
US-Zölle auf Goldbarren: Warum die 1-Kilo-Barren-Debatte den Weltmarkt und die Aufgelder bewegt
Ende Juli 2025 sorgte eine unscheinbare Verwaltungsentscheidung für Aufruhr an den Goldmärkten: Die US-Zollbehörde stufte 1-Kilo- und 100-Unzen-Barren als zollpflichtig ein. Ausgerechnet jene Formate, die an der New Yorker Terminbörse Comex physisch geliefert werden. Für wenige Tage riss der Goldpreis in New York um mehr als hundert Dollar nach oben über den Weltmarkt. Was nach einer technischen Randnotiz klingt, berührt den Kern des globalen Goldhandels: die Frage, welcher Barren wo als Standard gilt, und was das für Aufgelder und Verfügbarkeit bedeutet.
Was Ende Juli 2025 wirklich passierte
Am 31. Juli 2025 verschickte die US-Zollbehörde Customs and Border Protection (CBP) an Schweizer Raffinerien einen sogenannten Ruling Letter – ein Schreiben, mit dem die Behörde Handelsfragen klarstellt. Darin wurden 1-Kilogramm- und 100-Unzen-Goldbarren einer Zolltarifnummer zugeordnet, die dem vollen Länderzoll unterliegt. Für die Schweiz bedeutete das nach dem 7. August 2025 einen Satz von 39 Prozent.
Der entscheidende Punkt: Die Branche war bis dahin davon ausgegangen, dass genau diese Barren unter einem von den Zöllen ausgenommenen Code laufen. Bereits im April 2025 hatte eine Executive Order Goldbarren ausdrücklich von den reziproken Zöllen ausgenommen – darauf wies auch die London Bullion Market Association hin. Der Ruling Letter widersprach dieser Erwartung und löste damit die Unsicherheit aus.
Der Kern in drei Sätzen
- Ein Verwaltungsschreiben der CBP stufte am 31. Juli 2025 die wichtigsten Comex-Lieferformate als zollpflichtig ein.
- Der Goldpreis in New York sprang kurzzeitig deutlich über den Weltmarktpreis – ein Zeichen für akute Marktanspannung.
- Am 11. August 2025 stellte die US-Regierung klar, dass auf Goldbarren keine Zölle erhoben werden. Die konkrete Gefahr war damit vom Tisch.
Warum ausgerechnet der 1-Kilo-Barren so wichtig ist
Um zu verstehen, warum eine Tarifnummer den Markt bewegen kann, muss man die Geografie des Goldhandels kennen. Der weltweite Großhandel läuft über zwei Zentren mit unterschiedlichen Standardformaten – und genau dieser Unterschied wurde zum Problem.
London: der 400-Unzen-Großbarren
In London, dem Herz des außerbörslichen Goldhandels, ist der Good-Delivery-Barren zu rund 400 Feinunzen – etwa 12,4 Kilogramm – das Maß der Dinge. Dieser Ziegelstein aus Gold ist die Recheneinheit der London Bullion Market Association und liegt in den Tresoren, die den Weltmarktpreis, den sogenannten Spotpreis, tragen.
New York: der Kilobarren an der Comex
An der New Yorker Terminbörse Comex, dem weltweit größten Handelsplatz für Gold-Futures, gelten andere Regeln. Wer ein Termingeschäft physisch erfüllen will, muss Gold in zugelassenen Formaten liefern – historisch der 100-Unzen-Barren, seit einigen Jahren zusätzlich der handliche 1-Kilo-Barren, der aus dem asiatischen Handel stammt. Der Kilobarren hat in etwa die Größe eines Smartphones und ist das meistgehandelte Format geworden.
Die Krux: Ein Londoner 12,4-Kilo-Barren passt nicht ins Comex-System. Wer Gold aus London nach New York bringen und dort andienen will, muss es umschmelzen lassen – und diese Arbeit erledigen vor allem Schweizer Raffinerien.
Die Rolle der Schweiz: Drehscheibe ohne eigene Minen
Die Schweiz baut praktisch kein Gold ab, ist aber eine der zentralen Drehscheiben des weltweiten Goldhandels. Vier der sieben größten Goldraffinerien der Welt stehen dort. Sie verarbeiten einen erheblichen Teil des global gehandelten Goldes – und sie sind es, die Londoner Großbarren in Comex-taugliche Kilobarren umgießen.
Genau dieser Mechanismus erklärt die spektakulären Handelszahlen des Jahres 2025: Aus Furcht vor Zöllen importierten Banken, Vermögensverwalter und andere Marktteilnehmer zu Jahresbeginn enorme Mengen Kilobarren in die USA. Der Nachschub kam über London, wurde in der Schweiz umgeschmolzen und weiter nach New York verschifft.
