
Aluminium im Ausnahmezustand: Krieg, Zölle und ein leergefegter Markt

Der globale Aluminiummarkt steht vor einem Beben historischen AusmaĂes. Was Analysten als klassisches "Schwarzer Schwan"-Ereignis bezeichnen, ist RealitĂ€t geworden: Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten haben eine Versorgungskrise ausgelöst, wie sie die RohstoffmĂ€rkte seit der Jahrtausendwende nicht gesehen haben. Wer geglaubt hatte, die Globalisierung der Lieferketten sei ein unzerstörbares Fundament unserer Industrie, wird derzeit eines Besseren belehrt.
Eine Region, die 9 Prozent der Weltproduktion stemmt
Der Nahe Osten verfĂŒgt ĂŒber eine SchmelzkapazitĂ€t von rund 7 Millionen Tonnen Aluminium pro Jahr. Das entspricht etwa neun Prozent der weltweiten Versorgung. Aluminium, dieser unscheinbare AllestrĂ€ger unserer modernen Industriegesellschaft, steckt in praktisch allem, was sich bewegt, was gebaut wird oder was verpackt werden muss. FĂ€llt eine solche Menge plötzlich aus, gerĂ€t die gesamte Wertschöpfungskette ins Wanken.
Nick Snowdon, Leiter der Metall- und Bergbauforschung beim RohstoffhĂ€ndler Mercuria, sprach am Rande des Financial Times Commodities Global Summit in Lausanne Klartext. Das AusmaĂ des Versorgungsschocks sei vermutlich der gröĂte Einzelschock, den ein Basismetallmarkt seit der Jahrtausendwende erlebt habe. Eine Entwicklung in dieser GröĂenordnung habe niemand vorhersehen können, so Snowdon.
Preisexplosion an der Londoner Metallbörse
Die Sorgen um die Versorgung, ausgelöst durch den Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran, haben die Notierungen an der London Metal Exchange förmlich durch die Decke gejagt. Am 16. April erreichte der Aluminiumpreis mit 3.672 Dollar pro Tonne ein Vier-Jahres-Hoch. Mercuria rechnet fĂŒr den Zeitraum bis zum Jahresende mit einem Defizit von mindestens zwei Millionen Tonnen. DemgegenĂŒber stehen lediglich 1,5 Millionen Tonnen sichtbarer LagerbestĂ€nde und etwas ĂŒber drei Millionen Tonnen Gesamtbestand inklusive nicht sichtbarer Einheiten. Der Puffer ist also hauchdĂŒnn.
Sollte sich der Konflikt weiter in die LĂ€nge ziehen und die Aluminiumoxid-Lieferungen in die Golfregion weiterhin gedrosselt bleiben, könnte das Defizit noch deutlich gröĂer ausfallen. Aluminiumoxid ist der unverzichtbare Rohstoff fĂŒr die Aluminiumproduktion â ohne diesen Zufluss stehen selbst intakte Schmelzwerke still.
Kein einfacher Ersatz in Sicht
Die bittere Wahrheit lautet: Die Mengen aus dem Nahen Osten lassen sich nicht einfach ersetzen. China, der weltweit gröĂte Produzent, unterliegt einer politisch festgesetzten Produktionsobergrenze von 45 Millionen Tonnen pro Jahr. Die USA und Europa verfĂŒgen ĂŒber kaum stillgelegte KapazitĂ€ten, die man kurzfristig reaktivieren könnte. Besonders Europa und die Vereinigten Staaten sind durch ihre niedrigen LagerbestĂ€nde verwundbar. Von den 3,4 Millionen Tonnen PrimĂ€r- und Legierungsaluminium, die die USA im vergangenen Jahr importierten, stammten laut Trade Data Monitor knapp 22 Prozent aus dem Nahen Osten. Europa bezog rund 1,2 Millionen Tonnen oder 18,5 Prozent seines Aluminiumimports aus derselben Region.
PrĂ€mien auf Rekordniveau â die Rechnung zahlt der Verbraucher
Die AufschlĂ€ge, die zusĂ€tzlich zum LME-Preis fĂŒr physisches Metall gezahlt werden, sind explodiert. In den USA erreichten sie mit 1,14 Dollar pro Pfund oder 2.521,50 Dollar pro Tonne einen Rekordwert. In Europa kletterten die PrĂ€mien auf ein fast vierjĂ€hriges Hoch von 599 Dollar pro Tonne. Was zunĂ€chst wie eine Randnotiz fĂŒr RohstoffhĂ€ndler wirkt, wird frĂŒher oder spĂ€ter als Preisschock bei jenen ankommen, die ohnehin schon unter steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten Ă€chzen: den Verbrauchern und der gebeutelten deutschen Industrie.
Deutschland trifft es besonders hart
WĂ€hrend Berlin sich in ideologischen Debatten ĂŒber KlimaneutralitĂ€t bis 2045 und immer neue Regulierungen verliert, wird der industrielle Unterbau dieses Landes von Ă€uĂeren Schocks brutal getroffen. Die deutsche Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Verpackungsbranche â sie alle hĂ€ngen am Tropf kontinuierlicher Aluminiumlieferungen. Dass ausgerechnet in einer Phase geopolitischer Verwerfungen und explodierender US-Zölle unter PrĂ€sident Trump nun auch noch ein Basismetall in die Krise stĂŒrzt, zeigt, wie fragil das Konstrukt der globalisierten Wirtschaft tatsĂ€chlich geworden ist. Die Bundesregierung unter Friedrich Merz hat bislang keine ĂŒberzeugende Antwort darauf gefunden, wie man die AbhĂ€ngigkeit der deutschen Industrie von Importen strategisch wichtiger Rohstoffe verringern könnte.
Was Anleger aus dieser Krise lernen sollten
Die Aluminiumkrise ist mehr als eine Momentaufnahme. Sie ist ein LehrstĂŒck ĂŒber die Verwundbarkeit moderner Industriegesellschaften, die sich auf wenige LieferlĂ€nder und komplexe Seerouten verlassen haben. Wer sein Vermögen schĂŒtzen möchte, sollte die Lehre ziehen, dass geopolitische Schocks heute nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber haben in solchen Zeiten immer wieder bewiesen, dass sie als krisenfeste Anker im Portfolio funktionieren â unabhĂ€ngig von Lieferketten, BörsenprĂ€mien und politischen Verwerfungen. Eine durchdachte Beimischung physischer Edelmetalle in ein breit diversifiziertes Portfolio war selten so naheliegend wie in diesen Tagen.
Haftungsausschluss
Die in diesem Artikel geĂ€uĂerten EinschĂ€tzungen spiegeln die Meinung unserer Redaktion auf Basis der vorliegenden Informationen wider und stellen keine Anlageberatung dar. Wir betreiben weder eine individuelle Finanz-, Rechts- noch Steuerberatung. Jeder Leser ist angehalten, eigenstĂ€ndig umfassende Recherchen durchzufĂŒhren und im Zweifelsfall qualifizierte Fachleute zu konsultieren. FĂŒr Anlageentscheidungen und deren Folgen trĂ€gt jeder Anleger die alleinige Verantwortung.










