
Heimkehr nach über einem Jahrhundert: Inka-Kind kehrt in die Anden zurück

Es ist eine Geschichte, die uns innehalten lässt – über Kulturen, über Würde und über die späte Einsicht, dass nicht alles der Wissenschaft dienen muss. Nach 119 Jahren kehrt die Mumie eines Inka-Kindes, ehrfürchtig „Kind von Chañi“ genannt, dorthin zurück, woher sie einst entrissen wurde: in die rauen Höhen der nordargentinischen Provinz Jujuy.
Ein Kind aus dem ewigen Eis
Die Geschichte beginnt im Jahr 1905. Auf dem Berg Chañi, in schwindelerregenden knapp 5900 Metern Höhe, stießen Militärangehörige und Bergsteiger eher zufällig auf die im Eis konservierten Überreste eines Jungen. Das Kind, zum Zeitpunkt seines Todes erst zwischen fünf und sieben Jahre alt, war im Zuge eines heiligen Inka-Rituals geopfert worden – der sogenannten „Capacocha“. Über ein Jahrhundert lang lagerte der kleine Körper im Ethnografischen Museum Juan B. Ambrosetti in Buenos Aires, einer Einrichtung der dortigen Universität. Weit entfernt von seiner Heimat, weit entfernt von den Menschen, die in ihm einen Vorfahren sehen.
Jahrzehnte des Forderns
Die indigenen Gemeinschaften der Puna-Region kämpften nicht erst seit gestern um die Rückgabe ihres Ahnen. Generationen von Aktivisten der Kolla pochten auf das, was ihnen zusteht: die Würde, ihren Toten selbst zu bestatten. Erst jetzt, nach unzähligen Jahren des Wartens, hat das Museum nachgegeben. Die Mumie wurde in den Ort El Moreno gebracht, wo die Kolla die Heimkehr mit feierlichen Zeremonien und Ritualen begingen.
„Dieser kleine Junge hat uns viel über unsere Identität zu erzählen“, erklärte Clemente Flores, ein Anführer der Kolla. Er sei ein geliebtes Wesen, ein Großvater, der eingeschlafen sei, um die Geschichte ihrer Kultur zu zeigen.
Eine späte Entschuldigung
Bemerkenswert ist die Reaktion der Universität. Bei der offiziellen Übergabezeremonie baten Vertreter um Entschuldigung – für die jahrelange Verzögerung. „Nicht alles dient der Wissenschaft“, soll der Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät eingeräumt haben. Ein bemerkenswerter Satz in einer Zeit, in der allzu oft alles dem Fortschritt und der Verwertbarkeit untergeordnet wird. Wo die sterblichen Überreste dauerhaft beigesetzt werden sollen, ist noch offen.
Was wir daraus lernen können
Diese Rückgabe ist mehr als eine Randnotiz aus Südamerika. Sie erinnert daran, dass Tradition, Glaube und kulturelle Identität einen Wert besitzen, der sich nicht in Museumsvitrinen messen lässt. In einer Welt, die ihre Wurzeln zunehmend verleugnet, ist es geradezu wohltuend zu sehen, wie ein Volk seine Geschichte und seine Ahnen mit so viel Ehrfurcht behandelt. Vielleicht sollten auch wir uns gelegentlich daran erinnern, dass das Bewahren des Eigenen kein Rückschritt, sondern ein Zeichen von Stärke und Selbstachtung ist.
Das „Kind von Chañi“ ist nun wieder dort, wo es hingehört – in den Anden, bei den Menschen, die in ihm nicht ein Forschungsobjekt, sondern einen Großvater sehen. Eine Heimkehr nach 119 Jahren.
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