
Die Gretchenfrage des Westens: Wofür kämpfen wir eigentlich noch?
Es war eine einzige Frage, die auf der Münchener Sicherheitskonferenz wie eine Granate einschlug – und die politische Klasse Deutschlands in kollektive Sprachlosigkeit versetzte. „Was verteidigen wir eigentlich?", wollte US-Außenminister Marco Rubio wissen. Der spontane Beifall im Saal, der anschließend verschämt zurückgenommen wurde, sprach Bände. Denn eine ehrliche Antwort auf diese Frage kann in Deutschland offenbar niemand mehr geben.
Ein Land ohne Kompass
Die Ratlosigkeit zieht sich quer durch alle politischen Lager. Die orthodoxe Linke hält den Westen ohnehin für den Schuldigen an allem Übel dieser Welt und kommt konsequenterweise zu dem Schluss, dass es folglich auch nichts zu verteidigen gebe. Der politische Mainstream behilft sich derweil mit hohlen Worthülsen: Mal sei es „unsere Demokratie", mal die „regelbasierte Ordnung", mal das Völkerrecht. Doch seien wir ehrlich – für eine „regelbasierte Ordnung" wird kein Mensch sein Leben riskieren. Das sind Begriffe aus Sonntagsreden, nicht aus dem Schützengraben.
Und auch weite Teile der politischen Rechten haben sich in eine Sackgasse manövriert. So sehr auf die Kritik an den kulturellen Verirrungen Europas fixiert, dass manche sich insgeheim auf die Seite Moskaus wünschen – ein historischer Kurzschluss von beachtlichem Ausmaß.
Die Ukraine als unbequemer Spiegel
Was diesen Krieg, der nun bereits ins fünfte Jahr geht, so verstörend für die deutsche Debatte macht, ist nicht die russische Bereitschaft zur Aggression. Die hätte man kommen sehen können – und müssen. Das wirklich Erschütternde ist vielmehr die unbeugsame Entschlossenheit der Ukrainer, ihr Land, ihre Identität, ihre Nation mit allem zu verteidigen, was sie haben. Während deutsche Geheimdienste noch die Warnzeichen ignorierten und Berlin in den ersten Kriegstagen Waffenlieferungen mit dem zynischen Hinweis verweigerte, Kiew werde ohnehin bald fallen, griffen Hunderttausende Ukrainer freiwillig zur Waffe.
Sie wussten, wofür sie kämpften. Und genau das macht uns Deutschen so zu schaffen – denn wir wissen es längst nicht mehr.
Die Instrumentalisierung des Leids
Deutschland kann mit der Ukraine nur umgehen, solange sie ins gewohnte moralische Schema passt: als Opfer, als Bittsteller, als eine weitere Gruppe, für die man sich performativ engagieren kann. Die blau-gelben Fahnen an Balkonen und Profilbildern folgen demselben Impuls, der 2015 Menschen mit Blumen und Willkommensschildern an den Münchener Hauptbahnhof trieb. Es geht nicht um echtes Verständnis, sondern um das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.
Doch was die Ukrainer tatsächlich antreibt – Nation, Volk, Identität, kulturelle Werte –, das sind Begriffe, die in der deutschen Öffentlichkeit bestenfalls mit spitzen Fingern angefasst werden. Ironischer könnte die Situation kaum sein.
Jahrhunderte der Unterdrückung
Wer das Schicksal der Ukraine verstehen will, muss in die Geschichte blicken. Auf ukrainischem Boden spielte sich die europäische Tragödie des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Brutalität ab. Der Holodomor – Stalins gezielter Hungermord an Millionen ukrainischer Zivilisten. Die Verschleppung Hunderttausender Krimtataren nach Sibirien. Zwischen fünf und zehn Millionen Ukrainer, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren. Jeder vierte Soldat der Roten Armee stammte aus der Ukraine.
