
Demokratie-Studie: Erstmals mehr Frust als Zufriedenheit in Niedersachsen

Es ist eine ZÀsur, die Politiker aufhorchen lassen sollte: Erstmals seit Beginn der Erhebung sind in Niedersachsen mehr Menschen mit dem Zustand der Demokratie unzufrieden als zufrieden. Das geht aus dem NiedersÀchsischen Demokratie-Monitor 2025 hervor, den die UniversitÀt Göttingen Ende August vorgestellt hat. Befragt wurden zwischen dem 18. August und dem 12. Oktober 2025 insgesamt 1.498 Menschen ab 16 Jahren.
93 Prozent fĂŒr die Demokratie â und trotzdem tiefer Frust
Der Befund ist zweigeteilt. An der Demokratie als Staatsform hĂ€lt kaum jemand ernsthaft Zweifel: 93 Prozent bekennen sich zu ihr. Doch der Alltag dieser Demokratie ĂŒberzeugt immer weniger.
Laut der Studie liegt der Anteil der Zufriedenen nur noch bei rund 27 Prozent. 2023 waren es 35 Prozent. Und 2019 â vor Corona, vor dem Ukraine-Krieg, vor der Energiepreis-Explosion â lag der Wert noch bei satten 52 Prozent. Halbiert in sechs Jahren. Wer will diesen Absturz allein den BĂŒrgern anlasten?
Parteien bei 14 Prozent, Politiker bei elf
Besonders verheerend fallen die Vertrauenswerte fĂŒr die politische Klasse aus. Der Polizei vertrauen 79 Prozent, dem Bundesverfassungsgericht 67, dem Verfassungsschutz 54 Prozent. Den öffentlich-rechtlichen Medien attestiert die Studie nach einem Einbruch 2023 wieder 50 Prozent â fĂŒr eine zwangsfinanzierte Institution ein Wert, ĂŒber den man in Mainz und Hamburg eigentlich diskutieren mĂŒsste.
Ganz unten aber stehen jene, die regieren: Parteien kommen auf 14 Prozent, Politiker auf gerade einmal elf Prozent Vertrauen. Nur 47 Prozent glauben ĂŒberhaupt noch, dass die Politik die Probleme der Bevölkerung wahrnimmt â der schlechteste je gemessene Wert. Immerhin: 71 Prozent trauen ihr grundsĂ€tzlich zu, Probleme auch lösen zu können. Das Vertrauen in die FĂ€higkeit ist also da. Es fehlt der Glaube an den Willen.
Wenn Frust autoritÀre Fantasien nÀhrt
Alarmierend sind die Zahlen zu autoritĂ€ren Vorstellungen. 52 Prozent stimmten der Aussage zu, Deutschland brauche eine einzige starke Partei, 30 Prozent einer Regierung durch eine starke FĂŒhrungsperson ohne parlamentarische Kontrolle, zehn Prozent sprachen sich offen fĂŒr eine Diktatur aus. Insgesamt stimme mehr als die HĂ€lfte undemokratischen Elementen zumindest teilweise zu.
Die Forscher warnen dennoch vor Panik. Institutsdirektor Simon Franzmann erklÀrte:
âDie Demokratie als Staatsform bleibt in Niedersachsen breit anerkannt. Aber politische Akteure, die politische Mitte und die Mechanismen demokratischer Integration verlieren zunehmend an Bindekraft.â
Erstautor Philipp Harfst sieht laut Presseinformation der UniversitÀt keinen Hinweis auf eine unmittelbar bevorstehende Systemkrise, wohl aber auf einen schleichenden Verlust demokratischer Integrationskraft.
Rechtsverschiebung â zulasten der Mitte
Politisch verschiebt sich das Land: Der Anteil derer, die sich als âsehr rechtsâ einordnen, stieg von einem auf fĂŒnf Prozent, weitere 19 Prozent verorten sich eher rechts. Die Mitte schrumpfte von 49 auf 45 Prozent, das linke Lager blieb stabil. Von einem âRechtsruckâ sprechen die Autoren deshalb ausdrĂŒcklich nicht, sondern von einer âRechtsverschiebung zulasten der Mitteâ.
Aufschlussreich ist der Ebenenvergleich: Die Bundesregierung ĂŒberzeugt nur 19 Prozent, die EU 22 Prozent â die Landesregierung dagegen 41, die eigene Gemeinde sogar 54 Prozent. Je nĂ€her am BĂŒrger, desto gröĂer das Vertrauen. Aus Sicht unserer Redaktion ist das die eigentliche Botschaft dieser Studie: Nicht die Demokratie hat versagt, sondern eine Politik, die sich von den Sorgen der Menschen entfernt hat. Die Studie selbst wird ĂŒbrigens vom niedersĂ€chsischen Wissenschaftsministerium finanziert.
Dieser Beitrag gibt die EinschĂ€tzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Leser ist fĂŒr eigene Entscheidungen selbst verantwortlich.










