
Wenn Teheran und AfD gemeinsam applaudieren: Steinmeiers Iran-Rede spaltet die Republik
Es gibt Momente in der deutschen Politik, die so absurd anmuten, dass man sie sich kaum ausdenken könnte. BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier hat es geschafft, eine Rede zu halten, die ihm gleichzeitig den Beifall des iranischen AuĂenministers und der AfD einbringt â wĂ€hrend die eigene politische Heimat, die Union, nur noch fassungslos den Kopf schĂŒttelt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der höchste ReprĂ€sentant der Bundesrepublik Deutschland erntet stehende Ovationen aus Teheran.
Teherans Propagandamaschine jubelt
Der iranische AuĂenminister Abbas Araghtschi lieĂ es sich nicht nehmen, Steinmeier auf der Plattform X öffentlich zu loben. Dem BundesprĂ€sidenten gebĂŒhre Anerkennung dafĂŒr, âdass er die VerstöĂe gegen die Iraner verurteilt hat", so Araghtschi. Wer Rechtsstaatlichkeit schĂ€tze, solle ebenfalls seine Stimme erheben. Aus Sicht des iranischen Chefdiplomat sei das Völkerrecht in der Praxis tot â schuld daran sei natĂŒrlich die âDoppelmoral des Westens". Man reibt sich verwundert die Augen: Ausgerechnet ein Vertreter des Mullah-Regimes, das seit 1979 die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin erhoben hat, das Frauen unterdrĂŒckt, Oppositionelle hinrichtet und den internationalen Terrorismus finanziert, erteilt Deutschland Lektionen in Sachen Rechtsstaatlichkeit. Und ein deutscher BundesprĂ€sident liefert ihm dafĂŒr die Steilvorlage.
Ungewöhnliche Allianz: AfD stellt sich hinter Steinmeier
Nicht weniger bemerkenswert ist die Reaktion der AfD. Co-Parteichef Tino Chrupalla, der Steinmeier ansonsten selten ein gutes Wort gönnt, konnte sich einen sĂŒffisanten Kommentar nicht verkneifen: âDa hat er mal recht gehabt, so oft kommt das ja beim BundesprĂ€sidenten nicht vor." Der Angriff auf die Ukraine sei völkerrechtswidrig gewesen, der Angriff auf den Iran sei es ebenso. Chrupalla nutzte die Gelegenheit, um einmal mehr die Forderung seiner Partei nach Verhandlungen mit Russland ĂŒber Energielieferungen zu erneuern. Man mĂŒsse sich fĂŒr Frieden einsetzen und dĂŒrfe die Beziehungen zu kriegsfĂŒhrenden Staaten nicht abbrechen lassen.
So weit, so erwartbar. Doch die eigentliche Brisanz liegt nicht in der Zustimmung aus den RĂ€ndern des politischen Spektrums, sondern in der fundamentalen Frage, die Steinmeiers Rede aufwirft: Darf ein BundesprĂ€sident derart weitreichende völkerrechtliche Bewertungen vornehmen â und wenn ja, welche Konsequenzen hat das fĂŒr Deutschlands auĂenpolitische HandlungsfĂ€higkeit?
Union reagiert mit scharfer Kritik
Unionsfraktionschef Jens Spahn fand deutliche Worte. Der BundesprĂ€sident habe mit seiner EinschĂ€tzung seine Befugnisse ĂŒberschritten. Die völkerrechtliche PrĂŒfung obliege der Bundesregierung, nicht dem Staatsoberhaupt. âIch erwarte von Amts- und WĂŒrdentrĂ€gern der Bundesrepublik, dass sie diese PrĂŒfung abwarten und sie auch respektieren", stellte Spahn klar. Seine rhetorische Frage traf den Kern des Problems: âWas folgt jetzt aus dieser Feststellung?" TatsĂ€chlich â was soll daraus folgen? Steinmeier hat eine Bewertung in den Raum gestellt, die diplomatisch einem Elefanten im Porzellanladen gleichkommt, ohne auch nur ansatzweise aufzuzeigen, welche politischen Handlungen sich daraus ergeben sollten.
Auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann ging auf Distanz. Das Völkerrecht habe zwar allerhöchste PrioritĂ€t, dĂŒrfe aber nicht zur âSchutzklausel terroristischer Regime" werden. Eine Formulierung, die den Nagel auf den Kopf trifft. Denn genau das geschieht, wenn man den militĂ€rischen Einsatz gegen ein Regime, das seit Jahrzehnten Terror exportiert und nach Atomwaffen strebt, reflexhaft als völkerrechtswidrig brandmarkt.
Der Zentralrat der Juden spricht Klartext
Besonders eindrĂŒcklich fiel die Reaktion des Zentralrats der Juden aus. PrĂ€sident Josef Schuster sprach von âRechthaberei" und erinnerte an unbequeme Wahrheiten: Seit 1979 gehöre die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin des Iran. FĂŒr die Menschen im Iran berge der Krieg die Hoffnung auf ein Ende von 47 Jahren Terror und UnterdrĂŒckung. âWeder ihrem Streben nach Freiheit noch dem Kampf um das Fortbestehen Israels und der Sicherheit der umliegenden arabischen LĂ€nder ist mit der rechthaberischen Bewertung des Kriegsgeschehens durch deutsche Politiker geholfen", so Schuster. Stattdessen wĂŒnsche er sich SolidaritĂ€t mit denen, die unter dem Mullah-Regime litten.
