
Berliner Maulkorb-Gesetz: CDU und SPD demolieren das Recht auf Akteneinsicht im Schnellverfahren
Was sich derzeit in der deutschen Hauptstadt abspielt, liest sich wie ein LehrstĂŒck ĂŒber den schleichenden Abbau demokratischer Kontrollrechte. Die Berliner Koalition aus CDU und SPD hat das seit 1999 bestehende Informationsfreiheitsgesetz (IFG) in einem beispiellosen Eilverfahren so massiv beschnitten, dass weite Teile staatlichen Handelns kĂŒnftig pauschal der öffentlichen Kontrolle entzogen werden können. Der BĂŒrger soll offenbar weniger sehen, weniger fragen â und am besten gar nicht erst erfahren, was hinter den verschlossenen TĂŒren der Verwaltung geschieht.
Transparenz als Bedrohung â wenn Kontrolle politisch wehtut
Der Ablauf dieser GesetzesĂ€nderung spricht BĂ€nde. ZunĂ€chst war die Abstimmung wegen Bedenken innerhalb der SPD verschoben worden. Am 23. MĂ€rz fand noch eine Expertenanhörung statt, bei der die Opposition, 34 zivilgesellschaftliche Organisationen und ĂŒber 20.000 Unterschriften eindringlich vor dem Eingriff warnten. Drei Tage spĂ€ter wurde das Gesetz dennoch durchgepeitscht. Wer so verfĂ€hrt, dem geht es nicht um eine sorgfĂ€ltige AbwĂ€gung zwischen Sicherheit und Transparenz. Dem geht es darum, ein unliebsames Kontrollinstrument so schnell wie möglich stumpf zu machen.
Besonders pikant ist der Kontext. Ausgerechnet ĂŒber das Informationsfreiheitsgesetz war die sogenannte Berliner FördergeldaffĂ€re ans Licht gekommen. Per Anfrage hatte sich herausgestellt, dass möglicherweise bis zu 3,4 Millionen Euro ohne inhaltliche PrĂŒfung und nach parteipolitischen WĂŒnschen verteilt worden seien. Unter den BegĂŒnstigten befand sich auch ein Verein eines CDU-Mitglieds. Die AffĂ€re beschĂ€ftigt mittlerweile einen Untersuchungsausschuss. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt â genau dort, wo Transparenz politisch schmerzt, wird sie plötzlich zur Gefahr erklĂ€rt.
Der Brandanschlag als willkommener Vorwand
Als Rechtfertigung fĂŒr diesen drastischen Schritt dient der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar. Der innenpolitische StaatssekretĂ€r Christian Hochgrebe sprach von einer âdauerhaft abstrakten GefĂ€hrdung". KĂŒnftig könnten Informationen zur sogenannten kritischen Infrastruktur pauschal zurĂŒckgehalten werden. Das klingt zunĂ€chst technisch und vernĂŒnftig. Doch in Wahrheit öffnet diese Formulierung ein Einfallstor fĂŒr flĂ€chendeckende Geheimhaltung.
Denn unter den Begriff der kritischen Infrastruktur fallen laut Berliner Katastrophengesetz nicht nur Energie und Telekommunikation, sondern auch Verkehr, Gesundheit, Wasser, ErnĂ€hrung, Medien, Kultur sowie das Finanz- und Versicherungswesen. Damit wird aus einer vermeintlichen Ausnahme ein GeneralschlĂŒssel zur Auskunftsverweigerung. Sobald eine Anfrage auch nur entfernt in einen dieser Bereiche fĂ€llt, kann die Verwaltung kĂŒnftig den Rollladen herunterlassen. Das trifft nicht irgendwelche Randbereiche â das trifft nahezu alles, worĂŒber ein BĂŒrger oder Journalist in einer modernen Verwaltung jemals Auskunft verlangen wĂŒrde.
