
Von der Leyens geschmackloser Geschichtsvergleich: OrbĂĄns Abwahl und der blutige Aufstand von 1956

Es gibt Momente, in denen sich politische Akteure derart im Ăberschwang ihrer eigenen SelbstgefĂ€lligkeit verlieren, dass man als Beobachter nur noch fassungslos den Kopf schĂŒtteln kann. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hat einen solchen Moment am Montag in BrĂŒssel geliefert â und zwar in einer QualitĂ€t, die selbst fĂŒr ihre VerhĂ€ltnisse bemerkenswert ist.
Ein Vergleich, der an Zynismus kaum zu ĂŒberbieten ist
Nach der Abwahl des ungarischen MinisterprĂ€sidenten Viktor OrbĂĄn, der sechzehn Jahre lang die Geschicke seines Landes lenkte, griff von der Leyen tief in die Geschichtskiste. âIch möchte dem ungarischen Volk sagen: Ihr habt es wieder geschafft!", verkĂŒndete sie laut Nachrichtenagenturen triumphierend. Und dann setzte sie noch einen drauf: Sie zog eine direkte Parallele zum ungarischen Volksaufstand von 1956 und zur Ăffnung des Eisernen Vorhangs 1989. âWieder gegen alle WiderstĂ€nde, wie 1956, als ihr mutig aufgestanden seid", so die KommissionsprĂ€sidentin wörtlich.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. 1956 erhoben sich die Ungarn gegen die brutale sowjetische Besatzung. Tausende Menschen starben, als sowjetische Panzer durch Budapest rollten. Familien wurden zerrissen, FreiheitskĂ€mpfer hingerichtet, Hunderttausende flohen ins Exil. Und dieses Blutbad, dieses Trauma einer ganzen Nation, setzt die Chefin der EU-Kommission nun allen Ernstes mit einer demokratischen Parlamentswahl gleich? Die Wahl bezeichnete sie zudem als âeinen Sieg fĂŒr die grundlegenden Freiheiten" â als hĂ€tte Ungarn bis dato unter einer Diktatur gelitten.
Die ungewĂ€hlte Königin von BrĂŒssel
Besonders pikant wird der Vorgang, wenn man sich vor Augen fĂŒhrt, wer hier spricht. Ursula von der Leyen wurde von keinem einzigen europĂ€ischen BĂŒrger direkt in ihr Amt gewĂ€hlt. Sie wurde in Hinterzimmern ausgekungelt, durch politische Deals auf den Thron gehievt â und sitzt dort nun, unangreifbar fĂŒr den WĂ€hler, wĂ€hrend sie demokratisch gewĂ€hlten Regierungschefs Lektionen in Sachen Freiheit erteilt. Die Ironie könnte kaum gröĂer sein.
Viktor OrbĂĄn hingegen â und das muss man anerkennen, unabhĂ€ngig davon, wie man zu seiner Politik steht â konnte abgewĂ€hlt werden. Er hat dem Wahlsieger gratuliert und den demokratischen Prozess respektiert. Das ist gelebte Demokratie. Etwas, das von der Leyen selbst nie durchlaufen musste.
Was steckt hinter dem triumphalen Jubel?
OrbĂĄn hatte sich in den vergangenen Jahren als unbequemer Störenfried im BrĂŒsseler MachtgefĂŒge positioniert. Er blockierte EU-BeschlĂŒsse zur Ukraine-UnterstĂŒtzung, pflegte Kontakte zu Moskau und weigerte sich beharrlich, der ideologischen Einheitslinie der EU-Eliten zu folgen. FĂŒr BrĂŒssel war er ein Dorn im Auge â ein Regierungschef, der es wagte, nationale SouverĂ€nitĂ€t ĂŒber supranationale Vorgaben zu stellen.
Dass von der Leyen nun derart unverhohlen ihre Freude ĂŒber seinen Abgang zur Schau stellt, offenbart ein beunruhigendes DemokratieverstĂ€ndnis. Denn die Botschaft zwischen den Zeilen ist unmissverstĂ€ndlich: Wer nicht nach der Pfeife BrĂŒssels tanzt, wird als Feind der Freiheit gebrandmarkt. Wer sich fĂŒgt, darf sich als Befreier feiern lassen. Es ist ein Machtanspruch, der in seiner Absolutheit an genau jene Systeme erinnert, mit denen von der Leyen so leichtfertig vergleicht.
Geschichtsklitterung als politisches Werkzeug
Der Vergleich mit 1956 ist nicht nur geschmacklos â er ist eine Verhöhnung der Opfer. Wer die Toten des Volksaufstands instrumentalisiert, um einen demokratischen Machtwechsel als historische Befreiung zu inszenieren, betreibt Geschichtsklitterung in Reinform. Die FreiheitskĂ€mpfer von Budapest kĂ€mpften gegen Panzer und Maschinengewehre, nicht gegen Wahlurnen und parlamentarische Opposition.
Beobachter gehen davon aus, dass Ungarn unter der neuen FĂŒhrung politisch nĂ€her an die EU-Linie rĂŒcken könnte. Ob das im Interesse des ungarischen Volkes liegt oder lediglich im Interesse der BrĂŒsseler BĂŒrokratie, wird sich zeigen. Eines steht jedoch fest: Wenn die PrĂ€sidentin der EU-Kommission eine regulĂ€re Wahl mit einem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand vergleicht, dann sagt das mehr ĂŒber den Zustand der EU aus als ĂŒber den Zustand Ungarns.
Ein Symptom des europÀischen Demokratiedefizits
Der Vorfall reiht sich nahtlos ein in eine besorgniserregende Entwicklung. Die EU-Institutionen maĂen sich zunehmend an, darĂŒber zu urteilen, welche demokratischen Ergebnisse akzeptabel sind und welche nicht. Von Georgien ĂŒber Moldawien bis RumĂ€nien â ĂŒberall dort, wo Wahlergebnisse nicht den Vorstellungen BrĂŒssels entsprechen, werden Zweifel gesĂ€t, Druck ausgeĂŒbt, Konsequenzen angedroht. FĂŒgt sich ein Land hingegen, wird es mit Lobeshymnen ĂŒberschĂŒttet.
FĂŒr Deutschland sollte dieser Vorgang ein Weckruf sein. Denn was heute Ungarn widerfĂ€hrt, kann morgen jedes andere EU-Mitglied treffen, das es wagt, einen eigenstĂ€ndigen Kurs zu fahren. Die Frage, die sich jeder europĂ€ische BĂŒrger stellen sollte, lautet: Wollen wir in einer Union leben, in der eine nicht gewĂ€hlte KommissionsprĂ€sidentin bestimmt, was âgrundlegende Freiheit" bedeutet â und was nicht?










