
Telefonate, die es nie gab: Wie Kanzleramt und Berliner Senatskanzlei gemeinsam an einer Legende bastelten

Es gibt AffĂ€ren, die um Milliarden kreisen â und es gibt solche, die um wenige SĂ€tze kreisen und dennoch tiefer blicken lassen als jeder Haushaltsplan. Der Fall Kai Wegner gehört in die zweite Kategorie. Denn hier geht es nicht um einen verunglĂŒckten Halbsatz eines ĂŒbermĂŒdeten Landespolitikers, sondern womöglich um die Frage, ob zwei Regierungszentralen â die eine in der Berliner WilhelmstraĂe, die andere am Willy-Brandt-Platz â gemeinsam daran gearbeitet haben könnten, eine öffentliche Unwahrheit am Leben zu halten.
Der Ursprung: ein Stromausfall und ein Telefonat, das niemand findet
RĂŒckblick auf Anfang Januar. Berlin ohne Strom, Zehntausende im Dunkeln, und ein Regierender BĂŒrgermeister, der HandlungsfĂ€higkeit demonstrieren möchte. Am 5. Januar erklĂ€rte Wegner, er habe âgesternâ â also am 4. Januar â âeinmal mehrâ mit Bundeskanzler Friedrich Merz telefoniert. Zwei kleine Wörter mit groĂer Wirkung: âeinmal mehrâ setzt logisch zwingend ein vorheriges GesprĂ€ch voraus. Der BĂŒrgermeister als jemand, der den Kanzler im Kurzwahlspeicher hat. Ein schönes Bild. Nur offenbar keines, das der RealitĂ€t entspricht.
Denn nach Recherchen des Tagesspiegels ist bereits fraglich, ob es ĂŒberhaupt jemals ein direktes GesprĂ€ch zwischen Wegner und Merz gab. Die Senatskanzlei beharrte auf einem Telefonat am Abend des 4. Januar. Das Kanzleramt widersprach: Ein persönliches GesprĂ€ch habe es nicht gegeben â weder von Angesicht zu Angesicht noch am Telefon. Ein solches Telefonat sei nicht âfeststellbarâ, und der Kanzler könne sich auch nicht daran erinnern. FĂŒr eine Regierungszentrale, die GesprĂ€chsprotokolle fĂŒhrt wie ein Notar seine Urkunden, ist das eine bemerkenswert dĂŒrre Auskunft.
Wie aus âGesprĂ€chen mit dem Kanzleramtschefâ plötzlich âTelefonate mit Merzâ wurden
Nun wird es interessant. Das Kanzleramt hielt zunĂ€chst eisern an der Version fest, es habe âmehrere Telefonateâ zwischen Wegner und Merz gegeben. In einer Antwort vom 8. Januar hieĂ es, am 3. Januar habe es mehrere GesprĂ€che des Regierenden BĂŒrgermeisters mit dem Bundeskanzler und dem Kanzleramtsminister ĂŒber mögliche BundesunterstĂŒtzung fĂŒr Berlin gegeben.
Der interne Antwortentwurf jedoch â dem Bericht zufolge von der Leiterin der Abteilung fĂŒr Innen- und Rechtspolitik im Kanzleramt an die Senatskanzlei weitergeleitet â kannte den Kanzler an dieser Stelle gar nicht. Dort war lediglich von GesprĂ€chen mit âChefBKâ die Rede, dem damaligen Chef des Bundeskanzleramts Thorsten Frei. Von Merz: kein Wort.
Aus einem GesprÀch mit dem Kanzleramtschef wird auf dem Weg zur Pressestelle ein Telefonat mit dem Kanzler. Ein Schreibfehler? Oder eine GefÀlligkeit?
Die eigentliche Zumutung: die Weitergabe der Presseanfragen
Das eigentliche Skandalon liegt jedoch woanders. Presseanfragen an die Bundesregierung wurden nach dem Bericht widerrechtlich an die Berliner Senatsverwaltung durchgestellt â samt Antwortentwurf. Damit war Wegner vorgewarnt, dass Journalisten seinen Aussagen auf den Grund gehen. Wer so agiert, verwandelt journalistische Kontrolle in ein abgestimmtes Spiel zwischen Parteifreunden. Zwei CDU-gefĂŒhrte Amtsstuben, ein gemeinsames Interesse â und die Presse als Störfaktor, den man frĂŒhzeitig durchschaut.
Beide Seiten bestreiten Absprachen. Das Kanzleramt spricht von einem MissverstĂ€ndnis in der Kommunikation und betont, es habe keine Verabredung mit dem Chef der Senatskanzlei oder anderen Vertretern gegeben. Man mag das glauben. Man darf aber auch fragen, wie ein âMissverstĂ€ndnisâ ausgerechnet in jene Richtung ausschlĂ€gt, die dem Regierenden BĂŒrgermeister aus der Bredouille hilft.
Warum das mehr ist als eine Berliner Provinzposse
Friedrich Merz ist mit dem Versprechen angetreten, SeriositĂ€t und VerlĂ€sslichkeit zurĂŒckzubringen. Nach der Selbstzerlegung der Ampel klang das nach einem Neuanfang. Doch was folgte, war ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro, die KlimaneutralitĂ€t im Grundgesetz und ein gebrochenes Schuldenversprechen. Wer beim Geld der BĂŒrger flexibel mit Zusagen umgeht, sollte sich nicht wundern, wenn ihm auch bei der Frage, wer wann mit wem telefoniert hat, niemand mehr aufs Wort glaubt.
Vertrauen ist die hĂ€rteste WĂ€hrung der Politik â und sie wird, Ă€hnlich wie Papiergeld, durch beliebige Vermehrung entwertet. Wer als BĂŒrger diese Entwertung beobachtet, zieht daraus SchlĂŒsse. Nicht nur an der Wahlurne, sondern auch bei der Frage, worin er seine Ersparnisse hĂ€lt. Physische Edelmetalle kennen keine AntwortentwĂŒrfe, keine MissverstĂ€ndnisse und keine ErinnerungslĂŒcken. Ein Barren Gold liegt im Tresor und behauptet nichts.
Bleibt die Frage, die niemand beantworten will: Wie kamen Telefonate, die es offenbar nie gab, in eine offizielle Antwort der Bundesregierung? Solange darauf keine belastbare ErklĂ€rung folgt, bleibt der Verdacht im Raum stehen â und mit ihm der Eindruck, dass ParteibuchsolidaritĂ€t in Deutschland immer noch schwerer wiegt als die Wahrheit gegenĂŒber dem BĂŒrger.
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