
Hannover Messe: Deutsche Industrie am Abgrund â und die Politik schaut zu

Es sind Worte, die man so deutlich selten von den Spitzen der deutschen Wirtschaft hört. âDie Grenzen der LeidensfĂ€higkeit sind erreicht" â mit dieser unmissverstĂ€ndlichen Warnung wandte sich VDMA-PrĂ€sident Bertram Kawlath auf der diesjĂ€hrigen Hannover Messe an die politische Klasse in Berlin und BrĂŒssel. Was auf der weltweit wichtigsten Industrieschau zu hören war, gleicht einem Hilferuf â und zugleich einer schonungslosen Abrechnung mit jahrelangem politischem Versagen.
FĂŒnf Jahre Niedergang â und kein Ende in Sicht
Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache. Seit 2022 geht die Industrieproduktion in Deutschland kontinuierlich zurĂŒck. Ein fĂŒnftes schwaches Jahr in Folge droht. Die KapazitĂ€tsauslastung liegt bei mageren 78 Prozent. BDI-PrĂ€sident Peter Leibinger kassierte auf der Messe die ohnehin bescheidene Wachstumsprognose seines Verbandes vom Jahresanfang und sprach nur noch von bestenfalls Stagnation. âWir sind als Standort nicht mehr wettbewerbsfĂ€hig", so sein vernichtendes Urteil.
Man muss sich diese Aussage auf der Zunge zergehen lassen. Deutschland, einst die unangefochtene Industrienation Europas, das Land der Ingenieure und TĂŒftler, der Maschinenbauer und WeltmarktfĂŒhrer â nicht mehr wettbewerbsfĂ€hig. Was fĂŒr eine BankrotterklĂ€rung. Nicht der Industrie wohlgemerkt, sondern der Politik, die diesen Niedergang ĂŒber Jahre hinweg sehenden Auges zugelassen hat.
Energiepreise, BĂŒrokratie, Steuerlast: Das toxische Trio
Die Ursachen sind hinlĂ€nglich bekannt, werden aber von der Politik mit einer geradezu bemerkenswerten Beharrlichkeit ignoriert. Kawlath brachte es auf den Punkt: âUnser Standort ist zu teuer und unflexibel, das lĂ€sst sich mit keinem FleiĂ und keinem Erfindergeist mehr kompensieren." Explodierende Energiepreise â eine direkte Folge der ideologiegetriebenen Energiewende der vergangenen Jahre â, erdrĂŒckende Sozialabgaben und eine Steuerlast, die international ihresgleichen sucht, treiben die Unternehmen in die Verzweiflung. Oder schlimmer: ins Ausland.
ZVEI-PrĂ€sident Gunther Kegel wurde noch deutlicher und sprach von einer Katastrophe, wenn Sozialabgaben die 50-Prozent-Marke erreichten. Das fĂŒhre den Staat an den Abgrund. Doch statt gegenzusteuern, tĂŒrmt die Politik neue Belastungen auf. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen der neuen GroĂen Koalition unter Friedrich Merz mag als Investitionspaket verkauft werden â letztlich sind es Schulden, die kommende Generationen durch Steuern und Abgaben werden finanzieren mĂŒssen. Und das, obwohl der Kanzler einst versprochen hatte, keine neuen Schulden zu machen.
Die Forderungen der Industrie
Was die IndustrieverbĂ€nde fordern, ist im Grunde nichts anderes als ökonomischer Hausverstand: Senkung der Unternehmenssteuern, Deckelung der SozialversicherungsbeitrĂ€ge, Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit und eine Kopplung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung. Kawlath forderte unmissverstĂ€ndlich: âDie Politik muss den Mut haben, allen etwas abzuverlangen." Doch genau dieser Mut fehlt seit Jahren. Stattdessen regiert der kleinste gemeinsame Nenner, werden Reformen zerredet und Probleme in Arbeitsgruppen und Kommissionen begraben.
