
Hamburger Thalia-Theater knickt ein: Zensurversuch beim AfD-„Prozess" gescheitert

Was sich in den vergangenen Tagen rund um das Hamburger Thalia-Theater abgespielt hat, liest sich wie ein Lehrstück über den Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland. Erst veranstaltet man eine groß angelegte Debattenreihe zum Thema AfD-Verbot – den sogenannten „Prozeß gegen Deutschland" –, lässt Befürworter und Gegner zu Wort kommen, inszeniert das Ganze als demokratischen Diskurs. Und dann? Dann verschwinden klammheimlich fast alle Aufzeichnungen von YouTube. Fast alle – bis auf eine einzige: ausgerechnet das Plädoyer eines NDR-Journalisten gegen die AfD.
Selektive Löschung mit fadenscheiniger Begründung
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Ein Theater, das sich den offenen Diskurs auf die Fahnen schreibt, entfernt systematisch jene Beiträge, die nicht ins gewünschte Narrativ passen. Auf Nachfrage eines freien Journalisten berief sich das Haus auf „urheberrechtliche Gründe" – das sei „die übliche Praxis". Urheberrechtliche Gründe, die offenbar nur für Reden gegen ein AfD-Verbot gelten, nicht aber für Reden, die der AfD den Garaus machen wollen? Wer solche Erklärungen für bare Münze nimmt, der glaubt vermutlich auch, dass die GEZ-Gebühren freiwillig sind.
Die ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar brachte es auf X treffend auf den Punkt: „Die Wahrheit in manchen Reden und Aussagen war wohl einigen Dorn im Auge." Auch sie hatte beim „Prozeß" eine Rede gegen das Verbot gehalten – eine Rede, die zunächst ebenfalls im digitalen Nirwana verschwand.
Martensteins Brandrede als Stein des Anstoßes
Besondere Aufmerksamkeit hatte die Rede des Welt-Kolumnisten Harald Martenstein erregt, die in den sozialen Medien regelrecht gefeiert wurde. Seine Worte waren unmissverständlich: Wer die AfD verbieten wolle, müsse nachweisen, dass diese Partei das Land in ein anderes System überführen möchte. Eine schlichte rechtsstaatliche Selbstverständlichkeit – und doch offenbar zu viel für jene, die den Diskurs lieber einseitig führen möchten.
Martensteins Rede wurde als „Jahrhundert-Rede" bezeichnet, löste Begeisterungsstürme aus und verbreitete sich rasant über die sozialen Netzwerke. Genau das dürfte einigen Akteuren im kulturellen Establishment sauer aufgestoßen sein. Denn nichts fürchtet die selbsternannte moralische Elite mehr als einen eloquenten Dissidenten, der ihr Kartenhaus mit Argumenten zum Einsturz bringt.
Nach dem Sturm der Entrüstung: Die Kehrtwende
Der öffentliche Druck wurde schließlich zu groß. Am Donnerstag lenkte das Thalia-Theater ein und schaltete sämtliche Aufzeichnungen wieder frei. „Auf Wunsch vieler Beteiligter und Interessierter" habe man sich entschieden, die Videos erneut sichtbar zu machen, teilte das Haus mit. Gleichzeitig beklagte man, dass Ausschnitte der Veranstaltung „zum Teil aus dem Zusammenhang gerissen" und „inhaltlich umgedeutet" worden seien. Ein klassischer Abwehrreflex: Nicht die eigene fragwürdige Löschpraxis ist das Problem, sondern die bösen Nutzer im Internet, die sich erdreisten, Ausschnitte zu teilen.
Regisseur Milo Rau, der Ideengeber hinter dem „Prozeß gegen Deutschland", äußerte sich gegenüber dem Cicero nachdenklich. Das Stück sei ein Versuch gewesen, unterschiedliche Stimmen miteinander ins Gespräch zu bringen. Er kritisierte eine „verringerte Gesprächsbereitschaft" in Deutschland, eine „extreme Frontenbildung" und „einen Hang zur moralischen Zuschreibung". Worte, die man sich in so manchem deutschen Redaktionsbüro und Parlamentsbüro einrahmen sollte.
Ein Symptom einer tieferen Krankheit
Dieser Vorfall ist weit mehr als eine Posse aus dem Hamburger Kulturbetrieb. Er ist symptomatisch für ein Deutschland, in dem der offene Diskurs zunehmend nur noch dann erwünscht ist, wenn er die „richtigen" Ergebnisse liefert. Man inszeniert Demokratie, solange das Publikum brav applaudiert. Sobald aber unbequeme Stimmen Gehör finden, sobald ein Martenstein die Grundfesten des moralischen Überbaus erschüttert, greift man zur digitalen Schere.
Dass die „Jury" des Theaterprozesses sich am Ende auf eine Prüfung des AfD-Verbots und den Entzug der Parteienfinanzierung einigte, überrascht kaum. Es passt ins Bild einer politischen Kultur, die Opposition nicht mehr als demokratische Notwendigkeit begreift, sondern als Bedrohung, die es zu neutralisieren gilt. Dabei sollte gerade in Zeiten, in denen Millionen Bürger das Vertrauen in die etablierte Politik verloren haben, der Dialog im Vordergrund stehen – nicht die Ausgrenzung.
Die Demokratie stirbt nicht an unbequemen Meinungen. Sie stirbt an der Angst vor ihnen.










