Kettner Edelmetalle
24.02.2026
19:36 Uhr

Merz in Peking: Der Kanzler auf Kuschelkurs mit dem Drachen

Erinnert sich noch jemand an die markigen Worte von der „Entkopplung" von China? An die vollmundigen Versprechen, Deutschland werde seine gefĂ€hrliche AbhĂ€ngigkeit vom Reich der Mitte endlich beenden? Man darf getrost feststellen: Diese Zeiten sind vorbei – sofern sie jemals ernsthaft begonnen haben. Bundeskanzler Friedrich Merz ist am Dienstagabend zu seinem Antrittsbesuch nach China aufgebrochen, und die Botschaft könnte kaum deutlicher sein: Deutschland braucht Peking mehr, als es zugeben möchte.

FĂŒnf Leitlinien – oder fĂŒnf Lippenbekenntnisse?

Die zweitĂ€gige Reise fĂŒhrt den Kanzler zunĂ€chst in die chinesische Hauptstadt, wo ihn MinisterprĂ€sident Li Qiang in der Großen Halle des Volkes empfangen wird. Am Abend folgt das Treffen mit Staats- und Parteichef Xi Jinping im ehrwĂŒrdigen StaatsgĂ€stehaus Diaoyutai. Am Donnerstag geht es weiter nach Hangzhou, jene Technologie-Metropole, die als Wiege des chinesischen KI-Booms gilt. Im GepĂ€ck: eine rund 30-köpfige Wirtschaftsdelegation aus den Bereichen Maschinenbau, Automobil, Energie, Finanzen und Technologie. Die deutsche Industrie lĂ€sst sich diese Reise offenkundig nicht entgehen.

Aus Regierungskreisen verlautet, Merz orientiere sich an fĂŒnf zentralen Grundlinien fĂŒr seine Chinapolitik. Klingt strukturiert, klingt durchdacht. Doch bei genauerem Hinsehen drĂ€ngt sich die Frage auf: Hat der Kanzler tatsĂ€chlich Hebel in der Hand – oder reist er als Bittsteller nach Peking?

Hausaufgaben, die niemand macht

Die erste Leitlinie klingt beinahe wie eine Selbstanklage: Kluge Chinapolitik beginne zu Hause. Nur wenn Deutschland und Europa einig, stark und wettbewerbsfĂ€hig seien, lasse sich eine ausgewogene Partnerschaft mit China gestalten. Man mĂŒsse dringend die „Hausaufgaben im Inneren" machen. Investitionen in WettbewerbsfĂ€higkeit, Verteidigung und Resilienz seien nötig.

Schöne Worte. Doch die RealitĂ€t sieht anders aus. Deutschland steckt in einer wirtschaftlichen Dauerkrise, die Deindustrialisierung schreitet voran, die Energiekosten sind nach wie vor exorbitant, und das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, das die neue Große Koalition aufgelegt hat, wird die Inflation weiter befeuern und kommende Generationen mit Schulden belasten. Wie genau soll ein Land, das seine eigene industrielle Basis systematisch erodieren lĂ€sst, auf Augenhöhe mit der zweitgrĂ¶ĂŸten Volkswirtschaft der Welt verhandeln?

„De-Risking" – das neue Zauberwort

Die zweite Leitlinie trĂ€gt den modischen Namen „De-Risking" – Risikominderung statt Entkopplung. Eine vollstĂ€ndige Trennung von China strebe man nicht an, heißt es. Das wĂŒrde Deutschland wirtschaftliche Chancen verbauen und die Welt nicht sicherer machen. Gleichzeitig mĂŒssten „Unwuchten" in den Beziehungen vermieden werden, insbesondere bei Lieferketten, Technologien und Rohstoffen.

Man muss kein Geopolitik-Experte sein, um zu erkennen, dass dies ein Drahtseilakt ist, bei dem Deutschland kaum Netz und doppelten Boden hat. Die AbhĂ€ngigkeit von chinesischen Seltenen Erden, von Vorprodukten fĂŒr die Automobilindustrie und von einem Absatzmarkt, der fĂŒr zahlreiche deutsche Konzerne schlicht ĂŒberlebenswichtig ist – all das lĂ€sst sich nicht mit einem Schlagwort lösen. Die alte China-Strategie der gescheiterten Ampelkoalition ist Makulatur, eine neue existiert noch nicht. Merz' fĂŒnf Punkte könnten die Basis dafĂŒr bilden – könnten wohlgemerkt.

Fairer Wettbewerb: Eine Forderung ohne ZĂ€hne?

