
Konstanzer Bootskrieg: Wenn die selbsternannte Zivilgesellschaft zur See fÀhrt
Was fĂŒr ein Schauspiel bot sich da am Bodensee! Die selbsternannten Retter der Demokratie aus Konstanz feierten einen Pyrrhussieg der besonderen Art. Sie verhinderten erfolgreich, dass etwa hundert Menschen bei Kaffee und Kuchen auf einem Ausflugsschiff einer Radiosendung lauschen konnten. Der Feind? Das Webradio "Kontrafunk" aus dem schweizerischen Steckborn, das es gewagt hatte, eine harmlose Bootsfahrt zu organisieren.
Die neue deutsche Tugend: Vorauseilender Gehorsam
Der Bootseigner Clemens Mauch kapitulierte bereits vor dem ersten Schuss. Nachdem das sogenannte "BĂŒndnis Konstanz fĂŒr Demokratie â klare Kante gegen Rechts" auf ihn "zuging" â ein Euphemismus fĂŒr das, was man frĂŒher schlicht EinschĂŒchterung nannte â sagte er die gebuchte Fahrt ab. Man mĂŒsse verstehen, so die Aktivisten, dass es sich dabei keineswegs um eine Drohung gehandelt habe. Nein, man habe lediglich eine Protestkundgebung angekĂŒndigt und sei ganz friedlich auf den Unternehmer zugegangen.
Wer die Mechanismen der modernen Gesinnungsdiktatur kennt, weiĂ: Es braucht keine expliziten Drohungen mehr. Die Botschaft ist auch so klar. Wer heute mit den "Falschen" GeschĂ€fte macht, muss mit Konsequenzen rechnen. Nicht mit rechtlichen, versteht sich, sondern mit gesellschaftlichen. Der Bootseigner wird auch morgen noch in Konstanz leben mĂŒssen, wenn der Kontrafunk lĂ€ngst wieder abgereist ist. Er braucht Genehmigungen von der Stadt, einen Liegeplatz im Hafen, wohlwollende Behörden. All das steht auf dem Spiel, wenn man es wagt, der organisierten Empörung zu trotzen.
MilitĂ€rische Rhetorik fĂŒr zivile Zwecke
Besonders aufschlussreich ist die Sprache der selbsternannten Demokratieretter. Sie sprechen vom "Kampf gegen Rechts", ziehen "klare Kanten", "setzen Zeichen" und feiern verhinderte Veranstaltungen wie gewonnene Schlachten. Die Militarisierung des politischen Diskurses schreitet unaufhaltsam voran. Aus MitbĂŒrgern werden Feinde, aus Meinungsverschiedenheiten werden FrontverlĂ€ufe, aus demokratischem Diskurs wird BĂŒrgerkrieg mit anderen Mitteln.
"Die Dichotomie aus 'Wir' und 'Die' kennt keine ĂbergĂ€nge. Alles, was vom Gegner kommt, ist Scheinargument, Fake News und Verrat."
Diese binÀre Weltsicht, in der es nur noch Gut und Böse, Freund und Feind gibt, erinnert fatal an dunkle Zeiten der deutschen Geschichte. Ironischerweise sind es ausgerechnet jene, die sich als KÀmpfer gegen den Faschismus inszenieren, die dessen Methoden am perfektesten kopieren. Der Soziologe Friedrich Pohlmann bringt es auf den Punkt: Die Selbstgleichschaltung durch Parolen und Marschieren ermöglicht die Umlenkung von realen auf fiktive Feinde.
Die BanalitÀt des neuen Totalitarismus
Was in Konstanz geschah, ist symptomatisch fĂŒr den Zustand unserer Republik. Eine kleine, aber lautstarke Minderheit maĂt sich an, darĂŒber zu entscheiden, wer reden darf und wer nicht, wer GeschĂ€fte machen darf und wer boykottiert werden muss. Sie nennen es "Zivilcourage", wenn sie Andersdenkende mundtot machen. Sie sprechen von "Demokratie verteidigen", wĂ€hrend sie deren Grundprinzipien mit FĂŒĂen treten.
Die Initiatorin des BĂŒndnisses, Katrin BrĂŒggemann, gibt unumwunden zu, dass sie das inkriminierte Webradio gar nicht hört. Woher weiĂ sie dann so genau, was dort gesendet wird? Es genĂŒgt offenbar, dass irgendjemand behauptet, dort wĂŒrden "Hass und Hetze" verbreitet. Beweise? ĂberflĂŒssig. In der neuen deutschen Gesinnungsrepublik gilt: Im Zweifel gegen den Angeklagten.
Der Preis der Feigheit
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Der Kontrafunk musste FlĂŒge, Ăbernachtungen und Catering bezahlen â Geld, das ironischerweise in Konstanzer Kassen floss. Die Stadt profitierte wirtschaftlich von jenen, die sie politisch ausgrenzt. Doch wichtiger als wirtschaftliche Vernunft ist offenbar die ideologische Reinheit.
Die Geschichte lehrt uns, wohin es fĂŒhrt, wenn GeschĂ€ftsleute aus Angst vor gesellschaftlicher Ăchtung vorauseilenden Gehorsam leisten. Wenn der Bootseigner Mauch sagt, er frage seine Kunden nicht nach ihrer Parteizugehörigkeit, verteidigt er damit ein Grundprinzip der freien Marktwirtschaft. Doch dieses Prinzip gilt in Deutschland offenbar nicht mehr uneingeschrĂ€nkt.
Ein Pyrrhussieg der besonderen Art
Die Aktivisten von "Konstanz fĂŒr Demokratie" mögen sich als Sieger fĂŒhlen. Sie haben eine Bootsfahrt verhindert. Welch heroische Tat! Doch was haben sie wirklich gewonnen? Sie haben gezeigt, dass in ihrer Stadt EinschĂŒchterung funktioniert. Sie haben demonstriert, dass wirtschaftlicher Druck ein probates Mittel ist, um missliebige Meinungen zu unterdrĂŒcken. Sie haben bewiesen, dass die neue deutsche Tugend nicht Mut, sondern Feigheit heiĂt.
Die "Sonntagsrunde" des Kontrafunk wurde trotzdem aufgezeichnet und gesendet â nur eben nicht auf dem Bodensee. Die Ironie der Geschichte: Am selben Tag jĂ€hrte sich die Verbrennung des Reformators Jan Hus in Konstanz zum 610. Mal. Hus wurde hingerichtet, weil er es wagte, die herrschende Meinung zu hinterfragen. Die Methoden mögen sich geĂ€ndert haben, der Geist der Intoleranz ist geblieben.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die wahre Bedrohung fĂŒr unsere Demokratie nicht von einem Webradio ausgeht, das Bootsfahrten organisiert. Die Gefahr lauert in jenen, die sich als HĂŒter der Demokratie aufspielen, wĂ€hrend sie deren Grundfesten untergraben. In Konstanz hat die Zivilgesellschaft gesiegt â und die Freiheit verloren.
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