Schon Katharina die Große versuchte, die ukrainische Identität systematisch auszulöschen. Sie nannte es „Neurussland" – ein Begriff, den Putin Jahrhunderte später schamlos wiederbelebte. Die Kosaken-Selbstverwaltung wurde zerschlagen, die Bevölkerung zwangsumgesiedelt, die ukrainische Sprache verdrängt, ukrainische Literatur verboten. Der russische Imperialismus überlebte den Zusammenbruch anderer multiethnischer Imperien nach dem Ersten Weltkrieg, weil er sich eine neue, grenzenlose Ideologie aneignete: den Kommunismus. Ein Kolonialismus übrigens, der in den modischen postkolonialen Diskursen westlicher Universitäten entlarvend kurz kommt.
Kein Wunder also, dass sich beim freien Referendum 1991 alle Oblaste der Ukraine – einschließlich des Donbas mit über 80 Prozent Zustimmung – für die Unabhängigkeit von Russland aussprachen.
Was Deutschland von der Ukraine lernen könnte
Die Ukraine ist, das zeigen alle Wahlergebnisse und Umfragen, eine der politisch konservativsten und patriotischsten Nationen Europas. Mitten im Krieg gingen Hunderttausende gegen Korruption auf die Straße – ein Ausmaß an demokratischem Geist und Bereitschaft zur Regierungskritik, von dem man hierzulande nur noch träumen kann. Die Ukraine strebt nach Westen – nicht wegen der Regulierungswut der EU-Kommission, sondern weil ihre Menschen klar vor Augen haben, was diesen Westen einst ausmachte. Etwas, das wir selbst vor lauter ideologischen Irrungen und nebelig-leeren Floskeln über „unsere Werte" nicht mehr zu fassen vermögen.
Während in Kiew Menschen für ihre Heimat sterben, debattiert Deutschland – von links und bemerkenswerterweise von rechts – darüber, ob es hier überhaupt noch ein „Wir" gibt. Ob es überhaupt etwas zu verteidigen gibt. Die Antwort liegt auf der Hand, doch sie erfordert Mut: Völker, Nationen, Identitäten und Kulturen, die auf Basis der Geschichte ihren Wert erlangt haben, sind weitaus mächtiger und weitaus notwendiger, als man hierzulande wahrhaben will.
Der Verrat an der eigenen Sache
Besonders bitter ist die Haltung jener Teile der politischen Rechten, die mit unerträglicher Häme auf Selenskyj und die ukrainische Sache blicken. Ausgerechnet sie, die doch Nation und Identität auf ihre Fahnen geschrieben haben, müssten den wahren Grund des ukrainischen Kampfes erkennen und anerkennen. Stattdessen lassen sie sich von einer vermeintlichen Realpolitik verführen, die in Wahrheit nichts anderes ist als die Kapitulation vor dem Recht des Stärkeren.
Doch auch die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz bleibt Antworten schuldig. Statt einer echten Zeitenwende im Denken erleben wir fromme Sonntagsreden und ein 500-Milliarden-Sondervermögen, das kommende Generationen mit Schulden belastet – während die grundlegende Frage nach dem, was dieses Land eigentlich zusammenhält und verteidigenswert macht, weiterhin unbeantwortet im Raum steht.
Das Abendland wiederentdecken
All das, was die Ukraine verteidigt – und was auch Deutschland und den gesamten Westen ausmacht –, sollten wir viel öfter beim Namen nennen: das Abendland, in seiner ganzen kulturgeschichtlichen Tiefe. Nicht als leere Phrase, sondern als lebendiges Erbe, das es wert ist, bewahrt zu werden. Familie, Tradition, Heimat, Glaube, die Bereitschaft, für etwas Größeres als sich selbst einzustehen – das sind keine verstaubten Relikte einer vergangenen Epoche, sondern die Grundpfeiler jeder funktionierenden Gesellschaft.
Die Welt ist realer, als wir in unseren klimatisierten Büros und ideologischen Filterblasen glauben mögen. Nicht vor allen Problemen kann man davonlaufen. Und manchmal braucht es den Blick auf ein geschundenes Volk am östlichen Rand Europas, um zu begreifen, was man selbst längst vergessen hat. Die Ukrainer wissen, wofür sie kämpfen. Es wird höchste Zeit, dass auch wir Deutschen diese Frage wieder beantworten können – ehrlich, mutig und ohne die üblichen Ausflüchte.










