Kettner Edelmetalle
11.09.2025
11:11 Uhr

Rente mit 70: Wenn die CDU-Wirtschaftsministerin die Lebensarbeitszeit verlÀngern will

Die neue Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche sorgt fĂŒr erheblichen Wirbel in der Großen Koalition. Mit ihrer Forderung nach einem höheren Renteneintrittsalter bringt die CDU-Politikerin nicht nur den Koalitionspartner SPD gegen sich auf, sondern zeigt auch, wie weit sich die deutsche Politik von den BedĂŒrfnissen der arbeitenden Bevölkerung entfernt hat.

Der Vorstoß aus dem falschen Ministerium

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Dreistigkeit sich Reiche in Politikbereiche einmischt, fĂŒr die ihr Ressort gar nicht zustĂ€ndig ist. Die ehemalige Vorstandsvorsitzende der E.ON-Tochter Westenergie, die erst seit Mai im Amt ist, scheint ihre KonzernmentalitĂ€t direkt ins Ministerium mitgebracht zu haben. WĂ€hrend das Arbeits- und Sozialministerium unter SPD-FĂŒhrung fĂŒr Rentenfragen verantwortlich zeichnet, prescht Reiche mit einem eigens einberufenen Beraterkreis vor und fordert nichts Geringeres als die Abschaffung von Anreizen fĂŒr einen frĂŒhen Ruhestand.

SPD-GeneralsekretĂ€r Tim KlĂŒssendorf brachte es auf den Punkt: Diese Forderungen finden sich nicht im Koalitionsvertrag. Man fragt sich unweigerlich, ob Frau Reiche den Vertrag ĂŒberhaupt gelesen hat oder ob sie glaubt, ĂŒber solche demokratischen Feinheiten erhaben zu sein.

Die demografische Keule als Totschlagargument

NatĂŒrlich wird wieder einmal die Demografie als BegrĂŒndung herangezogen. Bis 2036 wĂŒrden fast 20 Millionen Menschen der geburtenstarken JahrgĂ€nge das Rentenalter erreichen, heißt es im Papier des ministeriellen Beirats. Diese Argumentation ist so alt wie durchschaubar. Statt ĂŒber innovative Lösungen nachzudenken, wie etwa eine gerechtere Besteuerung von Vermögen oder die Einbeziehung aller ErwerbstĂ€tigen in die Rentenversicherung, wird reflexartig die Arbeitszeit verlĂ€ngert.

"Die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung gerÀt mit dieser demografischen Verschiebung zunehmend unter Druck"

Diese Aussage aus dem Beiratspapier offenbart die ganze Hilflosigkeit der aktuellen Politik. Anstatt das System grundlegend zu reformieren und an die neuen Gegebenheiten anzupassen, sollen die Arbeitnehmer die Zeche zahlen – mit ihrer Lebenszeit.

Die soziale Ungerechtigkeit der Rente mit 70

Besonders perfide ist die soziale Dimension dieser Forderung. Das Deutsche Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW) weist zu Recht darauf hin, dass Menschen mit niedrigen Einkommen im Durchschnitt deutlich kĂŒrzer leben als Besserverdienende. Eine Anhebung des Rentenalters trifft also genau jene am hĂ€rtesten, die ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet haben.

Anja Piel vom Deutschen Gewerkschaftsbund bringt es treffend auf den Punkt: Ein höheres Rentenalter sei "nichts anderes als eine RentenkĂŒrzung durch die HintertĂŒr – ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die das Land und ihre Betriebe jahrzehntelang am Laufen gehalten haben". Wer jahrzehntelang auf dem Bau, in der Pflege oder in der Produktion geschuftet hat, kann eben nicht einfach bis 70 weitermachen wie ein Ministerialbeamter im klimatisierten BĂŒro.

Die wahren Alternativen werden verschwiegen

WĂ€hrend Reiche von WettbewerbsfĂ€higkeit faselt, werden die wirklichen Alternativen konsequent ausgeblendet. Eine stĂ€rkere Besteuerung von Vermögen und hohen Einkommen könnte die Rentenkasse entlasten. Die Einbeziehung von Beamten und SelbststĂ€ndigen in die gesetzliche Rentenversicherung wĂŒrde die Basis verbreitern. Doch solche VorschlĂ€ge passen nicht ins neoliberale Weltbild einer ehemaligen Konzernmanagerin.

Es ist bezeichnend fĂŒr den Zustand unserer Politik, dass ausgerechnet eine Ministerin, die fĂŒr Wirtschaft und nicht fĂŒr Soziales zustĂ€ndig ist, meint, den Menschen vorschreiben zu mĂŒssen, wie lange sie zu arbeiten haben. Diese KompetenzĂŒberschreitung zeigt, wie sehr sich die CDU bereits wieder in ihrer alten Rolle als Interessenvertreterin der Wirtschaft eingefunden hat.

Ein Blick in die Zukunft

Die Debatte um die Rente mit 70 ist mehr als nur ein Streit zwischen Koalitionspartnern. Sie zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht, wenn Politiker wie Reiche das Sagen haben. Die arbeitende Bevölkerung soll immer lÀnger schuften, wÀhrend gleichzeitig die Vermögenskonzentration in Deutschland weiter zunimmt.

Es bleibt zu hoffen, dass die SPD diesmal RĂŒckgrat zeigt und sich nicht wieder von der CDU ĂŒber den Tisch ziehen lĂ€sst. Die Menschen in diesem Land haben ein Recht auf einen wĂŒrdigen Ruhestand nach einem langen Arbeitsleben. Sie haben es nicht verdient, dass ihre Lebenszeit auf dem Altar der WettbewerbsfĂ€higkeit geopfert wird.

Vielleicht sollte Frau Reiche erst einmal ein paar Jahre auf dem Bau oder in der Altenpflege arbeiten, bevor sie anderen erklĂ€rt, dass sie bis 70 durchhalten mĂŒssen. Aber vermutlich ist das von einer ehemaligen Konzernchefin zu viel verlangt.

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