
Pekings perfider Propagandakrieg: Wie China Taiwans eigene Stimmen als Waffe einsetzt
WĂ€hrend chinesische Kriegsschiffe und Kampfjets im Dezember vergangenen Jahres massive MilitĂ€rmanöver rund um Taiwan durchfĂŒhrten, tobte zeitgleich eine ganz andere Schlacht â eine, die nicht mit Raketen, sondern mit Algorithmen und Videoclips gefĂŒhrt wird. Auf Douyin, der chinesischen Version von TikTok, veröffentlichte ein Nachrichtenportal der Kommunistischen Partei ein 51-Sekunden-Video der taiwanesischen OppositionsfĂŒhrerin Cheng Li-wun, in dem diese PrĂ€sident Lai Ching-te beschuldigte, chinesische Aggression geradezu herauszufordern. Lai treibe alle 23 Millionen Taiwanesen in eine âSackgasse, einen Weg in den Tod", so Cheng. Binnen kĂŒrzester Zeit tauchte der Clip auf Facebook, YouTube und anderen in Taiwan populĂ€ren Plattformen auf.
Die Mechanik der Manipulation
Was hier geschieht, ist nichts Geringeres als ein systematischer Informationskrieg â und er hat eine erschreckend raffinierte Dimension erreicht. Chinesische Staatsmedien verstĂ€rken gezielt die Stimmen taiwanesischer Kritiker der regierenden Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), darunter Influencer und Politiker der oppositionellen Kuomintang (KMT). Das belegen Daten der in Taipeh ansĂ€ssigen Forschungsgruppe IORG, die von fĂŒnf taiwanesischen Sicherheitsbeamten bestĂ€tigt werden.
Die Vorgehensweise ist so simpel wie effektiv: China importiert öffentliche Aussagen fĂŒhrender KMT-Vertreter und anderer Oppositionsfiguren, die sich kritisch ĂŒber die taiwanesische Regierung Ă€uĂern, und schleust sie in einer wahren Flut anti-DPP-Botschaften durch chinesische Staatsmedien und soziale Netzwerke. Diese Clips werden anschlieĂend weiterverbreitet, oft neu verpackt und so aufbereitet, dass Chinas Urheberschaft verschleiert wird. Vertraute Stimmen und Akzente klingen eben glaubwĂŒrdiger als die plumpe Propaganda eines fremden Staates.
Erschreckende Zahlen belegen das AusmaĂ
Die Dimensionen dieser Kampagne sind beeindruckend â und beunruhigend zugleich. Im vierten Quartal 2025 wurden rund 560.000 Videos auf Douyin von 1.076 Accounts veröffentlicht, die offiziellen Medien der Kommunistischen Partei zugeordnet werden. Etwa 18.000 dieser Videos befassten sich mit Taiwan. Mittels Gesichtserkennungstechnologie identifizierte IORG 57 taiwanesische Persönlichkeiten in 2.730 Clips. Die Anzahl der Videos mit taiwanesischen Stimmen habe sich im Oktober und November gegenĂŒber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, die monatliche Sendezeit sei um 164 Prozent auf 369 Minuten gestiegen.
Besonders aufschlussreich ist die Zusammensetzung der meistzitierten Personen: Von den 25 am hĂ€ufigsten vorkommenden taiwanesischen Figuren seien 13 der KMT zuzuordnen â von amtierenden Abgeordneten ĂŒber Parteivertreter bis hin zu ehemaligen Regierungsbeamten frĂŒherer KMT-gefĂŒhrter Regierungen. Zwei weitere gehörten einer kleinen Partei an, die die Wiedervereinigung mit China unterstĂŒtze, wĂ€hrend zehn als Influencer bekannt seien, die regelmĂ€Ăig die regierende DPP kritisieren.
OppositionsfĂŒhrerin als unfreiwilliger Propagandastar
KMT-Chefin Cheng Li-wun rangierte als meistgezeigte taiwanesische Persönlichkeit in den chinesischen Clips â sie tauchte in 460 Videos auf 68 Douyin-Accounts auf und generierte mehr als fĂŒnf Millionen Interaktionen. Die Videos verstĂ€rkten ihre Aufrufe zum âFrieden" mit China, ihre Kritik an PrĂ€sident Lai als âMarionette" externer KrĂ€fte und ihre Darstellung der DPP-Haltung zur taiwanesischen UnabhĂ€ngigkeit als destruktiv. Die KMT verteidigte sich mit der ErklĂ€rung, Chengs ĂuĂerungen spiegelten die âMainstream-Bestrebungen des taiwanesischen Volkes nach Frieden" wider. Selbst wenn chinesische Staatsmedien vermehrt taiwanesische Stimmen einbezögen, basiere dies auf der âVielfalt der öffentlichen Meinung, die in Taiwan bereits existiert".
Man muss kein Geopolitik-Experte sein, um die NaivitĂ€t â oder KalkĂŒl â hinter dieser Argumentation zu erkennen. Cheng traf sich erst kĂŒrzlich mit dem chinesischen PrĂ€sidenten Xi Jinping in Peking, wo dieser erklĂ€rte, KMT und Kommunistische Partei mĂŒssten âpolitisches gegenseitiges Vertrauen festigen" und âgemeinsam eine strahlende Zukunft der Wiedervereinigung des Vaterlandes schaffen". Deutlicher kann man die Absichten kaum formulieren.
