Kettner Edelmetalle
01.09.2025
20:32 Uhr

Wenn Armut zur Haftstrafe wird: Initiative befreit 101 Schwarzfahrer aus deutschen GefÀngnissen

Es klingt wie ein schlechter Scherz aus einem Kafka-Roman, doch es ist bittere RealitĂ€t im Deutschland des Jahres 2025: Menschen sitzen hinter Gittern, weil sie sich kein Busticket leisten konnten. Die Initiative "Freiheitsfonds" hat nun 101 dieser modernen Armutsgefangenen freigekauft – fĂŒr schlappe 100.000 Euro. Ein SchnĂ€ppchen, wenn man bedenkt, dass der Staat fĂŒr deren Inhaftierung satte 21 Millionen Euro hĂ€tte ausgeben mĂŒssen.

Ein Nazi-Gesetz feiert 90. Geburtstag

Was viele nicht wissen: Der berĂŒchtigte Paragraf 265a des Strafgesetzbuches, der das Fahren ohne Fahrschein zur Straftat erklĂ€rt, stammt aus der Feder der Nationalsozialisten. WĂ€hrend wir uns sonst gerne von allem distanzieren, was braune Wurzeln hat, klebt dieses Relikt wie Kaugummi unter der Schuhsohle unseres Rechtssystems. 90 Jahre alt ist diese juristische Perversion mittlerweile – und unsere Große Koalition unter Friedrich Merz scheint nicht sonderlich eilig zu haben, diesen Schandfleck zu beseitigen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bis zu 9.000 Menschen jĂ€hrlich wandern wegen Schwarzfahrens ins GefĂ€ngnis. Nicht etwa, weil sie gefĂ€hrliche Kriminelle wĂ€ren, sondern weil sie arm sind. Wohnungslose, psychisch Kranke, Menschen am Rand der Gesellschaft – sie alle landen hinter Gittern, weil sie die zwei Euro fĂŒnfzig fĂŒr ein Ticket nicht aufbringen konnten.

Die Perversion der Ersatzfreiheitsstrafe

Das System funktioniert nach einem perfiden Muster: Wer beim Schwarzfahren erwischt wird, erhĂ€lt eine Geldstrafe. Wer die nicht zahlen kann – und das sind naturgemĂ€ĂŸ die Ärmsten der Armen – wandert ersatzweise ins GefĂ€ngnis. Ein Tag Haft fĂŒr jeden nicht gezahlten Tagessatz. So werden aus ein paar Euro Schulden monatelange GefĂ€ngnisaufenthalte.

"Niemand gehört ins GefĂ€ngnis, weil er oder sie kein Geld fĂŒr ein Busticket hatte"

Diese Worte von Leonard Ihßen, dem Sprecher des Freiheitsfonds, bringen die AbsurditĂ€t auf den Punkt. WĂ€hrend Steuerhinterzieher mit Millionenschulden oft mit BewĂ€hrungsstrafen davonkommen, sitzen die Ärmsten der Gesellschaft ihre Armut buchstĂ€blich ab.

Die gescheiterte Reform der Ampel

Die ehemalige Ampel-Koalition hatte tatsÀchlich einmal einen lichten Moment und wollte das Schwarzfahren zur Ordnungswidrigkeit herabstufen. Doch wie so vieles in dieser chaotischen Regierungszeit versandete auch diese Reform im politischen Nirwana. Der Koalitionsbruch im November 2024 machte dem Vorhaben den Garaus.

Nun liegt der Ball bei Bundesjustizministerin Stefanie Hubig von der SPD. Doch wer die trĂ€ge Große Koalition kennt, weiß: Die Chancen stehen schlecht, dass sich hier zeitnah etwas bewegt. Zu sehr ist man damit beschĂ€ftigt, das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen fĂŒr Infrastruktur zu verwalten – Geld, das man offenbar lieber in Beton gießt, als damit sinnlose Inhaftierungen zu verhindern.

Ein Armutszeugnis fĂŒr den Rechtsstaat

Seit Ende 2021 hat der Freiheitsfonds bereits rund 100.000 Hafttage verhindert. Das entspricht einer Ersparnis von 21 Millionen Euro fĂŒr den Steuerzahler. Man könnte meinen, allein diese Zahlen wĂŒrden die Politik zum Handeln bewegen. Doch wĂ€hrend man sich in Berlin ĂŒber KlimaneutralitĂ€t bis 2045 streitet und neue Schulden fĂŒr kommende Generationen anhĂ€uft, bleiben die GefĂ€ngnisse voll mit Menschen, deren einziges Verbrechen ihre Armut ist.

Es ist ein Trauerspiel, dass es privater Initiativen bedarf, um Menschen aus einer Situation zu befreien, die es in einem zivilisierten Rechtsstaat gar nicht geben dĂŒrfte. WĂ€hrend die Politik versagt, springen BĂŒrger ein und zahlen aus eigener Tasche fĂŒr die Freiheit ihrer Mitmenschen. In Dortmund und Frankfurt wurden Betroffene sogar direkt mit Bargeld freigekauft – Szenen, die eher an mittelalterliche Praktiken erinnern als an ein modernes Industrieland.

Die Forderung des Freiheitsfonds ist klar und berechtigt: Der Paragraf 265a muss weg. Es kann nicht sein, dass ein Gesetz aus der Nazi-Zeit weiterhin Menschen wegen ihrer Armut kriminalisiert. Es ist höchste Zeit, dass Deutschland sich von diesem dunklen Erbe befreit und aufhört, Armut mit GefÀngnis zu bestrafen.

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