Besonders interessant ist die dritte Leitlinie: fairer und transparenter Wettbewerb. „Konkurrenz belebt das GeschĂ€ft; Wettbewerb ist gesund – solange er fair ist", heißt es aus dem Kanzleramt. Man wolle ĂŒber systemische ÜberkapazitĂ€ten, AusfuhrbeschrĂ€nkungen und Zugangsrestriktionen sprechen, die den Wettbewerb verzerren wĂŒrden.

Das ist zweifellos richtig und wichtig. Chinas massive Subventionspolitik, etwa im Bereich der ElektromobilitĂ€t und der Solarindustrie, hat europĂ€ische Wettbewerber an den Rand des Ruins getrieben. Doch was genau kann Merz hier anbieten? Drohungen mit Zöllen? Die hat die EU bereits halbherzig versucht. Und wĂ€hrend Europa noch ĂŒber Handelsbarrieren debattiert, hat US-PrĂ€sident Donald Trump lĂ€ngst Fakten geschaffen – mit 34 Prozent Zöllen auf chinesische Importe. Im Vergleich dazu wirkt Europas Handelspolitik wie ein zahnloser Tiger.

China als unverzichtbare Großmacht

Die vierte Leitlinie rĂŒckt Chinas geopolitische Rolle in den Mittelpunkt. Peking sei in die Riege der GroßmĂ€chte aufgestiegen, an China komme man nicht vorbei. Globale Herausforderungen wie der Klimawandel und eine faire Welthandelsordnung ließen sich nur gemeinsam bewĂ€ltigen. Auch beim seit nunmehr vier Jahren andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine betonte Merz Chinas erheblichen Einfluss. Pekings Stimme werde auch in Moskau gehört.

Das ist eine nĂŒchterne Feststellung, die man dem Kanzler zugutehalten muss. Weniger ĂŒberzeugend ist allerdings der diplomatische Eiertanz um Taiwan. Die Bundesregierung halte an ihrer Ein-China-Politik fest, deren genaue Ausgestaltung bestimme Deutschland selbst. Was das konkret bedeutet, bleibt im Nebel der diplomatischen Floskeln verborgen. Man wolle den Dialog „mit Festigkeit, Selbstbewusstsein und gegenseitigem Respekt" fĂŒhren, ohne einander zu belehren. Auch Menschenrechtsfragen wĂŒrden angesprochen – wie intensiv, darf bezweifelt werden.

EuropÀische Einbettung als Trumpfkarte?

Die fĂŒnfte und letzte Leitlinie betrifft die europĂ€ische Dimension. Deutschland bette seine Chinapolitik bewusst europĂ€isch ein, heißt es. Es sei kein Zufall, dass Frankreichs PrĂ€sident Macron, der britische Premierminister Starmer und Merz innerhalb weniger Wochen nach Peking reisten – noch bevor im April Trump erwartet werde. Die gemeinsame Botschaft: Europa wolle eine ausgewogene, verlĂ€ssliche und faire Partnerschaft mit China.

Ob Xi Jinping diese Botschaft als StĂ€rke oder als Ausdruck europĂ€ischer Verzweiflung interpretiert, steht auf einem anderen Blatt. Denn die Wahrheit ist unbequem: Europa ist gespalten wie selten zuvor, die wirtschaftliche Dynamik liegt eindeutig auf chinesischer Seite, und die transatlantischen Beziehungen sind unter Trump alles andere als stabil. In dieser Gemengelage nach Peking zu reisen und von „Partnerschaft auf Augenhöhe" zu sprechen, erfordert entweder großes Selbstbewusstsein – oder eine gehörige Portion RealitĂ€tsverweigerung.

Ein chinesisches Sprichwort und die harte Wirklichkeit

Zum Abschluss seines Auftaktstatements griff Merz ein chinesisches Sprichwort auf: Ein Pferd spiele seine StĂ€rke nicht alleine aus, sondern indem es den Wagen gemeinsam mit anderen ziehe. Ein hĂŒbsches Bild. Doch man sollte sich fragen, wer in dieser Metapher eigentlich die ZĂŒgel hĂ€lt. Die deutsche Wirtschaft, die verzweifelt nach AbsatzmĂ€rkten sucht? Oder ein selbstbewusstes China, das lĂ€ngst eigene Regeln aufstellt?

FĂŒr den deutschen BĂŒrger bleibt zu hoffen, dass diese Reise mehr ist als eine diplomatische PflichtĂŒbung mit schönen Bildern und warmen Worten. Deutschland braucht keine weiteren AbsichtserklĂ€rungen – es braucht eine Wirtschaftspolitik, die den Standort wieder attraktiv macht, die Energiekosten senkt und die industrielle Basis stĂ€rkt. Erst dann wird man in Peking als ernstzunehmender Partner wahrgenommen. Alles andere ist, um im Bild zu bleiben, ein Pferd ohne Wagen.

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