
Milliarden-Pflaster auf offene Wunde: Reiches Gasreserve-Plan erntet vernichtende Kritik

Nur 16 Prozent. So erbĂ€rmlich niedrig ist der FĂŒllstand der deutschen Gasspeicher â und das selbst fĂŒr das Ende einer Heizperiode ein alarmierender Wert. WĂ€hrend die Merz-Regierung nun hektisch eine strategische Gasreserve aus dem Boden stampfen will, warnen Experten: Der Plan sei nicht nur verspĂ€tet, sondern auch erschreckend teuer bei gleichzeitig minimalem Nutzen. Man könnte fast meinen, die Bundesregierung habe die Energiekrise der vergangenen Jahre komplett verschlafen.
Bis zu 1,5 Milliarden Euro fĂŒr zwei Wochen Sicherheit
Die Zahlen, die aus dem Wirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) durchsickern, lassen aufhorchen. Rund zehn Prozent der deutschen SpeicherkapazitĂ€ten â etwa 24 Terawattstunden â sollen kĂŒnftig als staatlicher Notfallpuffer vorgehalten werden. Klingt zunĂ€chst vernĂŒnftig. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Vorhaben als das, was es ist: ein teures Trostpflaster. Denn diese Menge wĂŒrde im Ernstfall gerade einmal ausreichen, um Haushalte und Unternehmen bei einem normalen Winter etwa zwei Wochen zu versorgen. Bei extremer KĂ€lte schrumpft dieser Zeitraum auf eine einzige Woche zusammen.
Der Preis dafĂŒr? FĂŒr die ErstbefĂŒllung kalkuliert das Ministerium mit Kosten zwischen 500 Millionen und 1,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen laufende jĂ€hrliche Kosten von bis zu 165 Millionen Euro â finanziert selbstverstĂ€ndlich aus dem Bundeshaushalt, also letztlich aus der Tasche des Steuerzahlers. In Zeiten, in denen die Regierung bereits ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen auf den Weg gebracht hat und die Schuldenlast kĂŒnftiger Generationen in schwindelerregende Höhen treibt, mutet diese zusĂ€tzliche Belastung geradezu zynisch an.
DIW-Expertin spricht Klartext: âTeures Pflaster auf ein systemisches Problem"
Besonders deutliche Worte findet Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung. Die Energieökonomin bezeichne die strategische Gasreserve zwar als âgrundsĂ€tzlich richtig und lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig", komme aber âeigentlich zu spĂ€t". Eine Reserve in dieser GröĂenordnung sei nichts weiter als âein teures Pflaster auf ein systemisches Problem". SchĂ€rfer kann man eine Regierungsinitiative kaum zusammenfassen.
Und tatsĂ€chlich liegt Kemfert mit ihrer Analyse den Finger in die Wunde. Das bisherige Modell der Gasspeicherung funktioniere schlicht nicht mehr. In Zeiten hoher Preise lohne es sich fĂŒr HĂ€ndler kaum noch, Gas im FrĂŒhjahr einzukaufen und einzuspeichern. Stattdessen werde auf kurzfristige Beschaffung gesetzt â mit der fatalen Konsequenz, dass die Speicher leerer bleiben und die Risiken fĂŒr den Winter steigen. Der Markt habe ânicht zuverlĂ€ssig fĂŒr ausreichende Vorsorge gesorgt", so Kemfert, weil kurzfristige Preissignale die langfristige Sicherheit unterminierten.
Ein Marktversagen mit Ansage
Was hier als ĂŒberraschende Erkenntnis verkauft wird, ist in Wahrheit ein Versagen mit Ansage. Seit dem Wegfall russischer Gaslieferungen hĂ€tte jedem verantwortungsvollen Politiker klar sein mĂŒssen, dass Deutschland eine grundlegend neue Strategie zur Energieversorgungssicherheit benötigt. Stattdessen wurde jahrelang auf den Markt vertraut â jenen Markt, der offensichtlich nicht in der Lage ist, die Versorgungssicherheit eines Industrielandes zu gewĂ€hrleisten. Friedrich Merz hatte im Wahlkampf vollmundig versprochen, Deutschland wieder auf Kurs zu bringen. Doch was die Energiepolitik betrifft, scheint seine Regierung denselben Fehler zu begehen wie ihre VorgĂ€nger: zu wenig, zu spĂ€t.
