Kettner Edelmetalle
06.07.2025
17:23 Uhr

Schengen am Scheideweg: Wenn Grenzkontrollen zur neuen NormalitÀt werden

Die europĂ€ische Reisefreiheit, einst als Kronjuwel der EU-Integration gefeiert, bröckelt zusehends. Mit Polen reiht sich nun bereits das zwölfte von 29 Schengen-LĂ€ndern in die wachsende Liste jener Staaten ein, die ihre Grenzen wieder kontrollieren. Was als temporĂ€re Notmaßnahme gedacht war, entwickelt sich schleichend zur dauerhaften RealitĂ€t – und die EU-Kommission schaut hilflos zu.

Der Dominoeffekt der Abschottung

Polens Entscheidung komme nicht von ungefĂ€hr, heißt es aus Warschau. Man reagiere explizit auf die deutschen Grenzkontrollen – ein Teufelskreis, der sich durch ganz Europa zieht. Der belgische EVP-Europaabgeordnete Pascal Arimont warnt eindringlich vor diesem gefĂ€hrlichen Trend: Die Normalisierung von Grenzkontrollen untergrabe den europĂ€ischen Gedanken. Seine Forderung nach einer juristischen PrĂŒfung durch die EU-Kommission wirkt dabei fast schon verzweifelt angesichts der RealitĂ€t.

Die Liste der kontrollierenden Staaten liest sich wie ein Who's Who der EU: Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Österreich, Italien, Slowenien, DĂ€nemark, Schweden, Norwegen, Spanien und die Slowakei haben bereits Kontrollen eingefĂŒhrt. Belgien kĂŒndigte an, im Sommer nachzuziehen. Das macht dann 13 von 29 – fast die HĂ€lfte des Schengen-Raums.

Die rechtliche Grauzone

Zwar erlaubt der Schengen-Kodex in Artikel 25 temporĂ€re Grenzkontrollen bei Bedrohung der öffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit. Doch was bedeutet "temporĂ€r", wenn DĂ€nemark seit acht Jahren kontrolliert und an der bayerisch-österreichischen Grenze seit Herbst 2015 – also seit fast einem Jahrzehnt – PĂ€sse geprĂŒft werden? Die EU-Kommission mahnt zwar regelmĂ€ĂŸig, Kontrollen mĂŒssten zeitlich und örtlich begrenzt sein und als "ultima ratio" eingesetzt werden. Doch ihre zahnlosen Stellungnahmen verhallen ungehört.

"Das muss aufhören, selbstverstĂ€ndlich. Und wir mĂŒssen unseren Job machen als EU-Kommission"

So klingt EU-Innenkommissar Magnus Brunner fast schon resigniert. Seine Hoffnung ruht auf dem neuen Asyl- und Migrationspakt, der ab Sommer 2026 greifen soll. Doch bis dahin vergehen noch Monate – Zeit, in der sich die Grenzkontrollen weiter verfestigen könnten.

Die wahren Ursachen des Problems

Hinter der Erosion des Schengen-Raums steckt das jahrelange Versagen der EU-Migrationspolitik. Statt die Außengrenzen effektiv zu schĂŒtzen und illegale Migration konsequent zu unterbinden, hat man das Problem jahrelang vor sich hergeschoben. Die Folge: Mitgliedstaaten greifen zur Selbsthilfe und fĂŒhren Binnengrenzkontrollen ein – ein Armutszeugnis fĂŒr die europĂ€ische SolidaritĂ€t.

Besonders pikant: WĂ€hrend die EU-Kommission bei Grenzkontrollen beide Augen zudrĂŒckt, zeigt sie sich bei anderen Themen durchaus handlungsfĂ€hig. Klimaziele werden penibel ĂŒberwacht, Gender-Richtlinien durchgedrĂŒckt und Ungarn wegen eines Paradenverbots gerĂŒgt. Doch beim Kernversprechen der EU – der Reisefreiheit – versagt BrĂŒssel auf ganzer Linie.

Ein Europa der Kleinstaaterei

Was wir erleben, ist die schleichende RĂŒckkehr zu einem Europa der SchlagbĂ€ume. Die wirtschaftlichen Folgen sind verheerend: Pendler stehen stundenlang im Stau, Lieferketten werden unterbrochen, der Warenverkehr stockt. Allein die deutschen Grenzkontrollen kosten die Wirtschaft SchĂ€tzungen zufolge Milliarden Euro jĂ€hrlich. Doch der wahre Schaden ist ideeller Natur: Das Vertrauen in die europĂ€ische Idee schwindet.

Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hatte versprochen, die Beziehungen zu den Nachbarstaaten zu verbessern. Doch solange Deutschland selbst an Grenzkontrollen festhĂ€lt, bleiben solche AnkĂŒndigungen Makulatur. Polen kontrolliert nun zurĂŒck – eine "Retourkutsche", wie Beobachter es nennen, die zeigt, wie tief das Misstrauen zwischen den EU-Partnern mittlerweile sitzt.

Der Preis der UntÀtigkeit

Die EU-Kommission steht vor einem Dilemma: Einerseits kann sie angemeldete Grenzkontrollen nicht verbieten, andererseits untergrĂ€bt ihre PassivitĂ€t die eigene GlaubwĂŒrdigkeit. WĂ€hrend man bei Pride-Paraden in Ungarn Flagge zeigt und neue Klimaziele fĂŒr 2040 verkĂŒndet, versagt man beim Schutz einer der grĂ¶ĂŸten Errungenschaften der europĂ€ischen Integration.

Es rĂ€cht sich nun, dass man jahrelang die Sorgen der BĂŒrger ignoriert hat. Die zunehmende KriminalitĂ€t, die vielen Messerangriffe und die unkontrollierte Migration haben das SicherheitsgefĂŒhl der Menschen erschĂŒttert. Statt diese Probleme an der Wurzel zu packen, hat die Politik weggeschaut – und nun greifen die Mitgliedstaaten zu drastischen Maßnahmen.

40 Jahre nach Unterzeichnung des Schengen-Abkommens steht Europa am Scheideweg: Entweder gelingt es, die Reisefreiheit zu retten, indem man endlich die Außengrenzen effektiv schĂŒtzt und illegale Migration konsequent bekĂ€mpft. Oder wir erleben die schleichende RĂŒckkehr zu einem Europa der Grenzen – mit all den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die das mit sich bringt. Die Zeit drĂ€ngt, denn mit jedem Tag, an dem Grenzkontrollen zur NormalitĂ€t werden, stirbt ein StĂŒck europĂ€ische Idee.

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