
Berliner Iraner zwischen Bangen und Hoffnung: Wenn Israels Bomben alte Wunden aufreiĂen
Die Telefone laufen heiĂ in Neukölln. Verzweifelte Stimmen, besetzte Leitungen, die quĂ€lende Ungewissheit â so sieht die RealitĂ€t der iranischen Exilgemeinde in Berlin aus, wĂ€hrend israelische Kampfjets ihre tödliche Fracht ĂŒber Teheran abwerfen. Was sich in diesen Stunden abspielt, ist mehr als nur ein weiteres Kapitel im nahöstlichen Konflikt. Es ist das Drama einer zerrissenen Gemeinschaft, die zwischen der Sorge um ihre Angehörigen und der stillen Hoffnung auf einen Wandel in ihrer Heimat gefangen ist.
Wenn Geschichte sich wiederholt
Hamid Nowzari kennt dieses GefĂŒhl. Der Mann, der 1980 vor den Schergen Khomeinis nach West-Berlin floh, erlebt ein grausames DĂ©jĂ -vu. Damals nutzte das frisch installierte Mullah-Regime den Angriff Saddam Husseins, um innenpolitische Gegner gnadenlos zu eliminieren. Heute, ĂŒber vier Jahrzehnte spĂ€ter, befĂŒrchtet er dasselbe Muster: Ein Ă€uĂerer Feind als willkommener Vorwand fĂŒr noch brutalere Repressionen im Inneren.
Die Parallelen sind erschreckend prÀzise. Schon nach dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 schnellten die Hinrichtungszahlen im Iran in die Höhe. Jetzt, da israelische Bomben auf iranischem Boden einschlagen und hochrangige MilitÀrs wie Armeechef Mohammed Bagheri und Revolutionsgarden-Kommandeur Hussein Salami tot sein sollen, wÀchst die Angst vor einer neuen Terrorwelle gegen die Opposition.
Die perfide Logik der Mullahs
âEin Feind von auĂen nutzt dem Regime", bringt es Nowzari auf den bitteren Punkt. Es ist die zynische Arithmetik autoritĂ€rer Herrschaft: Je gröĂer die Ă€uĂere Bedrohung, desto leichter lĂ€sst sich innerer Widerstand ersticken. Die Revolutionsgarden â jene paramilitĂ€rische Truppe, die 2022 die Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini blutig niederschlug â werden ihre Verluste rĂ€chen wollen. Nur werden die Opfer nicht in Tel Aviv sitzen, sondern in den GefĂ€ngnissen von Evin und Rajai Shahr.
Europas fatales Versagen
WĂ€hrend in Berlin die Sorgenfalten tiefer werden, offenbart sich einmal mehr das komplette Versagen europĂ€ischer Iran-Politik. Die Aktivistin Daniela Sepehri, selbst iranischstĂ€mmig, spricht aus, was viele denken: Die EU-Sanktionen treffen das falsche Ziel. WĂ€hrend das einfache Volk unter Inflation und Mangel leidet, fĂŒllen sich die Kriegskassen der Mullahs weiter. Noch absurder: BrĂŒssel âprĂŒft" immer noch, ob die Revolutionsgarden auf die Terrorliste gehören. Man fragt sich, wie viele Demonstranten noch sterben mĂŒssen, bis in den BrĂŒsseler Amtsstuben die RealitĂ€t ankommt.
Diese zögerliche Haltung ist symptomatisch fĂŒr eine Politik, die sich in moralischer Ăquidistanz ĂŒbt, wĂ€hrend ein Regime sein eigenes Volk terrorisiert. Sepehri nennt die getöteten MilitĂ€rs beim Namen: âTerroristen". Eine EinschĂ€tzung, die man in den diplomatischen Zirkeln Europas wohl als âundifferenziert" abtun wĂŒrde.
Die Diaspora in der ZwickmĂŒhle
FĂŒr die geschĂ€tzt 19.000 Iraner in Berlin ist die Situation besonders qualvoll. Sie können die Angriffe auf ihr Heimatland nicht bejubeln â zu groĂ ist die Gefahr ziviler Opfer, zu tief sitzt der Schmerz ĂŒber jede Bombe, die auf iranischen Boden fĂ€llt. Gleichzeitig wissen sie: Jeder militĂ€rische Konflikt stĂ€rkt paradoxerweise genau jenes Regime, das sie aus ihrer Heimat vertrieben hat.
Es ist diese grausame Ironie der Geschichte, die Oppositionelle zur Verzweiflung treibt. Sie sehen, wie ihre Hoffnung auf Wandel in den Rauchschwaden israelischer Bomben verpufft. Denn eines ist sicher: Die Mullahs werden die aktuelle Krise nutzen, um ihre Macht zu zementieren. Die Rhetorik vom âgroĂen Satan" Amerika und dem âkleinen Satan" Israel wird neue Nahrung erhalten.
Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis
WĂ€hrend in Neukölln weiter die Telefone klingeln und besorgte Stimmen nach Lebenszeichen aus Teheran fragen, zeichnet sich eine bittere Wahrheit ab: Der Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt dreht sich weiter. Die iranische Opposition, eingeklemmt zwischen einem brutalen Regime und der Eskalation von auĂen, bleibt die ewige Verliererin.
Sepehris Forderung, âdem iranischen Volk endlich zuzuhören", verhallt ungehört in den Fluren der Macht. Stattdessen dominieren geopolitische SchachzĂŒge und militĂ€rische Logik. FĂŒr die Menschen in Berlin, die um ihre Angehörigen bangen, ist das ein schwacher Trost. Sie wissen: Wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, werden die GefĂ€ngnisse voller und die Galgen aktiver sein als zuvor.
Die Geschichte lehrt uns, dass autoritĂ€re Regime Krisen zu ihrem Vorteil nutzen. Im Iran des Jahres 2025 scheint sich diese Lektion einmal mehr zu bewahrheiten. WĂ€hrend die Welt gebannt auf die militĂ€rische Eskalation starrt, bereitet sich ein Regime darauf vor, die eigene Bevölkerung noch fester in den WĂŒrgegriff zu nehmen. FĂŒr die Iraner in Berlin bleibt nur die Hoffnung, dass ihre Liebsten diese dunkle Zeit ĂŒberstehen werden.
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