
Ethik-Chefin unter Plagiatsverdacht: Die moralische Instanz Deutschlands wankt
Es ist eine jener Geschichten, die man sich kaum ausdenken könnte – und die dennoch wie ein Brennglas auf den Zustand der deutschen Eliten wirkt. Die frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, die Medizinethikerin Alena Buyx, sieht sich mit schwerwiegenden Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Ausgerechnet jene Frau, die während der Corona-Pandemie dem Land erklärte, was moralisch geboten sei und was nicht, soll in ihrer eigenen Doktorarbeit gegen grundlegende Regeln wissenschaftlicher Redlichkeit verstoßen haben.
73 Plagiatsfragmente – ein vernichtendes Gutachten
Der österreichische Plagiatsprüfer Stefan Weber hat ein umfangreiches Gutachten vorgelegt, das es in sich hat. In der 2005 an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster eingereichten Dissertation mit dem sperrigen Titel über die „Lateralisierung von Aufmerksamkeit bei gesunden Linkshändern und Rechtshändern" will Weber nicht weniger als 73 Text- und Quellenplagiatsfragmente identifiziert haben. Das mehrere Dutzend Seiten umfassende Dokument listet die beanstandeten Stellen akribisch in tabellarischer Form auf.
Weber stütze sich dabei auf eine Softwareprüfung mittels des Programms Turnitin Similarity sowie auf ergänzende Recherchen mit WCopyfind und der sogenannten Wayback Machine. Sein zentraler Vorwurf wiegt schwer: Buyx habe in zahlreichen Passagen inhaltliche Ausführungen und Literaturangaben aus älteren Dissertationen derselben Fakultät übernommen, ohne diese als Sekundärzitate kenntlich zu machen. Das ist, um es klar zu sagen, ein fundamentaler Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis.
Identische Fehler als rauchende Pistole
Besonders brisant erscheint ein Detail, das Weber als „zitationsbasierten Ansatz" der Plagiatsforschung bezeichnet. In Buyx' Dissertation fänden sich identische Zitierfehler wie in früheren Arbeiten anderer Doktoranden – gleiche falsche Seitenzahlen, fehlerhafte Namensschreibungen, unvollständige Literaturangaben. Wer schon einmal wissenschaftlich gearbeitet hat, weiß: Identische Fehler sind kein Zufall. Sie sind der Fingerabdruck des Abschreibens.
Als mutmaßliche Vorlagen benennt Weber unter anderem Dissertationen von Anneken (2003), Dräger (2001), Jansen (2004), Bäcker (2001) und Manemann (2004) – allesamt Arbeiten aus dem Umfeld derselben Fakultät. Weber fordert die Universität Münster nun auf, zu prüfen, ob ein Verfahren zur Überprüfung und gegebenenfalls zur Entziehung des Doktorgrades einzuleiten sei.
Die Ironie der Geschichte: Ethik ohne Ethos?
Man muss sich die Dimension dieser Vorwürfe vor Augen führen. Alena Buyx war nicht irgendeine Wissenschaftlerin. Sie war die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats – ausgerechnet während der Corona-Jahre, als dieser Rat eine beispiellose Machtfülle entfaltete. In dieser Funktion sprach sie sich für weitreichende Einschränkungen der Grundrechte aus, befürwortete die faktische Stigmatisierung Ungeimpfter und bezeichnete die Verweigerung der Impfung als ethisch fragwürdig. Von einer „Tyrannei der Ungeimpften" war die Rede.
Dass nun ausgerechnet diese selbsternannte moralische Instanz unter dem Verdacht steht, bei ihrer eigenen wissenschaftlichen Qualifikation nicht ganz sauber gearbeitet zu haben, entbehrt nicht einer gewissen tragischen Komik. Oder sollte man besser sagen: Es passt ins Bild?
Ein Muster, das sich wiederholt
Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Serie von Plagiatsskandalen erlebt. Man erinnere sich an Karl-Theodor zu Guttenberg, an Annette Schavan, an Franziska Giffey. Jedes Mal wurde beteuert, es handele sich um Einzelfälle. Jedes Mal wurde Besserung gelobt. Und jedes Mal passierte – nichts Grundlegendes. Die Frage drängt sich auf: Ist das akademische System in Deutschland überhaupt noch in der Lage, seine eigenen Standards durchzusetzen? Oder hat sich eine Kultur der Gefälligkeit etabliert, in der Titel verliehen werden wie Orden an verdiente Parteisoldaten?
Die Causa Buyx reiht sich nahtlos ein in eine lange Liste von Fällen, die das Vertrauen der Bürger in ihre Institutionen systematisch untergraben. Wenn diejenigen, die dem Volk Moral predigen, selbst nicht nach den Regeln spielen, die sie anderen auferlegen – was bleibt dann noch von der Glaubwürdigkeit des gesamten Systems?
Der Ethikrat als Symptom einer tieferen Krise
Der Deutsche Ethikrat wurde einst geschaffen, um als unabhängiges Beratungsgremium ethische Fragen von gesellschaftlicher Tragweite zu beleuchten. Während der Pandemie mutierte er jedoch in den Augen vieler Kritiker zu einem Legitimationsinstrument der Regierungspolitik. Statt kritische Distanz zu wahren, habe man sich – so der Vorwurf – bereitwillig in den Dienst einer Agenda gestellt, die Grundrechte mit einer Leichtigkeit einschränkte, die in der Geschichte der Bundesrepublik ihresgleichen sucht.
Dass die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Pandemie Buyx' Rolle bereits kritisch beleuchtet hat, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil: Die Plagiatsvorwürfe werfen nun ein zusätzliches Schlaglicht auf die Frage, nach welchen Kriterien in Deutschland eigentlich Personen in Schlüsselpositionen berufen werden. Kompetenz? Integrität? Oder doch eher politische Gefügigkeit?
Wie kaputt ist dieses Land, wenn die oberste moralische Instanz unter Betrugsverdacht steht? Und Deutschland erzählt der ganzen Welt, was richtig und falsch ist.
Diese Frage, die sich viele Bürger stellen, trifft den Kern des Problems. Ein Land, das sich anmaßt, anderen Nationen moralische Lektionen zu erteilen, sollte zunächst vor der eigenen Haustür kehren. Die Plagiatsvorwürfe gegen die ehemalige Ethikrat-Chefin sind mehr als ein akademischer Skandal. Sie sind ein Symptom für den schleichenden Verfall jener Werte, die Deutschland einst stark gemacht haben: Ehrlichkeit, Fleiß, Gewissenhaftigkeit und intellektuelle Redlichkeit.
Was nun folgen muss
Die Universität Münster steht nun in der Pflicht. Sie muss die Vorwürfe ernst nehmen und ein transparentes Prüfverfahren einleiten. Alles andere wäre ein weiterer Sargnagel für das ohnehin ramponierte Vertrauen in die deutschen Institutionen. Und Alena Buyx? Sie sollte sich zu den Vorwürfen äußern – offen, ehrlich und ohne die rhetorischen Ausweichmanöver, die man von der politischen Klasse dieses Landes mittlerweile gewohnt ist. Denn eines steht fest: Wer anderen Ethik predigt, muss sich an den strengsten Maßstäben messen lassen. Gerade in Zeiten, in denen das Vertrauen der Bürger in ihre Eliten auf einem historischen Tiefpunkt angelangt ist.
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