
Erdogans Rückzieher: Wie der Sultan vom Bosporus seine eigene Macht demontiert

Es ist eine Szene, die symbolischer kaum sein könnte: Studenten, die Tränengaswolken trotzen, Polizisten, die mit harter Hand gegen junge Menschen vorgehen, die schlicht ihr Recht auf Bildung einfordern – und ein Präsident, der nach wenigen Stunden die Reißleine ziehen muss. Recep Tayyip Erdogan, der starke Mann am Bosporus, hat die Schließung der renommierten Bilgi-Universität in Istanbul zurückgenommen. Ein bemerkenswerter Vorgang, der tief in den Maschinenraum eines wankenden Autokraten blicken lässt.
Vom Dekret zum Rückzug binnen 48 Stunden
Am Freitag noch ließ Erdogan per Dekret die Schließung der liberalen Hochschule verkünden – pikanterweise kurz vor Semesterende, was zahlreiche Studierende um ihren Abschluss gebracht hätte. Am Sonntagabend dann die Kehrtwende: Das entsprechende Dokument zur Rücknahme der Schließung erschien im türkischen Amtsblatt. Offiziell heißt es seitens der Bilgi-Universität, die Entscheidung diene dem Schutz des Rechts auf Bildung. Faktisch hatte der Druck der Straße den Präsidenten in die Knie gezwungen.
Studierende und Lehrkräfte hatten am Wochenende den Campus zum Schauplatz beeindruckender Proteste gemacht. Die Polizei reagierte, wie man es aus der Türkei kennt: mit Tränengas und Festnahmen. Doch diesmal genügte das nicht, um die Unruhe zu ersticken. Die Hochschule, die auch am europäischen Erasmus-Austauschprogramm teilnimmt, war bereits im September des Vorjahres unter staatliche Aufsicht gestellt worden – offiziell wegen Vorwürfen gegen die ehemalige Eigentümerin, die Can Holding, der Betrug und Geldwäsche angelastet werden.
Mehr als nur Studentenprotest: Die Türkei brodelt
Wer jedoch glaubt, es handle sich hier um einen isolierten Vorgang an einer Universität, verkennt die Brisanz der Lage. Die Studierendenproteste verschmelzen mit einer weitaus größeren politischen Verwerfung: der gerichtlich verfügten Absetzung von Özgür Özel, dem Vorsitzenden der größten Oppositionspartei CHP. Am Donnerstag fiel das Urteil, am Sonntag dann das nächste Schauspiel orientalischer Machtdemonstration – die Polizei stürmte die Parteizentrale, in der sich Özel mit seinen Anhängern verschanzt hatte.
In Istanbul, Ankara und Izmir, den drei pulsierenden Metropolen des Landes, gingen die Menschen auf die Straße. Es brennt lichterloh in der Türkei, und Erdogan, dessen Selbstverständnis lange Zeit jenem eines neuzeitlichen Sultans glich, gerät zusehends in Bedrängnis. Der Rückzieher in Sachen Bilgi-Universität ist daher weniger ein Akt der Einsicht als vielmehr eine kalkulierte Notbremsung, um nicht noch mehr Öl ins Feuer der ohnehin lodernden Proteste zu gießen.
Ein Lehrstück über autoritäre Herrschaft
Was sich in der Türkei abspielt, sollte auch in Deutschland aufmerksam beobachtet werden. Hier paktiert ein Präsident gerichtlich gegen die Opposition, lässt Universitäten schließen, die nicht regierungstreu genug erscheinen, und schickt die Polizei gegen demonstrierende Studenten. Es ist das Drehbuch autoritärer Herrschaft, das Erdogan seit Jahren verfeinert. Dass die EU dieser Entwicklung weitgehend tatenlos zusieht, während gleichzeitig Milliarden im Rahmen des Flüchtlingspakts nach Ankara fließen, gehört zu den wenig ruhmreichen Kapiteln europäischer Außenpolitik.
Die Türkei ist NATO-Partner und wichtiger Handelsplatz zwischen Europa und Asien. Umso bemerkenswerter, mit welcher Beharrlichkeit Erdogan seinen autoritären Kurs verschärft. Dass er nun einmal zurückrudern musste, zeigt jedoch auch: Selbst ein autokratisch regierender Präsident ist nicht unverwundbar, wenn sich Bürger erheben.
Lehren für unruhige Zeiten
Die Ereignisse in Istanbul sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schnell vermeintlich stabile politische Verhältnisse ins Wanken geraten können. Wer hätte vor wenigen Jahren noch geglaubt, dass türkische Studierende einen Erdogan zum Rückzug zwingen würden? Genau diese Unwägbarkeiten sind es, die kluge Anleger längst dazu bewogen haben, auf krisenresistente Werte zu setzen. Physisches Gold und Silber haben sich über Jahrhunderte hinweg in politisch turbulenten Zeiten als verlässliche Anker der Vermögenssicherung erwiesen – unabhängig davon, welcher Autokrat gerade welche Universität schließen oder welche Oppositionspartei zerschlagen lässt.
Hinweis: Der vorliegende Beitrag stellt keine Anlageberatung dar und gibt ausschließlich die Meinung unserer Redaktion auf Basis der vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger ist verpflichtet, eigenständig zu recherchieren und trägt für seine Investitionsentscheidungen die alleinige Verantwortung.
- Themen:
- #Wahlen










