
Brüssel greift nach Europas Tech-Zukunft: Allianz und Schwarz-Gruppe finanzieren EU-Staatsfonds für Start-ups
Was nach einer ambitionierten Zukunftsvision klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als das Eingeständnis eines jahrzehntelangen Versagens: Die Europäische Union will erstmals direkt in Start-ups investieren – und holt sich dafür ausgerechnet zwei deutsche Konzernriesen ins Boot. Der Versicherungsgigant Allianz und die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, haben ihre Beteiligung am neuen EU-Wachstumsfonds „Scaleup Europe" zugesagt. Ein Fonds, der mindestens fünf Milliarden Euro schwer werden soll. Klingt gewaltig. Doch reicht das?
Europas peinliche Abhängigkeit von amerikanischem Kapital
Die nackte Wahrheit ist ernüchternd: Europa hat es in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht geschafft, auch nur einen einzigen Tech-Konzern von der Größenordnung eines Google, Apple oder Microsoft hervorzubringen. Während im Silicon Valley Milliarden wie selbstverständlich in junge Unternehmen fließen, müssen europäische Gründer regelrecht betteln gehen – und zwar meist bei amerikanischen oder asiatischen Geldgebern. Risikokapitalgeber wie Sequoia, A16Z oder Softbank stemmen Finanzierungsrunden in dreistelliger Millionenhöhe, ohne mit der Wimper zu zucken. In Europa? Fehlanzeige.
Genau dieses strukturelle Defizit hat auch der ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi in seinem vielbeachteten Sonderbericht schonungslos offengelegt. Obwohl es in der EU durchaus starke Start-ups gebe, würden der begrenzte Zugang zu Wachstumskapital und die fragmentierten Investitionsmärkte verhindern, dass europäische Innovatoren zu globalen Marktführern aufsteigen könnten. Man könnte es auch drastischer formulieren: Europa züchtet die Pflänzchen – und Amerika erntet die Früchte.
Die EU wird zum Miteigentümer – ein zweischneidiges Schwert
Der neue Fonds markiert einen bemerkenswerten Paradigmenwechsel. Bislang beschränkte sich die EU-Förderung auf Finanzierungsrunden bis maximal 30 Millionen Euro. Künftig sollen Runden von über 100 Millionen Euro möglich werden. Und – das ist der eigentliche Knackpunkt – die EU wird erstmals direkt Miteigentümer an Start-ups und erhält damit Mitspracherechte. Man darf sich durchaus fragen, ob es wirklich eine gute Idee ist, wenn eine Brüsseler Bürokratie, die nicht gerade für ihre unternehmerische Agilität bekannt ist, plötzlich am Tisch der Gründer Platz nimmt.
Die Kommission unter Ursula von der Leyen betont, man wolle die Entwicklung vielversprechender Firmen in strategischen Branchen wie Halbleiter, Quantencomputer, Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Cybersicherheit beschleunigen. EU-Kommissarin Ekaterina Zaharieva sprach davon, dass man mit führenden privaten Investoren zusammenarbeite, um einen Multi-Milliarden-Euro-Fonds aufzubauen, der in die besten europäischen Deeptech-Unternehmen investieren werde. Schöne Worte. Doch die Geschichte der EU-Industriepolitik ist gepflastert mit wohlklingenden Ankündigungen, denen selten entsprechende Ergebnisse folgten.
Internationale Investoren an Bord – doch das Volumen bleibt nebulös
Neben Allianz und Schwarz-Gruppe haben weitere namhafte Investoren ihre Beteiligung zugesagt: die Investmentgesellschaft des Novo-Nordisk-Eigners aus Dänemark, die dänische Förderbank Eifo, die spanische Criteria Caixa samt dem Investmentarm der Santander-Bank, die polnische Förderbank sowie die legendäre schwedische Wallenberg-Familie. Ein illustrer Kreis, keine Frage. Doch das exakte Fondsvolumen und der Anteil privater Investoren bleiben weiterhin im Dunkeln. Für einen Fonds, der Europas technologische Souveränität sichern soll, ist diese Intransparenz bemerkenswert.
Machtkampf um den Fondsmanager
Parallel zum Aufbau des Fonds tobt bereits ein erbitterter Wettbewerb um die Verwaltung des Milliardentopfs. Erstmals überträgt die EU-Kommission die Fondsverwaltung an einen privaten Manager – ein Novum, das die bisherige Rolle der Europäischen Investitionsbank (EIB) in Frage stellt. Unter den Bewerbern finden sich der schwedische Finanzinvestor EQT, der britische Risikokapitalgeber Atomico und das französische Haus Eurazeo. Auch aus Deutschland mischen Bewerber mit: Der Münchner Deeptech-Investor Vsquared Ventures habe sich gemeinsam mit dem internationalen Risikokapitalgeber Headline beworben, zudem zeige HV Capital Interesse.
Besonders brisant: Die Bewerbung von EQT wird in der Branche kontrovers diskutiert, da die Wallenberg-Familie – selbst Investor im Scaleup-Europe-Fonds – zu den Mitbegründern von EQT gehört. Interessenkonflikte dieser Art sind Gift für die Glaubwürdigkeit eines Projekts, das ohnehin unter verschärfter Beobachtung steht. Eine Entscheidung über den Fondsmanager soll im April fallen.
Geopolitischer Druck als eigentlicher Treiber
Man muss kein Zyniker sein, um zu erkennen, dass dieser Fonds weniger aus visionärem Unternehmergeist geboren wurde als vielmehr aus schierer geopolitischer Not. Der anhaltende Ukrainekrieg, Trumps aggressive Zollpolitik mit 20 Prozent auf EU-Importe und Europas erschreckende Abhängigkeit von amerikanischer und chinesischer Technologie haben den Handlungsdruck enorm erhöht. Europa droht, wie Kritiker warnen, zur „digitalen Kolonie" zu werden – abhängig von fremden Cloud-Diensten, fremden Chipfabriken, fremden KI-Systemen.
Ob fünf Milliarden Euro ausreichen, um diesen Trend umzukehren, darf bezweifelt werden. Zum Vergleich: Allein die US-Risikokapitalbranche investierte im vergangenen Jahr über 170 Milliarden Dollar in Start-ups. Europas neuer Fonds wirkt dagegen wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Dennoch ist der Schritt grundsätzlich richtig – vorausgesetzt, die Brüsseler Bürokratie schafft es, die Mittel effizient und ohne ideologische Scheuklappen zu verteilen. Denn was Europa am wenigsten braucht, sind weitere Fördertöpfe, die nach politischen Quoten statt nach unternehmerischem Potenzial vergeben werden.
Für den deutschen Steuerzahler bleibt die bange Frage, ob hier tatsächlich Wertschöpfung entsteht – oder ob es sich um ein weiteres milliardenschweres Prestigeprojekt handelt, das am Ende vor allem Berater und Bürokraten nährt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob „Scaleup Europe" mehr ist als ein wohlklingendes Versprechen.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Investitionen in Fonds, Start-ups oder andere Kapitalanlagen sind mit erheblichen Risiken verbunden. Jeder Anleger ist verpflichtet, sich eigenständig zu informieren und trägt die volle Verantwortung für seine Anlageentscheidungen. Wer sein Vermögen langfristig absichern möchte, sollte physische Edelmetalle wie Gold und Silber als bewährten Baustein eines breit diversifizierten Portfolios in Betracht ziehen – sie haben sich über Jahrhunderte als verlässlicher Wertspeicher erwiesen, unabhängig von politischen Launen und bürokratischen Großprojekten.
- Themen:
- #Aktien
- #EZB
- #Übernahmen-Fussion










