
Naruto statt Neue Seidenstraße: Japan schickt Anime gegen China ins Feld

Tokio setzt im Kampf um die Gunst der Welt auf Comichelden. Japans Außenministerium hat für das Finanzjahr 2027 rund 1,83 Milliarden Yen beantragt, umgerechnet etwa zehn Millionen Euro. Mit Manga, Anime, Musik und Filmen will die Regierung um Ministerpräsidentin Sanae Takaichi vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern neue Freunde gewinnen. Gemeint ist eine Region, in der China seit Jahren Boden gutmacht.
Noch ist das Geld nicht bewilligt. Das Finanzjahr beginnt erst im April 2027. Die Richtung aber steht fest, so geht es aus den Haushaltsunterlagen des Ministeriums hervor.
Weiche Macht, harte Interessen
Der Begriff „Soft Power“ stammt von dem Harvard-Politologen Joseph Nye, der ihn um 1990 prägte. Gemeint ist Einfluss durch Anziehungskraft statt durch Panzer oder Kredite. Wer eine Kultur liebt, so die Theorie, vertraut auch dem Land dahinter eher.
Ein ranghoher Beamter des Ministeriums hat das Ziel laut der Nachrichtenagentur Jiji Press bemerkenswert offen benannt: Man wolle, dass mehr Menschen japanische Manga und Anime kennen und dass mehr Menschen das, was Japan sage, positiv aufnehmen. Popkultur als Türöffner für Politik, nüchterner lässt sich das kaum sagen.
Ob die Rechnung aufgeht, ist offen. Wer „One Piece“ oder „Jujutsu Kaisen“ verschlingt, wählt deshalb nicht automatisch Tokios Positionen bei den Vereinten Nationen. Das Ministerium spricht in seinen Unterlagen deshalb vorsichtiger vom Aufbau von Nähe, Sympathie und Vertrauen. Dazu kommt ein handfestes wirtschaftliches Ziel: Wo japanische Kulturprodukte bisher kaum zu finden sind, sollen neue Absatzmärkte entstehen.
Rockkonzert an der Elfenbeinküste
Wie das in der Praxis aussieht, zeigte sich am 31. Januar in Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste. Die staatsnahe Japan Foundation lud zum Festival „J-POP Anime Ivoire 2026“. Auf der Bühne standen die Rockband FLOW, bekannt für Titelsongs zu „Naruto“ und „Code Geass“, die Sängerin sajou no hana, das Instrumentalduo EYRIE und Künstler aus dem Gastland.
Mit im Boot: die japanische Botschaft, das ivorische Kulturministerium und Sony Music Africa. Der Eintritt war frei. Rund 600 Besucher kamen nach Angaben von Jiji Press. Das ist kein Massenauflauf, aber ein Pilotprojekt mit Signalwirkung.
Übersetzer, Apps und Südamerika im Visier
Für 2027 sind laut dem thailändischen Portal The Nation ähnliche Konzerte in Südamerika und anderen Regionen im Gespräch. Übersetzer im Ausland sollen direkte Kontakte zu japanischen Verlagen knüpfen können. Geplant sind zudem Apps, mit denen Nutzer an der Seite von Mangafiguren Japanisch lernen.
Eingebettet ist das in eine größere Strategie. Medienberichten zufolge zählt die japanische Regierung Kulturinhalte zu den 17 vorrangigen Investitionsfeldern ihrer Wachstumsstrategie. Auch die Privatwirtschaft zieht mit: Der Großverlag Kodansha, Heimat von „Attack on Titan“, plante Berichten zufolge den Einstieg in den indischen Markt mit seinen 1,4 Milliarden Menschen.
Der Elefant im Raum heißt Peking
The Nation ordnet die Offensive klar ein: Treiber sei Chinas wachsende Präsenz im Globalen Süden. Peking hat dort mit seiner Neuen Seidenstraße seit 2013 Häfen, Straßen und Abhängigkeiten geschaffen und mit seinen Konfuzius-Instituten ein dichtes Netz kultureller Außenposten gespannt. Japan kann bei den Milliardenkrediten nicht mithalten. Also spielt Tokio die Karte, in der es unschlagbar ist: Geschichten, die weltweit Millionen Menschen begeistern.
Und Deutschland?
Hier lohnt ein Blick auf die eigene Haustür. Während Tokio gezielt investiert, fiel die deutsche Außenkulturpolitik zuletzt eher durch Sparrunden auf: Das Goethe-Institut kündigte 2023 die Schließung mehrerer Standorte an. Eine schlüssige Strategie, wie Berlin im Globalen Süden um Sympathien werben will, ist für viele Beobachter bis heute nicht zu erkennen.
Japan zeigt, dass Einfluss nicht nur über Scheckbücher läuft. Wer im globalen Wettbewerb bestehen will, braucht eine Idee davon, wofür er steht, und den Mut, sie selbstbewusst zu exportieren. Ob ein Ninja aus Konoha am Ende gegen chinesische Kredite gewinnt, bleibt abzuwarten. Einen Versuch ist es Tokio offenbar wert.
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