Branche reagiert mit diplomatischer ErnĂŒchterung
Auch die Energiebranche selbst zeigt sich alles andere als begeistert. Der staatlich kontrollierte Energiekonzern Uniper, der selbst groĂe Gasspeicher betreibt, hatte bereits mehrfach ein stĂ€rkeres Eingreifen des Staates gefordert. Die geplante Reserve könne zwar ein âBaustein" sein, ersetze aber keineswegs die grundlegenden Voraussetzungen fĂŒr Versorgungssicherheit. Entscheidend bleibe ein verlĂ€sslicher, langfristiger Rahmen, damit Speicher ĂŒberhaupt wieder wirtschaftlich befĂŒllt werden könnten.
Die Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe (THE) hĂ€lt sich ebenfalls bedeckt. Ohne konkrete Details zur Ausgestaltung lasse sich die Wirkung der geplanten Reserve derzeit nicht bewerten. Bezeichnend ist allerdings, dass die THE im vergangenen Winter bereits selbst vorsorglich eingreifen musste und zusĂ€tzliche sogenannte Long-Term-Options an ausgewĂ€hlten Gasspeichern ausschrieb, um bei KĂ€lte und hoher Nachfrage die NetzstabilitĂ€t zu gewĂ€hrleisten. Wenn private Unternehmen die Aufgaben des Staates ĂŒbernehmen mĂŒssen, spricht das BĂ€nde ĂŒber den Zustand der deutschen Energiepolitik.
Iran-Krise verschÀrft die Lage dramatisch
Als wĂ€re die Situation nicht bereits prekĂ€r genug, kommt nun ein weiterer Faktor hinzu, der die Lage zusĂ€tzlich verschĂ€rft. Die Gaspreise sind infolge der eskalierenden Spannungen im Nahen Osten â insbesondere des Iran-Konflikts â erneut gestiegen und verteuern die BefĂŒllung der Speicher erheblich. FĂŒr Unternehmen und Haushalte entsteht damit ein doppeltes Risiko: höhere Energiekosten in den kommenden Monaten und die reale Gefahr neuer PreissprĂŒnge im Winter.
Man muss sich das einmal vor Augen fĂŒhren: Deutschland, einst industrielles Kraftzentrum Europas, ist nicht in der Lage, seine Gasversorgung fĂŒr den kommenden Winter sicherzustellen. Ein Land, das sich gleichzeitig KlimaneutralitĂ€t bis 2045 ins Grundgesetz schreibt und Hunderte Milliarden fĂŒr Infrastruktur ausgibt, schafft es nicht, seine BĂŒrger vor einem kalten Winter zu schĂŒtzen. Die PrioritĂ€ten dieser Regierung â ob unter Ampel oder GroĂer Koalition â scheinen chronisch falsch gesetzt.
Strukturelle Reformen statt teurer Symbolpolitik
Was Deutschland tatsĂ€chlich brĂ€uchte, wĂ€re keine milliardenschwere Notreserve, die bestenfalls zwei Wochen ĂŒberbrĂŒckt, sondern eine grundlegende Neuausrichtung der Energiepolitik. Eine Politik, die auf Versorgungssicherheit, bezahlbare Preise und eine realistische Diversifizierung der Energiequellen setzt â statt auf ideologiegetriebene Wunschvorstellungen. Doch danach sieht es unter der aktuellen Regierung leider nicht aus. Das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche hat auf entsprechende Anfragen bislang nicht einmal reagiert. Vielsagendes Schweigen in einer Zeit, in der die BĂŒrger Antworten verdienen.
Die strategische Gasreserve mag ein erster, wenn auch verspĂ€teter Schritt in die richtige Richtung sein. Doch solange die strukturellen Probleme nicht angegangen werden, bleibt sie das, was Kemfert treffend beschrieben hat: ein teures Pflaster. Und die Rechnung dafĂŒr zahlt â wie immer â der deutsche Steuerzahler.