Die Größenordnung ist beachtlich: Laut Berechnungen von Tamedia-Zeitungen anhand der Zolldatenbank des Bundes wurden im ersten Halbjahr 2025 rund 476 Tonnen Gold im Wert von etwa 39 Milliarden Franken in die USA geliefert – ein Boom, der den Schweizer Handelsüberschuss mit den USA zusätzlich aufblähte. Als klar wurde, dass der Zoll zunächst doch nicht greifen würde, verlor dieser außergewöhnliche Goldstrom rasch an Schwung.
Der London-New-York-Spread: wenn ein Preis auseinanderfällt
Normalerweise laufen der Londoner Spotpreis und der New Yorker Future-Preis eng nebeneinander. Kleine Abweichungen bügeln Händler durch Arbitrage aus: Wo Gold billiger ist, wird gekauft; wo es teurer ist, verkauft. Solange Gold frei zwischen den Zentren fließt, bleibt die Lücke klein.
Der Ruling Letter drohte genau diesen Fluss zu unterbrechen. Wenn jeder importierte Kilobarren mit 39 Prozent Zoll belastet wird, kann kein Händler mehr günstig aus London nachliefern. Die Folge: Der Comex-Preis löste sich vom Weltmarkt. Nach dem Bericht schoss der New Yorker Preis auf ein neues Rekordniveau von rund 3.534 Dollar, während Gold in Europa und Asien bei etwa 3.395 Dollar gehandelt wurde. Der Aufschlag betrug damit rund 135 Dollar je Unze allein für physisches Gold innerhalb der USA.
Warum ein Preis-Spread entsteht
- Freier Fluss: Solange Gold zollfrei wandern kann, gleichen Arbitrageure Preisunterschiede aus – London und New York bleiben gekoppelt.
- Barriere: Ein Importzoll macht Nachschub teuer. Wer in New York physisch liefern muss, kann nicht mehr günstig aus London ausgleichen.
- Ergebnis: Der lokale US-Preis steigt über den Weltmarkt. Der Spread misst die Kosten der Handelsbarriere.
Für den Terminmarkt ist das mehr als eine Kuriosität. An der Comex stehen den Kontrakten physische Bestände gegenüber, die sogenannten Registered-Bestände – jenes Gold, das tatsächlich für Auslieferungen bereitsteht. Zwar erreichten die Comex-Lager im April 2025 ein Rekordhoch. Doch ein dauerhafter Zoll hätte den Nachschub abgeschnitten und die verfügbaren Mengen unter Druck gesetzt.
Die Kehrtwende vom 11. August 2025
Die Aufregung währte nur wenige Tage. Hinter den Kulissen liefen sofort Gespräche zwischen der London Bullion Market Association, US-Behörden und Marktteilnehmern. Am 11. August 2025 stellte die US-Regierung öffentlich klar, dass auf Goldbarren keine Zölle erhoben werden. Die konkrete Gefahr eines 39-Prozent-Zolls auf Comex-Lieferformate war damit vom Tisch.
Für die Schweizer Raffinerien, internationale Händler und Anleger war das eine Entlastung: Der Zugang zum US-Markt blieb erhalten, die Lieferketten stabilisierten sich. Doch die Episode hat gezeigt, wie verwundbar der physische Goldhandel gegenüber handelspolitischen Entscheidungen ist. Ein einziges Verwaltungsschreiben genügte, um den wichtigsten Terminmarkt der Welt in Aufruhr zu versetzen.
Was das für physische Käufer bedeutet
Auf den ersten Blick wirkt die Debatte wie ein Thema für Großbanken und Terminhändler. Doch sie berührt einen Punkt, der jeden physischen Käufer angeht: das Aufgeld, also die Prämie über dem reinen Materialwert.
Das Aufgeld eines Barrens setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: Herstellungskosten, Logistik, Versicherung, Händlermarge – und der aktuellen Verfügbarkeit. Gerade der letzte Punkt reagiert empfindlich auf Marktverwerfungen. Wenn Formate knapp werden oder Lieferketten stocken, steigen die Aufgelder. Genau das drohte im Sommer 2025 für bestimmte Formate im US-Markt.
Warum die Barrenwahl zählt
Für Privatanleger in Europa hat die konkrete US-Zollfrage keine unmittelbare Wirkung. Wohl aber die Erkenntnis dahinter: Format, Hersteller und Verfügbarkeit bestimmen das Aufgeld mit. Einige Faustregeln:
- Grössere Barren haben in der Regel ein niedrigeres Aufgeld pro Gramm als kleine, weil sich die Fixkosten der Herstellung auf mehr Material verteilen.
- Kleine Stückelungen bieten dafür mehr Flexibilität beim späteren Teilverkauf – man muss nicht ein ganzes Kilo veräußern, um Liquidität zu schaffen.