Pensionierte GenerĂ€le und Bodybuilder als nĂŒtzliche Idioten
Neben Politikern bedient sich Peking auch prominenter Influencer und pensionierter MilitĂ€rs. Der Bodybuilder Holger Chen Chih-han, der besonders bei jĂŒngeren Zielgruppen beliebt sei, gratulierte China in einem YouTube-Livestream Ende September zum Nationalfeiertag mit den Worten âAlles Gute zum Geburtstag, Vaterland" und erklĂ€rte, die Menschen in Taiwan und China seien âeine Familie". Kurze Ausschnitte dieser Sendung wurden anschlieĂend von chinesischen Staatsmedien weiterverbreitet.
Noch brisanter: FĂŒnf pensionierte hochrangige taiwanesische MilitĂ€roffiziere tauchen regelmĂ€Ăig in den Videos auf und kritisieren die DPP sowie Taiwans VerteidigungsfĂ€higkeiten. Ein ehemaliger Armee-Oberst behauptete in einem von China News Service veröffentlichten Video, chinesische Drohnen seien wĂ€hrend der Dezember-Manöver unbemerkt in Taiwan eingedrungen â und deutete an, China könnte einen Enthauptungsschlag gegen âpro-UnabhĂ€ngigkeits-FĂŒhrer" im Schlaf durchfĂŒhren. Taiwans Verteidigungsministerium wies die Drohnen-Behauptung zurĂŒck. Taiwans Festlandrat Ă€uĂerte die Hoffnung, die pensionierten Offiziere mögen âdie öffentliche Wahrnehmung im Auge behalten" und dĂŒrften âden Eid nicht vergessen, den sie einst geschworen haben, Taiwan treu zu sein".
Das strategische KalkĂŒl hinter der Kampagne
Das Ziel dieser ausgeklĂŒgelten Informationsoffensive ist vielschichtig. Zum einen soll die DPP-Regierung diskreditiert werden, die Peking der UnabhĂ€ngigkeitsbestrebungen bezichtigt. Zum anderen â und das ist militĂ€rstrategisch besonders relevant â zielt die Kampagne offenbar darauf ab, die taiwanesische Bevölkerung davon zu ĂŒberzeugen, dass Chinas militĂ€rische Ăbermacht so erdrĂŒckend sei, dass es sinnlos wĂ€re, 40 Milliarden Dollar fĂŒr zusĂ€tzliche Verteidigungsausgaben und amerikanische Waffen auszugeben.
Bonnie Glaser, Leiterin des Indo-Pazifik-Programms beim German Marshall Fund, brachte es auf den Punkt: Die Botschaftsflut schaffe âein Umfeld, in dem China leichter UnterstĂŒtzung gewinnen kann, weil seine Strategie wirklich darauf abzielt, die Moral zu senken, ein GefĂŒhl psychologischer Verzweiflung einzuflöĂen, die Menschen davon zu ĂŒberzeugen, dass sie keine Zukunft in der Autonomie haben und ihre beste Option darin besteht, sich China anzuschlieĂen".
Taiwans Gegenwehr â und die Lehren fĂŒr den Westen
Taiwan reagiert auf diese Bedrohung mit verstĂ€rkter Medienkompetenz-Schulung und psychologischer Resilienz seiner StreitkrĂ€fte. PrĂ€sident Lais BĂŒro betonte, dass Frieden in der TaiwanstraĂe âauf StĂ€rke aufgebaut sein muss, nicht auf ZugestĂ€ndnissen an autoritĂ€ren Druck". Taiwans Geheimdienst registrierte im vergangenen Jahr ĂŒber 45.000 Sets unauthentischer Social-Media-Accounts und 2,3 Millionen Desinformationsinhalte zu China-Taiwan-Themen. Ein Zivilschutzhandbuch, das die Regierung an alle Haushalte verteilte, stellte sogar vorsorglich klar, dass bei erhöhten Spannungen mit China jegliche Behauptungen ĂŒber eine Kapitulation Taiwans als falsch zu betrachten seien.
Was sich hier im Pazifik abspielt, sollte auch in Europa â und ganz besonders in Deutschland â aufmerksam verfolgt werden. Denn die Methoden, die Peking gegen Taiwan einsetzt, sind keineswegs auf den asiatischen Raum beschrĂ€nkt. InformationskriegsfĂŒhrung, die Instrumentalisierung innenpolitischer Spaltungen und die gezielte Unterwanderung demokratischer Diskurse durch autoritĂ€re Regime sind PhĂ€nomene, die auch westliche Demokratien zunehmend betreffen. Deutschland, das sich unter der neuen Regierung Merz gerade erst mĂŒhsam aus der sicherheitspolitischen Lethargie der Ampel-Jahre zu befreien versucht, tĂ€te gut daran, aus Taiwans Erfahrungen zu lernen.
Denn eines zeigt der Fall Taiwan mit erschreckender Klarheit: Wer seine Verteidigung vernachlĂ€ssigt und innenpolitische Spaltungen nicht ernst nimmt, macht sich zum leichten Ziel fĂŒr autoritĂ€re MĂ€chte. StĂ€rke â militĂ€risch, wirtschaftlich und gesellschaftlich â bleibt der beste Garant fĂŒr Frieden. Eine Lektion, die man auch in Berlin endlich beherzigen sollte, statt sich in ideologischen GrabenkĂ€mpfen zu verlieren.










