
Transatlantische Eiszeit: Europa und die USA auf Kollisionskurs

Die Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten befinden sich auf einem historischen Tiefpunkt. Der ehemalige PrĂ€sident der EuropĂ€ischen Kommission, JosĂ© Manuel Barroso, sprach in einem Interview von dem âniedrigsten Moment" seit der GrĂŒndung der NATO. Eine EinschĂ€tzung, die angesichts der jĂŒngsten Entwicklungen kaum ĂŒberraschen dĂŒrfte â und die fundamentale Fragen ĂŒber die Zukunft des westlichen BĂŒndnisses aufwirft.
Grönland-Ambitionen erschĂŒttern das Vertrauen
Was einst als unerschĂŒtterliche Partnerschaft galt, zeigt mittlerweile tiefe Risse. Die Bestrebungen von US-PrĂ€sident Donald Trump, Grönland unter amerikanische Kontrolle zu bringen, haben das Vertrauen europĂ€ischer Staats- und Regierungschefs nachhaltig erschĂŒttert. Die dĂ€nische Autonomieregion wurde zum Zankapfel einer Diplomatie, die sich zunehmend von gemeinsamen demokratischen Werten entfernt und stattdessen von nackten Interessen getrieben wird.
Barroso, der auch als ehemaliger portugiesischer Premierminister ĂŒber jahrzehntelange diplomatische Erfahrung verfĂŒgt, bezeichnete Trump als den âgroĂen Disruptor". Eine bemerkenswerte Charakterisierung, die den Kern des Problems trifft: Der amerikanische PrĂ€sident gehe mit VerbĂŒndeten und Freunden oftmals hĂ€rter um als mit tatsĂ€chlichen Gegnern.
Dramatischer Vertrauensverlust in Zahlen
Die Erosion des transatlantischen Vertrauens lĂ€sst sich mittlerweile in erschreckenden Zahlen messen. Laut einer Umfrage des European Council on Foreign Relations betrachten nur noch 16 Prozent der EuropĂ€er die USA als VerbĂŒndeten, der dieselben Werte teilt. Im Vorjahr waren es immerhin noch 21 Prozent. Besonders alarmierend: Ganze 20 Prozent sehen die Vereinigten Staaten inzwischen als Rivalen oder gar als Feind.
In GroĂbritannien, traditionell der engste europĂ€ische Partner Washingtons, brach das Vertrauen regelrecht ein. Der Anteil derjenigen, die die USA als wertebasierten VerbĂŒndeten betrachten, stĂŒrzte von 37 auf 25 Prozent ab. Ein Absturz, der die Tiefe der Entfremdung verdeutlicht.
Europa rĂŒstet auf â notgedrungen
Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind bereits spĂŒrbar. EuropĂ€ische Staats- und Regierungschefs treiben die âeuropĂ€ische SouverĂ€nitĂ€t" im Verteidigungsbereich mit Hochdruck voran. Beim NATO-Gipfel in Den Haag verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten, bis 2035 fĂŒnf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung fĂŒr Verteidigung und Sicherheit auszugeben â ein historischer Schritt, der ohne den Druck aus Washington kaum denkbar gewesen wĂ€re.
âWenn man die NATO erhalten will, wird es eine stĂ€rker europĂ€isierte NATO sein", erklĂ€rte Barroso und mahnte, Europa dĂŒrfe sich nicht allein auf die Amerikaner verlassen.
Ein Silberstreif am Horizont?
Trotz aller DĂŒsternis warnte Barroso davor, das Ende der transatlantischen Allianz auszurufen. Die NATO sei durch den Beitritt Schwedens und Finnlands sogar stĂ€rker geworden und operiere nun nĂ€her an der russischen Grenze als je zuvor. Die USA blieben fĂŒr Europas Sicherheit unverzichtbar.
Dennoch bleibt die Frage, wohin die Reise geht. Die âRupturphase", wie Barroso sie nennt, könnte entweder in eine Neuordnung der Beziehungen mĂŒnden â oder in eine dauerhafte Entfremdung. FĂŒr Deutschland und Europa bedeutet dies vor allem eines: Die Zeit der bequemen AbhĂ€ngigkeit von amerikanischen Sicherheitsgarantien neigt sich dem Ende zu. Ob die europĂ€ischen Staaten dieser Herausforderung gewachsen sind, wird sich zeigen mĂŒssen.










