
Schienenersatz auf zwei RĂ€dern: Deutsche Bahn schickt Pendler aufs Fahrrad
Was klingt wie ein verspĂ€teter Aprilscherz, ist bitterer Ernst: Die Deutsche Bahn testet ab dem 10. April in Nordrhein-Westfalen sogenannte âSchienenersatzbikes" als Alternative zum klassischen Ersatzbus. Statt in ĂŒberfĂŒllten Bussen durch den Stau zu kriechen, sollen Pendler kĂŒnftig in die Pedale treten. Man reibt sich die Augen â und fragt sich unwillkĂŒrlich, ob dies der neue Standard deutscher Infrastrukturpolitik werden soll.
Wenn die Bahn nicht fÀhrt, fÀhrt eben der Fahrgast selbst
Der Hintergrund ist so banal wie symptomatisch fĂŒr den Zustand der deutschen Schieneninfrastruktur: Modernisierungsarbeiten an einem Stellwerk zwischen Köln-MĂŒlheim und Bergisch Gladbach legen die S-Bahn-Linie S11 fĂŒr knapp drei Monate lahm â bis zum 3. Juli 2026. TĂ€glich sind mehr als 15.000 Pendler von dieser Sperrung betroffen. Die regulĂ€re Fahrzeit auf dieser Strecke betrĂ€gt gerade einmal 13 Minuten. Der Ersatzbus hingegen benötigt satte 37 Minuten â fast das Dreifache. Umwege, Staus, die ĂŒblichen Widrigkeiten des deutschen StraĂenverkehrs.
Die Lösung der Bahn? Rund 50 LeihfahrrĂ€der, die morgens an den fĂŒnf betroffenen Bahnhöfen bereitstehen sollen. Gekennzeichnet als âS11-Bikes", buchbar ĂŒber die App des Anbieters nextbike. Bei Bedarf könne die Zahl der RĂ€der erhöht werden, heiĂt es. Der finanzielle Aufwand fĂŒr das gesamte Projekt liegt bei bescheidenen 17.000 Euro. Man möchte fast applaudieren â wĂ€re da nicht der bittere Beigeschmack, dass ein Land, das einst fĂŒr seine Ingenieurskunst und seine PĂŒnktlichkeit weltberĂŒhmt war, seine Pendler nun aufs Fahrrad setzt, weil es nicht einmal genĂŒgend Busfahrer gibt.
Ein Armutszeugnis fĂŒr die Verkehrspolitik
NatĂŒrlich lĂ€sst sich das Projekt auch positiv lesen: kreativ, kostengĂŒnstig, umweltfreundlich. Abokunden der lokalen Verkehrsbetriebe sowie Besitzer des Deutschlandtickets erhalten pro Fahrt 30 Freiminuten. Wer die zehn Kilometer lange Strecke mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 20 km/h bewĂ€ltigt, kommt ohne Zusatzkosten ans Ziel. Danach fĂ€llt ein Euro pro angefangener Stunde an. Das eigene Fahrrad mitzunehmen wĂ€re paradoxerweise teurer â zwischen 3,80 Euro fĂŒr eine Einzelfahrt und rund 50 Euro monatlich.
Doch hinter der vermeintlichen Innovation verbirgt sich ein strukturelles Versagen. Jahrzehntelang wurde die deutsche Schieneninfrastruktur kaputtgespart, wĂ€hrend Milliarden in ideologisch motivierte Projekte flossen. Die Stellwerke sind veraltet, das Personal fehlt an allen Ecken und Enden, und die FahrgĂ€ste werden mit immer kreativeren Notlösungen vertröstet. Dass ausgerechnet das Fahrrad â ein Fortbewegungsmittel des 19. Jahrhunderts â als Rettungsanker fĂŒr den Nahverkehr des 21. Jahrhunderts herhalten muss, spricht BĂ€nde ĂŒber den Zustand dieses Landes.
Grenzen des Konzepts sind offensichtlich
Selbst die BefĂŒrworter des Projekts dĂŒrften einrĂ€umen, dass das Konzept seine natĂŒrlichen Grenzen hat. Bei Regen, Schnee, Eis oder winterlichen Temperaturen wird kaum ein Pendler begeistert in den Sattel steigen. Ăltere Menschen, körperlich eingeschrĂ€nkte FahrgĂ€ste oder Eltern mit Kleinkindern dĂŒrften von diesem Angebot schlicht ausgeschlossen sein. Und was passiert auf lĂ€ngeren Strecken? Die Vorstellung, dass Berufspendler morgens im Anzug schweiĂgebadet am Arbeitsplatz erscheinen, weil die Bahn wieder einmal nicht fĂ€hrt, hat etwas zutiefst Absurdes.
Am Ende des Pilotprojekts soll eine Auswertung zeigen, ob sich das Modell auch auf andere Strecken ĂŒbertragen lĂ€sst. Man darf gespannt sein. Denn eines ist klar: Solange die Politik nicht endlich massiv in die marode Schieneninfrastruktur investiert, statt das Geld in fragwĂŒrdige Prestigeprojekte und ideologische Experimente zu stecken, werden solche Notlösungen zur Regel statt zur Ausnahme. Deutschland braucht keine Schienenersatzbikes â Deutschland braucht eine funktionierende Bahn.
Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen der neuen Bundesregierung unter Friedrich Merz sollte eigentlich genau solche Infrastrukturprobleme lösen. Ob davon tatsĂ€chlich genug bei der Schiene ankommt oder ob das Geld â wie so oft â in bĂŒrokratischen MĂŒhlen versickert, bleibt abzuwarten. Die Pendler zwischen Köln-MĂŒlheim und Bergisch Gladbach jedenfalls werden in den kommenden Monaten am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn der Staat seine Kernaufgaben vernachlĂ€ssigt. Treten Sie krĂ€ftig in die Pedale â der Anschlusszug wartet nicht.
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