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24.02.2026
12:04 Uhr

ZDF in der Glaubwürdigkeitskrise: Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen „Relotius-Moment" eingestehen muss

ZDF in der Glaubwürdigkeitskrise: Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen „Relotius-Moment" eingestehen muss

Es brodelt gewaltig in den Fluren des Zweiten Deutschen Fernsehens. Was sich vergangene Woche bei einer internen Online-Betriebsversammlung mit rund 1.150 Mitarbeitern abspielte, offenbart ein Bild der Zerrissenheit, das symptomatisch für den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland steht. Der KI-Fake-Skandal beim Heute Journal hat Wunden aufgerissen, die sich nicht so leicht mit ein paar arbeitsrechtlichen Konsequenzen kitten lassen.

Der Skandal, der das Fass zum Überlaufen brachte

Zur Erinnerung: Das Heute Journal hatte in einem Beitrag über die US-Einwanderungsbehörde ICE ein KI-generiertes Video sowie ein aus dem Kontext gerissenes Video verwendet, um ein vermeintlich brutales Vorgehen gegen Kinder zu illustrieren. Ein manipulativer Beitrag, der vor einem Millionenpublikum ausgestrahlt wurde – finanziert wohlgemerkt von eben jenem Publikum, das monatlich zwangsweise seinen Rundfunkbeitrag entrichtet. Erst als das KI-Wasserzeichen im Video entdeckt wurde, flog der Schwindel auf. Man fragt sich unweigerlich: Wie oft ist dergleichen bereits unbemerkt geblieben?

Chefredakteurin Schausten zwischen Schadensbegrenzung und Schuldzuweisung

ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten versuchte bei der Betriebsversammlung offenbar den Spagat zwischen entschlossenem Durchgreifen und geschickter Ablenkung. Einerseits kündigte sie arbeitsrechtliche Verfahren gegen die Verantwortlichen an und verteidigte die Abberufung der New Yorker Studioleiterin Nicola Albrecht, die sie ausdrücklich als „kein Bauernopfer" bezeichnete und der sie „schwere Fehler" attestierte. Andererseits machte Schausten die Unterbesetzung der Heute-Redaktion für die Abläufe verantwortlich – ein Argument, das angesichts eines Jahresbudgets von über acht Milliarden Euro für den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk geradezu grotesk anmutet.

Besonders aufschlussreich war jedoch, wen Schausten nicht in die Verantwortung nahm. Moderatorin Dunja Hayali wurde vollständig aus der Diskussion ausgeklammert. Die Ironie ist kaum zu überbieten: Ausgerechnet Dunja Hayali, die 2023 vom bayerischen Ministerpräsidenten für ihren Einsatz „mit Fakten, Klugheit und Humor" ausgezeichnet wurde, moderierte den Beitrag mit einem KI-generierten Fake-Video an. Die Laudatio pries zudem ihre „große Professionalität", mit der sie „komplexe Sachverhalte verständlich vermittelt, ohne oberflächlich zu werden".

Wo waren die „Fakten", als das manipulative KI-Video lief? Wo war die „Professionalität", als ein aus dem Kontext gerissenes Video als Beleg diente? Und wo war die kritische Distanz einer erfahrenen Journalistin, die hätte merken müssen, dass hier etwas nicht stimmt?

Die übliche Masche: Nicht der Fehler ist das Problem, sondern die Berichterstattung darüber

Was bei der Betriebsversammlung besonders ins Auge stach, war die reflexartige Schuldzuweisung an externe Kritiker. Schausten beklagte, dass „gewisse Plattformen" „infam und böswillig" über den manipulativen Beitrag berichten würden. Der Washingtoner Studioleiter Elmar Theveßen warnte seine Kollegen davor, sich das „Geraune" bestimmter Medien zu eigen zu machen. Man reibt sich verwundert die Augen: Da produziert ein zwangsfinanzierter Sender einen nachweislich manipulativen Beitrag mit KI-generierten Fake-Videos – und das eigentliche Problem sollen jene sein, die darüber berichten?

