Kettner Edelmetalle
24.02.2026
19:59 Uhr

Flucht unter den EU-Schirm: Island erwägt Blitz-Referendum über Beitrittsverhandlungen

Was jahrelang als politisch tot galt, erlebt nun eine bemerkenswerte Auferstehung: Island könnte bereits im August 2025 seine Bürger darüber abstimmen lassen, ob die eingefrorenen EU-Beitrittsverhandlungen wieder aufgenommen werden sollen. Der kleine Inselstaat im Nordatlantik, der 2013 seine Gespräche mit Brüssel auf Eis legte und 2015 sogar seinen Kandidatenstatus zurückzog, scheint es plötzlich eilig zu haben. Sehr eilig sogar.

Trumps Schatten über dem Nordatlantik

Die Gründe für diesen abrupten Sinneswandel liegen weniger in einer plötzlichen Europabegeisterung der Isländer als vielmehr in der geopolitischen Großwetterlage. Seit Donald Trump im Januar 2025 erneut ins Weiße Haus eingezogen ist, weht ein rauer Wind über den Atlantik. Seine kaum verhüllten Annexionsphantasien gegenüber Grönland, die Erwähnung Islands gleich viermal in einer einzigen Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos und der geschmacklose Scherz seines designierten Botschafters Billy Long, Island werde der 52. US-Bundesstaat und er dessen Gouverneur – all das dürfte in Reykjavík für schlaflose Nächte gesorgt haben.

Für einen Staat ohne eigene Armee, der seine Sicherheit seit 1951 auf ein bilaterales Verteidigungsabkommen mit Washington und die NATO-Mitgliedschaft stützt, sind solche Signale mehr als nur diplomatische Nadelstiche. Sie sind existenzielle Warnschüsse. Wenn der vermeintliche Beschützer zum unberechenbaren Nachbarn mutiert, sucht man sich eben einen neuen Anker. Und der heißt in diesem Fall: Europäische Union.

Von der Finanzkrise zum geopolitischen Kalkül

Es lohnt sich, einen Blick zurück zu werfen. Island beantragte 2009 die EU-Mitgliedschaft – mitten im Chaos einer verheerenden Finanzkrise, die alle drei großen Geschäftsbanken des Landes in den Abgrund gerissen hatte. Damals war der Beitritt ein ökonomischer Rettungsring. Doch die isländische Wirtschaft erholte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit, während gleichzeitig die Eurozone am Rande des Zusammenbruchs taumelte. Die Verhandlungen wurden 2013 eingefroren, der Kandidatenstatus 2015 zurückgegeben. Warum einem sinkenden Schiff beitreten, wenn das eigene Boot wieder seetüchtig ist?

Heute hat sich die Ausgangslage fundamental verschoben. Es geht nicht mehr primär um wirtschaftliche Vorteile – Island verfügt über das fünfthöchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit und braucht die EU finanziell kaum. Es geht um Sicherheit, um Zugehörigkeit, um Handlungsfähigkeit in einer Welt konkurrierender Einflusssphären, wie EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos es formulierte.

Die Fisch-Frage bleibt der Elefant im Raum

Doch so schnell die politischen Räder sich auch drehen mögen – ein gewaltiges Hindernis lauert unter der Wasseroberfläche. Die Fischerei. Sie war schon bei den letzten Verhandlungen der zentrale Streitpunkt, und sie wird es wieder sein. Island und der Fisch – das ist keine bloße Wirtschaftsfrage, das ist eine Identitätsfrage. Die sogenannten „Kabeljaukriege" mit Großbritannien zwischen den 1950er und 1970er Jahren und der spätere „Makrelenkrieg" während der Beitrittsverhandlungen haben tiefe Spuren hinterlassen.

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zu damals: den Brexit. Mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU ist einer der hartnäckigsten Widersacher in Fischereifragen vom Verhandlungstisch verschwunden. Was einst als unüberwindbare Hürde galt, könnte sich nun als deutlich niedriger erweisen.

Ein Beitritt im Schnellverfahren?

Die technischen Voraussetzungen für einen raschen Beitritt sind tatsächlich bemerkenswert günstig. Island ist bereits Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums und Teil des Schengen-Raums – ein Großteil der EU-Gesetzgebung ist also längst in isländisches Recht überführt. Vor dem Einfrieren der Gespräche 2013 hatte Reykjavík bereits 11 von 33 Verhandlungskapiteln abgeschlossen – eine Marke, die Montenegro, der am weitesten fortgeschrittene EU-Kandidat, erst in den vergangenen Monaten überschritten hat.

EU-Beamte halten es theoretisch für möglich, alle Verhandlungskapitel innerhalb eines einzigen Jahres abzuschließen. Kenner der isländischen Innenpolitik warnen allerdings vor allzu optimistischen Zeitplänen. Und selbst nach einem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen müsste ein zweites Referendum über den tatsächlichen Beitritt abgehalten werden.

Ein Signal an die Welt – und an Washington

Was sich hier abzeichnet, ist mehr als eine nordatlantische Fußnote. Es ist ein Symptom einer tektonischen Verschiebung in der europäischen Sicherheitsarchitektur. Wenn selbst ein wohlhabendes, stabiles Land wie Island – das den EU-Beitritt vor einem Jahrzehnt noch als überflüssig verwarf – nun Schutz unter dem europäischen Dach sucht, dann sagt das weniger über die Attraktivität der EU als vielmehr über den Zustand der transatlantischen Beziehungen.

Für die EU selbst wäre ein isländischer Beitritt ein strategischer Gewinn von erheblicher Tragweite. Die geostrategische Lage der Insel knapp südlich des Polarkreises, der Zugang zu arktischen Ressourcen und Seewegen – all das macht Island zu einem Puzzlestück, das Brüssel nur zu gerne in sein geopolitisches Gesamtbild einfügen würde. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Island bereits im vergangenen Juli besuchte und einen erneuten Besuch der Arktisregion plant, sprach von einer Partnerschaft, die „Stabilität und Berechenbarkeit in einer volatilen Welt" biete.

Man darf gespannt sein, ob die Isländer im August tatsächlich an die Urnen treten – und wie sie entscheiden werden. Eines steht jedoch fest: In einer Welt, in der selbst langjährige Verbündete nicht mehr als verlässlich gelten können, wird die Frage der europäischen Souveränität und Selbstbehauptung immer drängender. Dass ausgerechnet ein Land, das stolz auf seine Unabhängigkeit ist und wirtschaftlich bestens dasteht, nun den Weg nach Brüssel sucht, sollte auch in Berlin als Weckruf verstanden werden. Souveränität und Sicherheit – das sind die Währungen unserer Zeit. Und in Zeiten geopolitischer Unsicherheit gewinnen auch physische Werte wie Gold und Silber als Instrumente der persönlichen Vermögenssicherung an Bedeutung.

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