Kettner Edelmetalle
07.06.2025
10:18 Uhr

Wenn kritische Fragen zur Bedrohung werden: Der deutsche Journalismus im freien Fall

Was sich da im Oval Office abspielte, könnte man fast fĂŒr eine Satire halten – wĂ€re es nicht bittere RealitĂ€t. WĂ€hrend Bundeskanzler Merz seinen Antrittsbesuch bei US-PrĂ€sident Trump absolvierte, entlarvte sich der deutsche Hauptstadtjournalismus einmal mehr als das, was er lĂ€ngst geworden ist: Eine Art medialer PrĂ€torianergarde, die den Kanzler vor unbequemen Fragen schĂŒtzen will.

Im Zentrum des Skandals, der keiner war: Julian Reichelt, Chefredakteur von Nius. Sein Vergehen? Er hÀtte beinahe eine kritische Frage gestellt. Man stelle sich vor! In einer funktionierenden Demokratie wÀre das die Kernaufgabe eines Journalisten. Im Deutschland des Jahres 2025 wird es offenbar als Sabotageakt begriffen.

Die Angst vor der kritischen Frage

Die Reaktionen der mitgereisten Pressevertreter sprechen BĂ€nde. Ein gewisser Bastian Brauns von t-online widmete sage und schreibe acht von 21 Posts auf X der bloßen Anwesenheit Reichelts. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Ging es im Oval Office nun um Weltpolitik oder um die Abwehr eines unliebsamen Kollegen?

Besonders entlarvend ist die Wortwahl der etablierten Medienvertreter. Reichelt sei von der US-Administration ins Oval Office „geschleust" worden, raunt es aus den Redaktionsstuben. Als ob der amerikanische PrĂ€sident in seinem eigenen Amtssitz Schmuggelware verstecken mĂŒsste! Diese Verschwörungsrhetorik offenbart mehr ĂŒber den Geisteszustand des deutschen Journalismus als ĂŒber die tatsĂ€chlichen VorgĂ€nge in Washington.

Die neue Definition von Journalismus

Was hier sichtbar wird, ist der komplette Paradigmenwechsel im journalistischen SelbstverstÀndnis. WÀhrend Reichelt auf eigene Faust und unabhÀngig von der Bundesregierung anreiste, kamen die anderen brav im Regierungsflieger mit. Und genau diese AbhÀngigkeit scheint ihr Verhalten zu prÀgen.

„Wer bei dem Gedanken, jemand könnte doch eine kritische Frage stellen, Schnappatmung bekommt und quasi eine Wagenburg um den Kanzler bildet, hat seinen Beruf akut verlernt."

Robin Alexander von der Welt sorgte sich allen Ernstes, dass kritische Fragen „einen Streit vor Kameras zwischen Trump und Merz" auslösen könnten. Man reibt sich verwundert die Augen: Seit wann ist es die Aufgabe von Journalisten, Politiker vor unangenehmen Situationen zu bewahren?

Der Niedergang der vierten Gewalt

Diese Episode ist symptomatisch fĂŒr den Zustand der deutschen Medienlandschaft. Der „konstruktive Journalismus", wie er euphemistisch genannt wird, hat sich lĂ€ngst in einen devoten Hofberichterstattungsstil verwandelt. Die vierte Gewalt, einst als Wachhund der Demokratie gedacht, ist zum SchoßhĂŒndchen der MĂ€chtigen verkommen.

Besonders pikant: Die Frage nach der Meinungsfreiheit in Deutschland, die Reichelt möglicherweise hĂ€tte stellen wollen, ist nicht nur ein innenpolitisches Thema von höchster Brisanz. Sie ist auch ein Streitpunkt zwischen der US-Administration und der Bundesregierung. Dass keiner der mitgereisten Journalisten auf die Idee kam, dieses Thema anzusprechen, sagt alles ĂŒber den Zustand unserer Medien aus.

Die Wagenburg-MentalitÀt

Was sich hier zeigt, ist eine Art journalistische Wagenburg-MentalitĂ€t. Man schottet sich ab gegen jeden, der das gemĂŒtliche Arrangement zwischen Politik und Medien stören könnte. Der Politico-Newsletter triumphierte geradezu, als Reichelt nicht zu Wort kam: „Julian Reichelt war da, kam aber nicht zu Wort (*schnief*)." Diese hĂ€mische Freude ĂŒber das Verstummen einer kritischen Stimme ist beschĂ€mend fĂŒr eine Zunft, die sich einst der Wahrheitsfindung verschrieben hatte.

Die mitreisenden Journalisten im Regierungsflieger haben offenbar vergessen, dass ihre LoyalitĂ€t nicht dem Kanzler, sondern der Öffentlichkeit gelten sollte. Stattdessen agieren sie wie eine Art medialer Leibwache, die jeden Störenfried abwehrt, der es wagen könnte, die sorgsam choreografierte Inszenierung zu durchbrechen.

Ein Armutszeugnis fĂŒr die Demokratie

Diese VorgĂ€nge sind mehr als nur eine Posse unter Journalisten. Sie sind ein Armutszeugnis fĂŒr den Zustand unserer Demokratie. Wenn kritische Fragen als Sabotage begriffen werden, wenn Journalisten sich mehr um die Verhinderung unbequemer Momente als um AufklĂ€rung sorgen, dann lĂ€uft etwas fundamental schief.

Die deutsche Medienlandschaft braucht dringend mehr Journalisten, die bereit sind, auch unbequeme Fragen zu stellen – selbst wenn das bedeutet, nicht mehr im Regierungsflieger mitfliegen zu dĂŒrfen. Denn eine Demokratie ohne kritischen Journalismus ist wie ein Auto ohne Bremsen: Es mag eine Weile gutgehen, aber das böse Erwachen ist programmiert.

Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis: In einem Land, in dem kritische Fragen als Bedrohung wahrgenommen werden, ist es um die Meinungsfreiheit schlechter bestellt, als viele wahrhaben wollen. Und solange sich Journalisten lieber als BeschĂŒtzer der MĂ€chtigen denn als deren Kontrolleure verstehen, wird sich daran auch nichts Ă€ndern.

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