Diese Haltung ist bezeichnend für eine Institution, die sich seit Jahren in einer Wagenburg-Mentalität verschanzt hat. Statt demütig einzugestehen, dass man das Vertrauen der Bürger massiv beschädigt hat, wird der Überbringer der schlechten Nachricht zum Feind erklärt. Es ist dieselbe Logik, mit der man seit Jahren jede Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „Angriff auf die Pressefreiheit" umzudeuten versucht.

„Klima der Angst" – aber für wen?

Geradezu entlarvend war die Schilderung der WISO-Moderatorin Sarah Tacke, die beklagte, bei Terminen mittlerweile mit den Worten „Ach, Sie kommen vom KI-Fernsehen" begrüßt zu werden. Sie sprach von einem „Klima der Angst" in der Redaktion. Man möchte fast Mitleid empfinden – wenn da nicht die Tatsache wäre, dass diese Journalisten in einem System arbeiten, das den deutschen Bürgern monatlich 18,36 Euro abverlangt, ohne ihnen ein Mitspracherecht über die Verwendung dieser Gelder einzuräumen. Das wahre „Klima der Angst" herrscht wohl eher bei jenen Bürgern, die sich fragen müssen, ob die Nachrichten, die sie abends konsumieren, überhaupt der Realität entsprechen.

Der „Relotius-Moment" – eine Untertreibung?

Immerhin fand sich eine ZDF-Journalistin, die den Mut aufbrachte, die Dinge beim Namen zu nennen. Bettina Warken, Leiterin von ZDF Reportage, räumte ein: „Wir haben einen Relotius-Moment." Der Vergleich mit dem Spiegel-Skandal um den Fälscher-Reporter Claas Relotius, der jahrelang preisgekrönte Reportagen erfunden hatte, sitzt. Doch er greift möglicherweise sogar zu kurz. Denn während der Spiegel ein privatwirtschaftliches Medium ist, das man nicht kaufen muss, wenn man ihm nicht vertraut, ist das ZDF ein zwangsfinanzierter Sender. Jeder Haushalt in Deutschland zahlt – ob er will oder nicht.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – und wer mit KI-generierten Fake-Videos hantiert, der hat ein Problem, das weit über einen einzelnen „Moment" hinausgeht.

Ein systemisches Problem, kein Einzelfall

Die KI-Affäre ist kein bedauerlicher Ausrutscher. Sie ist Symptom eines tiefgreifenden strukturellen Problems im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Seit Jahren beklagen Kritiker eine zunehmende Tendenz zur Meinungsmache statt zur neutralen Berichterstattung. Die politische Einseitigkeit in den Redaktionen ist durch Umfragen hinlänglich dokumentiert. Wenn nun ausgerechnet ein Beitrag über die US-Einwanderungspolitik unter Donald Trump mit manipulativem Material unterfüttert wird, dann drängt sich der Verdacht auf, dass hier nicht ein technischer Fehler passierte, sondern eine bestimmte Erzählung um jeden Preis bedient werden sollte.

Die Frage, die sich der deutsche Gebührenzahler stellen muss, ist nicht, ob das ZDF aus diesem Skandal lernen wird. Die Frage ist, ob ein System, das keinerlei marktwirtschaftlichem Wettbewerb ausgesetzt ist und sich seine Finanzierung per Staatsvertrag sichern lässt, überhaupt lernfähig sein kann. Die Schweiz macht es vor: Dort stimmt das Volk über die Finanzierung des öffentlichen Rundfunks ab. In Deutschland hingegen wird der Bürger nicht gefragt – er zahlt, und er schweigt. Oder besser gesagt: Er soll schweigen.

Dass die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hier grundlegende Reformen anpacken wird, darf bezweifelt werden. Zu eng sind die Verflechtungen zwischen Politik und öffentlich-rechtlichem Rundfunk, zu bequem ist das System für alle Beteiligten – außer natürlich für den Bürger, der es finanziert. Der KI-Skandal beim ZDF ist nicht der Anfang einer Krise. Er ist lediglich der Moment, in dem die Krise für alle sichtbar wurde. Und wenn die Reaktion des Senders darauf lautet, die Kritiker als „infam und böswillig" zu brandmarken, dann steht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland noch eine sehr lange und schmerzhafte Reise bevor.

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