Kettner Edelmetalle
20.07.2026
18:03 Uhr

Wenn der Antifaschismus zur Zensur wird: Bonhoeffer-Grossneffe entreißt AfD den Gedenkkranz

Wenn der Antifaschismus zur Zensur wird: Bonhoeffer-Grossneffe entreißt AfD den Gedenkkranz
Symbolbild: KI-generiert

Es sollte ein Tag der WĂŒrde sein, ein stiller Moment des Innehaltens. Der 20. Juli, jener Tag, an dem sich Deutschland an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft erinnert. Doch statt eines feierlichen Gedenkens im Berliner Bendlerblock spielte sich in diesem Jahr eine Szene ab, die tiefer blicken lĂ€sst, als es manchem lieb sein dĂŒrfte.

Ein Kranz, ein Entriss, ein Skandal

Nach Berichten der Bild-Zeitung soll Tobias Korenke, seines Zeichens Grossneffe der von den Nazis ermordeten WiderstandskÀmpfer Dietrich und Klaus Bonhoeffer, eingegriffen haben, als Vertreter der AfD im Ehrenhof des Bendlerblocks einen Blumenkranz niederlegen wollten. Er habe versucht, diesen Kranz eigenhÀndig zu entfernen. Man lese diesen Satz zweimal: An einem Ort, der dem Andenken an die Opfer eines totalitÀren Regimes gewidmet ist, wollte ein Mann jenen das Gedenken verwehren, die als demokratisch gewÀhlte Abgeordnete des Deutschen Bundestages erschienen waren.

Der Vorfall geschah wĂ€hrend der offiziellen Kranzniederlegung, im Beisein prominenter GĂ€ste wie Berlins Finanzsenator Stefan Evers und Bundesbildungsministerin Karin Prien. Unter den Anwesenden habe die Aktion fĂŒr sichtbares Aufsehen gesorgt. Kein Wunder.

Wer bestimmt, wer gedenken darf?

Korenke, der sich seiner eigenen Darstellung nach schon lĂ€nger gegen die AfD positioniert, erklĂ€rte einst gegenĂŒber der «Frankfurter Rundschau», seine Vorfahren hĂ€tten gegen «all das» gestanden, wofĂŒr die Partei heute eintrete. Eine steile These – und eine gefĂ€hrliche noch dazu. Denn hier maßt sich ein Einzelner an, im Namen der Toten zu entscheiden, wer wĂŒrdig ist, ihrer zu gedenken, und wer nicht.

Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden – dieser Satz gilt gerade an einem Ort, der an den Kampf gegen ein Regime erinnert, das Andersdenkende auslöschen wollte.

Die AfD nimmt seit Jahren an diesen Gedenkveranstaltungen teil. Als demokratisch legitimierte Fraktion im Bundestag hat sie dazu jedes Recht. Kritiker werfen ihr vor, das Andenken zu «instrumentalisieren» – doch was ist die eigenhĂ€ndige Entfernung eines fremden Kranzes anderes als eine Instrumentalisierung des Gedenkorts fĂŒr den eigenen politischen Kampf?

Die Ironie der Geschichte

Es ist eine bittere Pointe, dass ausgerechnet Dietrich Bonhoeffer in seiner Todeszelle ĂŒber die Dummheit als moralischen Defekt schrieb – ĂŒber jene Barriere, die den Menschen immun gegen die Argumente der RealitĂ€t mache. Der Bendlerblock, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitverschwörer in der Nacht nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 erschossen wurden, ist einer der bedeutendsten Erinnerungsorte deutschen Widerstands. Dietrich Bonhoeffer selbst wurde wenige Wochen vor Kriegsende im Konzentrationslager FlossenbĂŒrg ermordet.

Diese MĂ€nner und Frauen litten und starben fĂŒr die Freiheit. Nicht fĂŒr eine Freiheit, die nach politischer Gesinnung gewĂ€hrt oder verweigert wird, sondern fĂŒr eine, die allen gilt. Wer heute im Namen des Antifaschismus anderen das Gedenken verbietet, sollte sich fragen, ob er den Geist jener WiderstandskĂ€mpfer wirklich verstanden hat.

Ein Symptom eines tieferen Problems

Der Zwischenfall am Bendlerblock ist mehr als eine Randnotiz. Er ist ein Spiegelbild jener zunehmend gespaltenen Republik, in der politische Ausgrenzung salonfĂ€hig geworden ist und die Brandmauer ĂŒber dem Grab der Toten errichtet wird. Deutschland tut gut daran, sich wieder auf die Werte zu besinnen, fĂŒr die Menschen wie die Bonhoeffers ihr Leben gaben: auf Toleranz, auf echten Meinungspluralismus und auf die WĂŒrde des Gegners. Das Gedenken an den Widerstand darf niemals zur Waffe im Tagesstreit verkommen.

Die zahlreichen empörten Reaktionen zeigen: Ein Großteil der Bevölkerung teilt diese EinschĂ€tzung und empfindet solche Aktionen als Anmaßung. Zu Recht.


Dieser Beitrag gibt die Meinung unserer Redaktion sowie die uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechtsberatung dar. FĂŒr die Beurteilung einzelner Sachverhalte wenden Sie sich bitte an einen fachkundigen Rechtsberater.

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