Diese Worte sollten all jenen zu denken geben, die Steinmeiers Rede als mutig oder gar visionĂ€r feiern. Denn wĂ€hrend der BundesprĂ€sident sich in völkerrechtlichen Kategorien ergeht, sterben im Iran Menschen, die seit Jahrzehnten unter einem der brutalsten Regime der Welt leiden. Die Frage, ob ein militĂ€rischer Einsatz gegen dieses Regime völkerrechtlich einwandfrei ist, mag akademisch interessant sein â fĂŒr die unterdrĂŒckten Frauen, die verfolgten Minderheiten und die gefolterten Oppositionellen im Iran ist sie schlicht irrelevant.
Steinmeiers âdoppelter Epochenbruch" â oder doppelte Moral?
In seiner Rede zum 75. Jahrestag der WiedergrĂŒndung des AuswĂ€rtigen Amtes sprach Steinmeier von einem âdoppelten Epochenbruch". Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine habe mit den Prinzipien der europĂ€ischen Sicherheitsordnung gebrochen. Nicht weniger tiefgreifend sei der Bruch im transatlantischen VerhĂ€ltnis seit Beginn der zweiten Amtszeit von PrĂ€sident Donald Trump. Europa mĂŒsse seine Sicherheit kĂŒnftig gegen Russland organisieren, nicht mit Russland. Und im VerhĂ€ltnis zu den USA gebe es kein ZurĂŒck vor den 20. Januar 2025.
Steinmeier verwies auf das internationale Atomabkommen von 2015, das die atomare AufrĂŒstung des Iran hĂ€tte beenden sollen. Man sei damals ânie so weit entfernt von einer atomaren Bewaffnung des Iran" gewesen. Trump habe dieses Abkommen scheitern lassen und fĂŒhre nun Krieg. Eine konkrete Bedrohung der USA durch den Iran habe es nicht gegeben.
Was Steinmeier dabei geflissentlich verschweigt: Das Atomabkommen war von Anfang an löchrig wie ein Schweizer KĂ€se. Der Iran hat nachweislich gegen zahlreiche Auflagen verstoĂen, sein Raketenprogramm unbeirrt fortgesetzt und den internationalen Terrorismus weiter finanziert. Wer das Abkommen als diplomatischen Triumph verklĂ€rt, betreibt Geschichtsklitterung.
Die Forderung nach europÀischer SouverÀnitÀt
Steinmeier forderte Deutschland und Europa auf, sich aus bestehenden AbhĂ€ngigkeiten von den USA zu lösen. Die aktuelle amerikanische Regierung habe ein âvollkommen anderes Weltbild", das keine RĂŒcksicht auf etablierte Regeln, Partnerschaft und gewachsenes Vertrauen nehme. EuropĂ€ische SouverĂ€nitĂ€t in Verteidigung und Technologie zu erreichen, sei ein âGenerationenprojekt".
GrundsĂ€tzlich ist an dieser Forderung nichts auszusetzen. Dass Europa eigenstĂ€ndiger werden muss, ist eine Binsenweisheit, die konservative Sicherheitspolitiker seit Jahren predigen. Doch ausgerechnet Steinmeier â der als AuĂenminister die deutsche AbhĂ€ngigkeit von russischem Gas mitverantwortet hat, der Nord Stream 2 befĂŒrwortete und der die Bundeswehr ĂŒber Jahre hat verkommen lassen â erteilt nun Lektionen in strategischer Autonomie? Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Ein BundesprÀsident auf Abwegen
Die eigentliche Tragödie dieser Episode liegt nicht in der inhaltlichen Debatte ĂŒber das Völkerrecht. Sie liegt darin, dass ein deutscher BundesprĂ€sident dem iranischen Regime ungewollt Munition fĂŒr seine Propagandaschlacht liefert. Wenn Teheran jubelt, sollte das in Berlin alle Alarmglocken schrillen lassen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich wohlweislich von einer völkerrechtlichen Bewertung des Iran-Krieges ferngehalten â anders als andere europĂ€ische Partner. Diese ZurĂŒckhaltung zeugt von diplomatischem GespĂŒr, das man beim BundesprĂ€sidenten schmerzlich vermisst.
Deutschland steht in einer Zeit multipler Krisen â der Ukraine-Krieg dauert an, der Nahost-Konflikt eskaliert, die wirtschaftliche Lage ist angespannt, und die innere Sicherheit erodiert zusehends. In solchen Zeiten braucht es keine moralischen Sonntagsreden aus dem Schloss Bellevue, sondern nĂŒchterne Realpolitik, die deutsche Interessen in den Vordergrund stellt. Dass ausgerechnet der iranische AuĂenminister und die AfD die einzigen sind, die Steinmeier Beifall zollen, sollte dem BundesprĂ€sidenten mehr als nur zu denken geben. Es sollte ihn zutiefst beunruhigen.