- Geprägte Barren kosten meist etwas mehr als Gussbarren, punkten aber optisch und mit Sicherheitsmerkmalen wie Seriennummer und Blister.
- Anerkannte Hersteller (etwa Heraeus, Valcambi, Argor-Heraeus, C. Hafner) sichern gute Wiederverkäuflichkeit, weil ihre Barren am Markt sofort akzeptiert werden.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Marktdaten und Preise beziehen sich auf den Stand der genannten Quellen im Sommer 2025 und verändern sich laufend.
Gold im Blick: der langfristige Kontext
Die Zolldebatte fiel in eine Phase außergewöhnlicher Goldnachfrage. Die Notenbanken vieler Industrie- und Schwellenländer bauen ihre Bestände seit Jahren aus, und der Goldpreis kletterte 2025 auf Rekordniveaus. In diesem Umfeld wirken handelspolitische Störungen wie ein Brennglas: Sie verstärken Kursausschläge, die es ohne die ohnehin angespannte Lage nicht gäbe.
Wer die Preisentwicklung über längere Zeiträume betrachtet, erkennt, dass kurzfristige Spitzen wie der New Yorker Aufschlag im August 2025 Episoden bleiben – der Weltmarktpreis in London ist die tragende Größe.
Für eine breitere Einordnung lohnt der Blick auf verwandte Beiträge im Magazin: etwa dazu, wie sich Gold bei der privaten Einfuhr und Reise verhält, oder welche Rolle Importzölle in großen Nachfrageländern spielen, wie im Fall von Indiens Goldnachfrage und dem Importzoll-Schock. Wer sich für die konkrete Formatwahl interessiert, findet in der Kategorie 1-Kilo-Goldbarren sowie generell unter Goldbarren und Gold einen Überblick.
Häufige Fragen
Gelten aktuell US-Zölle auf Goldbarren?
Nein. Der Ruling Letter der US-Zollbehörde vom 31. Juli 2025 hatte zwar 1-Kilo- und 100-Unzen-Barren als zollpflichtig eingestuft. Am 11. August 2025 stellte die US-Regierung jedoch öffentlich klar, dass auf Goldbarren keine Zölle erhoben werden. Die konkrete Gefahr war damit vom Tisch. Handelspolitische Entscheidungen können sich aber jederzeit ändern.
Warum waren gerade 1-Kilo- und 100-Unzen-Barren betroffen?
Weil es die Standardformate für die physische Lieferung an der New Yorker Terminbörse Comex sind. Der 100-Unzen-Barren ist das klassische Comex-Format, der handliche 1-Kilo-Barren stammt aus dem asiatischen Handel und ist heute das meistgehandelte Lieferformat. Ein Zoll auf genau diese Formate hätte den Kern des Terminhandels getroffen.
Was hat die Schweiz mit US-Goldzöllen zu tun?
Die Schweiz baut kaum Gold ab, ist aber eine zentrale Drehscheibe des Handels: Vier der sieben größten Goldraffinerien der Welt stehen dort. Sie schmelzen Londoner Großbarren zu 12,4 Kilogramm in Comex-taugliche Kilobarren um. Deshalb liefen die US-Importe zu großen Teilen über Schweizer Raffinerien – und wären vom Zoll direkt betroffen gewesen.
Was ist der Unterschied zwischen dem London- und dem Comex-Preis?
Der Londoner Spotpreis bezieht sich auf physisches Gold im außerbörslichen Großhandel und gilt als Weltmarktpreis. Der Comex-Preis ist der Future-Preis an der New Yorker Terminbörse. Normalerweise laufen beide eng nebeneinander. Als der Zoll drohte, lösten sie sich voneinander: Der New Yorker Preis stieg zeitweise rund 135 Dollar je Unze über den Weltmarkt.
Beeinflusst so eine Zolldebatte das Aufgeld beim Barrenkauf?
Indirekt ja. Das Aufgeld hängt neben Herstellung, Logistik und Marge auch von der Verfügbarkeit der Formate ab. Werden bestimmte Barren knapp oder stocken Lieferketten, können die Prämien steigen. Für europäische Privatkäufer hatte die US-Zollfrage aber keine unmittelbare Wirkung auf die hiesigen Aufgelder.
Welches Barrenformat ist für Privatanleger sinnvoll?
Das hängt vom Ziel ab. Grössere Barren haben ein niedrigeres Aufgeld pro Gramm, kleine Stückelungen bieten mehr Flexibilität beim späteren Teilverkauf. Geprägte Barren kosten etwas mehr als Gussbarren, punkten aber mit Sicherheitsmerkmalen. Wichtig ist ein anerkannter Hersteller, weil das die Wiederverkäuflichkeit sichert. Das ist eine Information, keine Anlageberatung.

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