstanden, was auf dem Spiel steht. Ihre Journalisten offenbar nicht.
Ein gefÀhrlicher PrÀzedenzfall
Was bedeutet diese journalistische Kapitulation fĂŒr die Zukunft? Wenn schon bei einem simplen Antrittsbesuch die kritische Distanz ĂŒber Bord geworfen wird, was passiert dann erst bei wirklich heiklen Themen? Die deutsche Medienlandschaft hat sich mit dieser Performance keinen Gefallen getan.
Es rÀcht sich jetzt, dass viele Redaktionen ihre erfahrenen, kritischen Köpfe durch stromlinienförmige Ja-Sager ersetzt haben. Wo sind die Journalisten geblieben, die es wagen, auch mal gegen den Strom zu schwimmen? Die nicht nur die offizielle Version nachplappern, sondern bohren, hinterfragen, aufdecken?
Zeit fĂŒr eine journalistische Selbstbesinnung
Stefan Kornelius, heute Regierungssprecher von Merz, hatte einst vor "LĂŒge, Umdeutung, Agitation" bei Trump gewarnt und gemahnt, niemals "von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken". Heute rĂŒhrt er selbst krĂ€ftig im Kakao. Aber wo ist sein Nachfolger? Wer wagt es noch, unbequeme Wahrheiten auszusprechen?
Die deutsche Medienlandschaft braucht dringend eine RĂŒckbesinnung auf ihre eigentliche Aufgabe: Die MĂ€chtigen zu kontrollieren, nicht zu bejubeln. Kritisch zu hinterfragen, nicht devot zu nicken. Den BĂŒrgern zu dienen, nicht den Politikern.
Denn eines ist sicher: Mit Hofberichterstattung ist niemandem gedient â weder der Demokratie noch den BĂŒrgern, die ein Recht auf unabhĂ€ngige, kritische Information haben. Es wird Zeit, dass der deutsche Journalismus wieder zu seiner eigentlichen StĂ€rke zurĂŒckfindet: Der schonungslosen Analyse der Macht.
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