
Pressefreiheit im freien Fall: Demokratie weltweit unter Beschuss
Die Pressefreiheit erlebt weltweit den schĂ€rfsten RĂŒckgang seit einem halben Jahrhundert. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt das renommierte International Institute for Democracy and Electoral Assistance (IDEA) in seinem aktuellen Jahresbericht. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In 94 LĂ€ndern habe sich die Demokratie in den vergangenen fĂŒnf Jahren verschlechtert, wĂ€hrend nur ein Drittel der untersuchten Staaten Fortschritte verzeichnen könne.
Ein Vierteljahrhundert der Verschlechterung
Besonders besorgniserregend sei die Entwicklung der Pressefreiheit. In einem Viertel aller untersuchten LĂ€nder habe sich die Situation fĂŒr Journalisten und Medien deutlich verschlechtert - die breiteste Verschlechterung seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1975. Kevin Casas-Zamora, GeneralsekretĂ€r der Denkfabrik, warnte vor einem "perfekten Sturm aus autokratischer Wiederkehr und akuter Unsicherheit".
Die dramatischsten RĂŒckgĂ€nge verzeichneten Afghanistan, Burkina Faso und Myanmar - allesamt LĂ€nder, die unter historisch hohen Niveaus von BĂŒrgerkrieg, Armut und politischer InstabilitĂ€t leiden. Ăberraschend findet sich auf Platz vier SĂŒdkorea, wo der inzwischen gestĂŒrzte PrĂ€sident Yoon Suk Yeol kritische Medien wiederholt attackierte und seine Regierung Verleumdungsklagen nutzte, um Journalisten mundtot zu machen.
Journalisten im Fadenkreuz
Besonders erschĂŒtternd seien die Zahlen aus dem Nahen Osten. Seit Oktober 2023 seien fast 200 Journalisten in PalĂ€stina getötet worden. Israel habe eine Blockade gegen internationale Pressevertreter verhĂ€ngt, die unabhĂ€ngig in den Gazastreifen einreisen wollten. Sowohl Israel als auch die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde hĂ€tten den Sender Al Jazeera ins Visier genommen und dessen AktivitĂ€ten unter Verweis auf angebliche Sicherheitsbedenken ausgesetzt.
"Demokratien mĂŒssen SchlĂŒsselelemente wie Wahlen und Rechtsstaatlichkeit schĂŒtzen, aber auch tiefgreifende Regierungsreformen durchfĂŒhren, die Fairness, Inklusion und gemeinsamen Wohlstand liefern"
Doch die Probleme beschrĂ€nken sich nicht auf Kriegsgebiete. In Neuseeland schrumpfe die Medienlandschaft dramatisch zusammen - vier von fĂŒnf Journalisten arbeiteten mittlerweile fĂŒr nur einen von fĂŒnf Arbeitgebern. Diese Konzentration gefĂ€hrde die Meinungsvielfalt erheblich.
Amerika als schlechtes Vorbild
Besonders bitter fĂŒr die westliche Welt: Die USA, lange Zeit als fĂŒhrender Verfechter der Demokratie weltweit angesehen, hĂ€tten sowohl ihr diplomatisches Engagement als auch ihre finanzielle UnterstĂŒtzung fĂŒr internationale Demokratieförderung in diesem Jahr erheblich reduziert. Die Autoren des Berichts formulierten es deutlich: Die amerikanischen Institutionen hĂ€tten "viel von ihrem symbolischen Glanz verloren" und dienten zunehmend als Referenzpunkt fĂŒr exekutive Ăbergriffe.
Statt pro-demokratischen HoffnungstrĂ€gern böten sie "mehr Ermutigung fĂŒr populistische AnfĂŒhrer mit AlleinherrschaftsansprĂŒchen". Bereits 2021 hatte IDEA die USA erstmals auf seine Liste der "rĂŒcklĂ€ufigen" Demokratien gesetzt und auf eine "sichtbare Verschlechterung" hingewiesen, die 2019 begonnen habe.
Lichtblicke in der Dunkelheit
Trotz des dĂŒsteren Gesamtbildes gebe es auch positive Entwicklungen. Afrika verzeichne einen groĂen Anteil der weltweiten Fortschritte in der Demokratie - 24 Prozent der LĂ€nder, die Fortschritte machten, lĂ€gen auf dem Kontinent. Besonders hervorzuheben seien Botswana und SĂŒdafrika. Auch die Parlamentswahlen in Jordanien 2024 wurden fĂŒr ihre erhöhte Fairness gelobt, und Polen verzeichnete ebenfalls Verbesserungen.
Chile fĂŒhre die Liste der LĂ€nder mit den gröĂten Verbesserungen bei der Meinungsfreiheit an. Dies sei teilweise auf bahnbrechende GesetzesentwĂŒrfe zurĂŒckzufĂŒhren, die darauf abzielten, die Sicherheit von Journalisten und ihren Familien zu verbessern.
Die Studie des in Stockholm ansĂ€ssigen Instituts gilt als die umfassendste ihrer Art. Sie deckt 174 LĂ€nder ab und misst die demokratische Leistung seit 1975. Die Ergebnisse sollten ein Weckruf fĂŒr alle sein, denen Pressefreiheit und Demokratie am Herzen liegen. Denn ohne freie Medien, die kritisch berichten und MissstĂ€nde aufdecken können, ist eine funktionierende Demokratie undenkbar. Es bleibt zu hoffen, dass die internationale Gemeinschaft diese Warnsignale ernst nimmt und gegensteuert - bevor es zu spĂ€t ist.
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