
Vom Beobachter zum Drahtzieher? BKA-Vermerk erschüttert preisgekrönte RTL-Undercover-Recherche
Was passiert eigentlich, wenn die vermeintliche Heldin des investigativen Journalismus plötzlich selbst zur Akteurin wird? Genau diese unbequeme Frage stellt sich nun rund um die gefeierte Undercover-Recherche der RTL-Reporterin Angelique Geray, die sich für ihre Berichte über die rechtsextreme Gruppe "Letzte Verteidigungswelle" mit Preisen geradezu überschütten ließ. Ein 26-seitiger Vermerk des Bundeskriminalamts, über den die Süddeutsche Zeitung berichtet, lässt die preisgekrönte Story in einem deutlich anderen Licht erscheinen.
Wenn aus Beobachtung Beeinflussung wird
Laut dem BKA-Papier soll Geray ihre Rolle als bloße Beobachterin teilweise verlassen haben. Sie habe versucht, einzelne Akteure und das Vorgehen der Gruppe zu beeinflussen, um – so der bemerkenswerte Vorwurf – möglichst "aussagekräftiges Material" für ihre Reportage zu bekommen. Die Ermittler stützen sich dabei auf ausgewertete Chats, die auf den beschlagnahmten Mobiltelefonen der Beschuldigten gefunden worden seien.
Vor dem Oberlandesgericht Hamburg stehen seit März acht junge Männer, einige von ihnen zur Tatzeit minderjährig. Der Vorwurf der Bundesanwaltschaft wiegt schwer: Mitgliedschaft oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, versuchter Mord, Verabredung zu einem Verbrechen, gefährliche Körperverletzung. Geplant worden seien Brand- und Sprengstoffanschläge auf Asylunterkünfte sowie linke Einrichtungen.
Brisante Chatpassagen aus Tschechien-Reise
Besonders pikant ist der Komplex rund um einen mutmaßlich geplanten Anschlag auf eine Asylunterkunft im brandenburgischen Senftenberg. Im Januar 2025 sei Geray mit dem Angeklagten Devin K. nach Tschechien gefahren, wo dieser Kugelbomben erworben haben soll. Später, so der SZ-Bericht, habe die Reporterin den jungen Mann in Chats erneut auf Senftenberg angesprochen. Sätze wie "Dann müssen wir halt was planen" und "Senftenberg oder so" sollen ihr zugeschrieben werden.
Auch bei einem geplanten Überfall auf einen vermeintlich pädophilen Mann soll Geray laut Vermerk eine bemerkenswert aktive Rolle eingenommen haben. Sie habe angeboten, am "Hausbesuch" teilzunehmen und das Geschehen zu filmen. Zudem soll sie ein "Training" mit Schlagring und Schlagstock vorgeschlagen haben. Das klingt nicht mehr nach distanzierter Recherche, sondern nach etwas anderem.
Die Crux des modernen Aktivistenjournalismus
Strafrechtlich erhebt das BKA gegen Geray keine Vorwürfe – sie werde im Verfahren ausschließlich als Zeugin geführt. Doch der Vermerk stelle, so die Süddeutsche, ihre journalistische Rolle grundsätzlich infrage. Lediglich beobachtet oder eben doch mit eigenen Vorschlägen Abläufe mitgestaltet? Diese Frage ist hochpolitisch. Denn der deutsche Mainstream-Journalismus inszeniert sich gerne als unbestechlicher Wächter gegen Extremismus – vorzugsweise gegen den von rechts. Belohnt wird das mit Preisen, Podcast-Auszeichnungen und Buchverträgen. "Undercover unter Nazis" heißt das Werk, der Podcast trägt den vielsagenden Titel "Braune Kinderzimmer".
Doch wenn nun ausgerechnet die Ermittlungsbehörden zu dem Ergebnis kommen, dass die Geschichte möglicherweise nicht nur dokumentiert, sondern teilweise mitgeformt wurde, dann ist das mehr als nur eine Randnotiz. Es ist die alte Frage: Wo endet die Recherche, wo beginnt die Inszenierung? Wer schafft sich seine Story selbst, weil die Realität für die einschlägige Wirkung nicht reicht?
Kamerateam vor Ort – Polizeieinsatz gefährdet?
Geradezu skandalös wirkt ein weiterer Aspekt aus dem BKA-Vermerk. Als die Polizei nach einem anonymen Hinweis ein Gelände durchsuchte und Devin K. festnahm, habe sich ein RTL-Kamerateam in unmittelbarer Nähe aufgehalten. Das BKA notiere, der Aufenthalt des Teams habe die polizeilichen Maßnahmen gefährden können. Hinzu komme der Vorwurf, Geray habe sich gegen die Aufnahme einer weiteren Person in die Gruppe ausgesprochen, weil sie diese für einen V-Mann gehalten habe. Eine Information, die die betreffende Person nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung in Gefahr gebracht haben könnte.
RTL weist Vorwürfe zurück
Der Sender wehrt sich gegen die Darstellung. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte RTL, von Seiten der Bundesanwaltschaft habe zu keinem Zeitpunkt auch nur ein Anfangsverdacht bestanden, Geray habe sich strafrechtlich relevant an einer terroristischen Vereinigung beteiligt. Zu den konkret geschilderten Chatpassagen wollten sich Sender und Reporterin laut Bericht nicht im Einzelnen äußern. Der BKA-Vermerk liege RTL nicht vor, einzelne Kommunikationssituationen könnten deshalb nicht bewertet werden. Druck, bestimmte Bilder oder Narrative zu erzeugen, habe es "zu keinem Zeitpunkt" gegeben.
Ein Lehrstück über Haltungsjournalismus
Der Fall reiht sich ein in eine längere Kette von Beispielen, in denen sich der etablierte Journalismus weniger als nüchterner Chronist, sondern vielmehr als moralisch motivierter Mitspieler verstand. Wer den Kampf gegen rechts zum Lebensinhalt erklärt, der gerät früher oder später in die Versuchung, die Story etwas nachzuhelfen, wenn sie nicht von selbst die gewünschte Dramatik liefert. Dass die jungen Männer auf der Anklagebank dafür offenbar einen passenden Resonanzboden boten, ändert nichts am grundsätzlichen Problem: Ein Journalismus, der seine eigene Wirkung über das saubere Handwerk stellt, beschädigt nicht nur sich selbst, sondern auch das Vertrauen in die gesamte vierte Gewalt.
Bemerkenswert bleibt am Ende auch dies: Während Geray für ihre Arbeit Preise einheimste, verblieb die kritische Aufarbeitung ausgerechnet einem Bericht der Süddeutschen Zeitung über einen BKA-Vermerk vorbehalten. Die mediale Selbstkontrolle hat in diesem Land offenkundig noch Luft nach oben. Sehr viel Luft sogar.
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