Neue Krisen verschÀrfen die Lage dramatisch
Als hÀtte Deutschland nicht schon genug hausgemachte Probleme, kommen nun externe Schocks hinzu, die das fragile GebÀude weiter ins Wanken bringen. Der Iran-Krieg, die aggressive Zollpolitik der Trump-Administration mit 20 Prozent AufschlÀgen auf EU-Importe, gestörte Lieferketten und eine hartnÀckig hohe Inflation bilden einen toxischen Cocktail, der jede zarte Erholung im Keim erstickt.
Dabei hatte sich die Stimmung in den Unternehmen bis Ende 2025 tatsĂ€chlich leicht aufgehellt. Doch im ersten Quartal 2026 drehte sich der Wind erneut. Die Unsicherheit ist zurĂŒck â und mit ihr die InvestitionszurĂŒckhaltung. Wer investiert schon in einem Land, das seine eigene WettbewerbsfĂ€higkeit systematisch untergrĂ€bt?
RĂŒstung und KI: Lichtblicke am dĂŒsteren Horizont
Nicht alles ist Tristesse auf der Hannover Messe. Die geplanten Milliardeninvestitionen in die Verteidigung wecken Hoffnungen â eine bittere Ironie, dass ausgerechnet die AufrĂŒstung zum Konjunkturmotor werden könnte. Die Maschinenbauer sehen hier erhebliches Potenzial: Derzeit macht die Branche geschĂ€tzt zwei bis fĂŒnf Prozent ihres Umsatzes im RĂŒstungsbereich. Innerhalb von drei bis fĂŒnf Jahren lieĂe sich dieser Anteil verdoppeln, so die Prognose des VDMA.
Auch technologisch herrscht durchaus Aufbruchstimmung. KĂŒnstliche Intelligenz in der Produktion, humanoide Roboter und fortschreitende Automatisierung â die Industrie steht an der Schwelle eines neuen Entwicklungsschritts. Mehr als 3.000 Aussteller, darunter Schwergewichte wie Microsoft, SAP und Siemens, aber auch zahlreiche MittelstĂ€ndler und Start-ups, zeigen auf der Messe ihre Innovationen. Erstmals gibt es sogar einen eigenen Themenschwerpunkt RĂŒstung â ein Zeichen der Zeit.
Doch VDMA-Chef Kawlath stellte die entscheidende Frage: âJetzt entscheidet sich, ob Europa Gestalter eines neuen industriellen Ăkosystems wird â oder vor allem Anwender fremder Technologien." Eine Frage, die angesichts der chinesischen und amerikanischen Technologieoffensiven drĂ€ngender denn je ist.
Reformstau als gröĂte Bedrohung
Die Hannover Messe 2026 offenbart das ganze Dilemma des Industriestandorts Deutschland. Die Unternehmen sind innovativ, die Ingenieure brillant, die Facharbeiter hochqualifiziert. Doch all das nĂŒtzt wenig, wenn der politische Rahmen nicht stimmt. Wenn Energie unbezahlbar ist, BĂŒrokratie jede Initiative erstickt und die Steuerlast jeden Wettbewerbsvorteil zunichtemacht.
Die neue GroĂe Koalition unter Friedrich Merz hatte mit dem Versprechen angetreten, die Wirtschaft wieder in den Mittelpunkt zu rĂŒcken. Doch bislang bleiben die Reformen zaghaft, die AnkĂŒndigungen vage. Die Industrie hat genug von Lippenbekenntnissen. Wenn die Politik in Berlin und BrĂŒssel jetzt nicht entschlossen handelt, so warnte Kawlath unmissverstĂ€ndlich, werde der langfristige Schaden nicht mehr behebbar sein. Deutschland droht dann nicht nur eine Rezession, sondern eine schleichende Deindustrialisierung â mit verheerenden Folgen fĂŒr Wohlstand, ArbeitsplĂ€tze und die gesellschaftliche StabilitĂ€t.
Es wÀre an der Zeit, dass die politisch Verantwortlichen endlich begreifen: Eine starke Industrie ist kein Selbstzweck. Sie ist das Fundament, auf dem unser aller Wohlstand ruht. Wer dieses Fundament weiter untergrÀbt, gefÀhrdet nicht weniger als die Zukunft dieses Landes.