GĂŒrtel und HosentrĂ€ger â die absurde Doppelsicherung
Das eigentlich Groteske an der ganzen Angelegenheit: Die bestehenden Ausnahmeregelungen hĂ€tten nach EinschĂ€tzung von Fachleuten lĂ€ngst ausgereicht. Der auf Informationsfreiheitsrecht spezialisierte Anwalt Christian Partsch beschrieb die VerschĂ€rfung mit dem treffenden Bild, man habe bereits einen GĂŒrtel getragen und ziehe nun noch HosentrĂ€ger dazu an. Schon jetzt berufe sich die Berliner Verwaltung auf Ausnahmen in einem teils absurden AusmaĂ, und Gerichte neigten dazu, selbst abwegigen Argumentationen zu folgen. Wer unter diesen Bedingungen noch weitere Schranken einzieht, will nicht Missbrauch verhindern â sondern Kontrolle.
Hinzu kommt ein offener Wortbruch. Im Koalitionsvertrag war noch ein Transparenzgesetz versprochen worden â also eine Reform in die exakt entgegengesetzte Richtung. Nun heiĂt es plötzlich, die AnschlĂ€ge auf das Stromnetz hĂ€tten die Lage grundlegend verĂ€ndert. Nur hat niemand den Standort der betroffenen KabelbrĂŒcke per IFG-Antrag herausgefunden. Das Argument trĂ€gt also nicht einmal den konkreten Fall, mit dem die Koalition ihren Eingriff zu rechtfertigen versucht.
Ein bundesweites Muster der Abschottung
Berlin steht mit diesem Vorgehen keineswegs allein. Auch in Schleswig-Holstein, ThĂŒringen und Mecklenburg-Vorpommern gebe es Bestrebungen, Informationsfreiheitsrechte einzuschrĂ€nken. Auf Bundesebene hĂ€tte der CDU-Politiker Philipp Amthor das IFG am liebsten gleich ganz gestrichen â ausgerechnet jener Amthor, dessen eigene Lobbyismus-AffĂ€re um Augustus Intelligence einst durch eine IFG-Anfrage öffentlich wurde. Das Muster ist immer dasselbe: Sobald Transparenz fĂŒr die MĂ€chtigen gefĂ€hrlich wird, wĂ€chst der politische Wunsch, sie kleinzuschneiden.
Die Berliner Datenschutzbeauftragte Meike Kamp sprach von einem âmassiven RĂŒckschritt" und sehe die Kontrolle staatlichen Handelns erheblich erschwert. Sie beschrieb den eigentlichen Kern des Problems: den RĂŒckfall in eine ĂŒberholte Kultur des pauschalen Amtsgeheimnisses. Hier werde nicht im Einzelfall geschĂŒtzt â hier werde systematisch verborgen.
Deutschland: Transparenz-Schlusslicht hinter Uganda und China
Besonders dĂŒster wird das Bild im internationalen Vergleich. Deutschland liegt im weltweiten Transparenzranking des kanadischen Center for Law and Democracy auf einem beschĂ€menden Platz 127 â hinter LĂ€ndern wie Uganda, China oder Russland. Statt diesen Befund als Alarmsignal zu begreifen, marschiert die politische Klasse sehenden Auges weiter in die falsche Richtung. FĂŒr ein Land, das sich gerne als Leuchtturm der Demokratie inszeniert, ist das ein vernichtendes Zeugnis.
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Dieselben Parteien, die bei jeder Gelegenheit die Bedeutung demokratischer Werte beschwören und andere LĂ€nder fĂŒr mangelnde Transparenz kritisieren, bauen im eigenen Land die Kontrollrechte der BĂŒrger systematisch ab. CDU und SPD â jene Parteien, die nun auch auf Bundesebene in der GroĂen Koalition regieren â haben der Hauptstadt keine Sicherheitsreform verordnet, sondern eine Abschottungsreform. Und wer glaubt, dass das ein rein Berliner PhĂ€nomen bleibt, der dĂŒrfte sich in den kommenden Monaten noch wundern.
Es ist ein beunruhigendes Signal, wenn der Staat beginnt, sich vor seinen eigenen BĂŒrgern zu verstecken. Demokratie lebt von Transparenz, von der Möglichkeit, Regierungshandeln zu ĂŒberprĂŒfen und MissstĂ€nde aufzudecken. Wer diese Möglichkeit beschneidet, sĂ€gt an den Grundfesten des Gemeinwesens. Die Frage, die sich jeder BĂŒrger stellen sollte, lautet: Was genau hat die Verwaltung zu verbergen, dass sie so vehement gegen das Recht auf Akteneinsicht vorgeht?










