
Merz in Washington: Wenn der Kanzler zum Statisten degradiert wird

Es gibt Bilder, die mehr sagen als tausend Worte. Und dann gibt es Bilder, die einem die Sprache verschlagen. Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz im WeiĂen Haus gehört zweifellos in die letzte Kategorie. Was sich am Montag im Oval Office abspielte, war keine Begegnung auf Augenhöhe zweier Staatschefs â es war eine Vorstellung, bei der nur einer die Hauptrolle spielte. Und der deutsche Kanzler? Er saĂ daneben. LĂ€chelnd. Nickend. Schweigend.
Eine halbe Stunde Monolog â und Merz hört zu
Ăber dreiĂig Minuten lang musste sich der deutsche Regierungschef vor der versammelten Weltpresse die Tiraden Donald Trumps anhören. Der US-PrĂ€sident wetterte gegen Spanien, das sich seiner Koalition gegen den Iran verweigere. Er zog ĂŒber den britischen Premierminister Keir Starmer her, den er als unwĂŒrdig im Vergleich zu Winston Churchill darstellte. Er prahlte damit, dass er GeschĂ€fte mit ganzen Nationen von heute auf morgen beenden könne â âohne den Kongress", wie er betonte. Und Merz? Der saĂ da, im grauen Anzug, die Beine parallel gestellt, und lieĂ alles ĂŒber sich ergehen.
Besonders verstörend war der Moment, als Trump sich an seine Zollberater wandte und verkĂŒndete, man solle die Deutschen âsehr, sehr hart treffen". Ein Grinsen, ein Klopfer aufs Knie des Kanzlers â und Merz lachte. Er lachte tatsĂ€chlich. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Ist das noch Diplomatie oder bereits Selbstaufgabe?
Der Iran als gemeinsamer Nenner
Einigkeit herrschte immerhin in einer Frage: dem Iran. Trump sprach von âkranken Leuten, VerrĂŒckten, Killern" und machte keinen Hehl daraus, dass er das Regime in Teheran mit aller Gewalt beseitigen wolle. Merz formulierte es etwas zurĂŒckhaltender â man werde sich auf den âTag danach" vorbereiten, wenn das âTerror-Regime" von den USA und Israel beseitigt sei. Eine feine, aber bezeichnende Nuance: WĂ€hrend Trump den Krieg plant, plant Merz bereits den Wiederaufbau. Ăber die Frage, was dazwischen passiert, schweigt der Kanzler lieber.
Dass Deutschland den Amerikanern offenbar âohne Probleme" Landerechte gewĂ€hrt â mutmaĂlich auf dem StĂŒtzpunkt Ramstein â, lieĂ Trump beilĂ€ufig fallen. Was genau dahinter steckt, darĂŒber soll niemand so genau Bescheid wissen. Man kennt das Muster: Erst werden Fakten geschaffen, dann wird das Parlament informiert. Wenn ĂŒberhaupt.
Kein Wort der Verteidigung fĂŒr VerbĂŒndete
Was an diesem Auftritt besonders bitter nachhallt, ist die Tatsache, dass Merz keinen einzigen seiner europĂ€ischen Partner verteidigte. Als Trump ĂŒber Starmer herzog â jenen britischen Premier, mit dem Merz erst kĂŒrzlich ĂŒber eine gemeinsame Russland-Strategie beraten hatte â, senkte der Kanzler den Blick. Ein leichtes Zucken unter der Brille, mehr nicht. Aufzustehen, dem amerikanischen PrĂ€sidenten zu widersprechen, ihm zu sagen, dass man so nicht ĂŒber VerbĂŒndete spricht â das kam Merz offenkundig nicht in den Sinn.
Dabei hatte genau dieser Friedrich Merz noch vor wenigen Wochen in Deutschland den starken Mann gegeben und Trump bei einer politischen Veranstaltung sogar nachgeĂ€fft. Doch im Angesicht des Originals schmolz die Chuzpe dahin wie Schnee in der FrĂŒhlingssonne. Was bleibt, ist das Bild eines Kanzlers, der zu Hause den Löwen gibt und in Washington zum Lamm wird.
Die Parallelen zu Scholz sind erschreckend
Man erinnere sich an jene denkwĂŒrdige Pressekonferenz, bei der Olaf Scholz neben Joe Biden stand, als dieser ankĂŒndigte, man werde die Nord-Stream-Pipeline âbeenden". Auch damals: betretenes Schweigen des deutschen Kanzlers. Kein Widerspruch, kein Nachfragen, kein Aufbegehren. Es scheint, als habe sich im transatlantischen VerhĂ€ltnis weniger verĂ€ndert, als die neue Bundesregierung uns glauben machen wollte.
Der Unterschied liegt allenfalls in der Inszenierung. Trump ist der ungleich bessere Showman als Biden es je war. Er beherrscht die Kunst der DemĂŒtigung mit einer VirtuositĂ€t, die an groĂe Theaterschurken erinnert. Und die deutschen Kanzler? Sie wechseln, aber ihre Rolle bleibt dieselbe: die des stummen Beisitzers, der dankbar ist, ĂŒberhaupt eingeladen worden zu sein.
Was bedeutet das fĂŒr Deutschland?
Die Frage, die sich nach diesem Auftritt stellt, ist keine diplomatische â sie ist eine existenzielle. Kann ein Land, das gerade ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen aufnimmt, das seine BĂŒrger mit steigenden Steuern und Abgaben belastet, das seine Wirtschaft durch ideologiegetriebene Energiepolitik an den Rand des Ruins gebracht hat â kann dieses Land es sich leisten, auf der WeltbĂŒhne derart unterwĂŒrfig aufzutreten? Die Antwort liegt auf der Hand.
Friedrich Merz ist angetreten mit dem Versprechen, Deutschland wieder Respekt zu verschaffen. Nach diesem Auftritt in Washington darf man fragen: Respekt bei wem? Bei einem US-PrĂ€sidenten, der offen ankĂŒndigt, die Deutschen âsehr, sehr hart" treffen zu wollen? Bei europĂ€ischen Partnern, die zusehen mussten, wie ihr vermeintlicher VerbĂŒndeter sie nicht einmal verbal verteidigte? Oder bei den deutschen BĂŒrgern, die sich fragen, warum ihr Kanzler lĂ€chelt, wĂ€hrend ĂŒber ihr Land gesprochen wird wie ĂŒber einen lĂ€stigen Handelspartner, den man nach Belieben abstrafen kann?
Deutschland braucht keine Kanzler, die in Washington nicken. Deutschland braucht StaatsmĂ€nner, die fĂŒr die Interessen ihres Landes einstehen â aufrecht, klar und ohne Angst vor dem Zorn eines Mannes, der sich selbst fĂŒr den intelligentesten Politiker der Welt hĂ€lt. Doch davon sind wir, so scheint es, weiter entfernt denn je.










